Sport : Pferde als Therapie

Der gelähmte Jockey Zschache ist nun Trainer

Hartmut Moheit[Hoppegarten]
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Große Liebe. Nach einem Reitunfall blieb Zschache den Pferden treu. Foto: GaloppfotoFrank Sorge / Galoppfoto

Mit dem Rücken an sein Auto gelehnt wartet Christian Zschache, dass eines seiner Pferde auf der Trainingsbahn in Hoppegarten erscheint. Er braucht diese Stütze hinter sich. Der Besitzertrainer ist seit zehn Jahren, seit einem Reitunfall, querschnittsgelähmt. Später wird er wieder im Rollstuhl in das Stallgebäude fahren und bei seinen Tieren sein. „Ich bin jetzt mit meinem Leben zufrieden“, sagt der ehemalige Jockey, der einst Derbys gewann und auch die schwersten Hinderniskurse nahezu schadlos bewältigt hatte. „Dass ich wieder so denken kann, daran hat der Pferdesport den entscheidenden Anteil“, erzählt der heutige Galopptrainer.

Am Horizont erblickt Zschache durch sein Fernglas das erwartete Pferd. Er sieht, dass sein Schützling gut drauf ist, ihn die Galoppade kaum anstrengt und er offensichtlich Spaß an der Arbeit hat. Er bietet sich an, wie die Trainer es nennen. Super Hector, das gerade trainierende Pferd, wird genauso gesehen und behandelt wie die anderen vier Tiere in seinem Stall. Obwohl Zschache eigentlich in diesen Tagen Palermo besondere Aufmerksamkeit schenken müsste. Mit dem Dreijährigen möchte er sich am 3. Oktober in Hoppegarten einen großen Wunsch erfüllen. „Ich habe immer davon geträumt, einen Starter beim Preis der Deutschen Einheit zu haben. Jetzt wird Palermo in diesem Rennen dabei sein – und nicht chancenlos“, erzählt der 59-Jährige. In diesem Jahr wurde der Braune schon einmal in Baden-Baden in einem Gruppe-III-Rennen Zweiter, hat 2009 insgesamt knapp 35 000 Euro gewonnen und verfügt mit 93 Kilogramm über eine recht hohe Qualitätseinstufung. „So ein Pferd zu haben, ist natürlich auch ein großes Glück“, sagt Zschache, der den Hengst gepachtet hat. Denn es ist für ihn finanziell nicht leicht, über die Runden zu kommen. „Bei mir müssen sich die Pferde eigentlich selbst durch ihre Gewinnsummen ernähren, denn ich bekomme ja nur eine kleine Rente“, erzählt der Trainer. Aber Palermo hat in diesem Jahr für etwas Entspannung gesorgt.

Es gibt aber auch Zeiten, in denen er sehr froh war, dass ihn sein Bruder Andreas, ein Zahnarzt und Züchter aus Gransee, finanziell unterstützt hat. Überhaupt war es für Christian Zschache nur möglich, so weit zu kommen, weil ihm nach dem schlimmen Unfall von vielen Seiten geholfen wurde. In einem Interview hatte er den Vorgang, der damals sein Leben so gravierend geändert hat, geschildert: „Als wir durch eine Wasserpfütze ritten, hat sich das Pferd plötzlich erschreckt. Es ist dann in einen Seitenweg gerannt, aber da war ich auch schon aus dem Sattel geglitten. Dann hat mich ein Huf in der Magengegend getroffen. Der Weg ist gepflastert…“ Die bis heute anhaltende Hilfsbereitschaft half ihm danach, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Es gab eine Spendenaktion, die Berufsgenossenschaft kümmerte sich, er bekam ein Pferd geschenkt und er wurde mit der Aufgabe betraut, an jedem Renntag das richtige Gewicht der Jockeys zu protokollieren.

Für Christian Zschache ist die Beschäftigung mit den Pferden und die direkte Nähe zur Galoppszene der wichtigste Therapieansatz gewesen. Mit besonderer Dankbarkeit spricht er von Andreas Niedeggen aus dem Berliner Unfallkrankenhaus, der auch den verunglückten Turner Ronny Ziesmer betreute. „Dort wurde mir der Weg zurück ins Leben gewiesen“, sagt Zschache. Auf einem Pferd geritten ist er seitdem nur einmal, „aber das war zu gefährlich“. Als Ersatz dafür dient ihm ein Pony. „Das weiß, was ich habe und ist ganz vorsichtig mit mir“, erzählt er.

Der Hoppegartener Galopptrainer kämpft auch weiterhin jeden Tag, Woche für Woche in der Reha um körperliche Verbesserungen. So unterbricht er die Trainingsarbeit mit den Pferden am Vormittag, geht dann schwimmen oder zu einem anderen Training und beschäftigt sich ab 13 Uhr wieder mit seinen Tieren. Unterstützt wird er „morgens und nachmittags von zwei, drei jungen Frauen, die das aus Spaß an Pferden, nicht für Geld machen. Aber wenn was gewonnen wird“, sagt Zschache, „dann bekommen sie davon etwas ab.“ Beim Preis der Deutschen Einheit am kommenden Samstag gibt es bis zum vierten Platz Geld, der Sieger erhält 22 000 Euro, aber davon wagt Andreas Zschache nicht zu träumen.

Auf der Bahn, die sein Leben bisher derart geprägt und auf der nun wieder der alte Glanz aufpoliert wird, dieses Rennen zu gewinnen, wäre für ihn das Allergrößte.

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