Sport : Polonia Dortmund

Die neue Liebe von Polens Fußballfans heißt BVB. Mit Lewandowski, Piszczek und Blaszczykowski ist der Klub jetzt ihr Ersatz-Nationalteam

Adler verpflichtet.
Adler verpflichtet.

Spektakulärer hätte der 13. Spieltag der polnischen „Ekstraklasa“am vergangenen Freitag nicht sein können. Mit Wisla Krakau und Legia Warschau trafen zwei Mannschaften aufeinander, die gemeinsam mit Lech Posen die „Wielka Trojka“ – die großen Drei – bilden, die bis auf die Saison 2006/07 in den letzten 10 Jahren die Meisterschaft untereinander ausmachten. Auch wenn das Spiel, das Wisla mit 4:0 überraschend deutlich für sich entscheiden konnte, die polnische Liga überstrahlte: Die volle Aufmerksamkeit der Fußballfans und der Presse konnte es dennoch nicht auf sich ziehen. Als im ausverkauften Krakauer Stadion die 30. Spielminute anbrach, begannen die polnischen Nachrichtenportale wie selbstverständlich ihre Berichterstattung über das Spiel eines Klubs, zu dessen frühen Stars Spieler wie Niepieklo, Kelbassa, Kwiatkowski oder Tilkowski gehörten, der sich aber bei seiner Gründung 1909 ausgerechnet nach dem in Polen so verpönten Preußen nannte: Borussia Dortmund.

Nachdem zu Jakub „Kuba“ Blaszczykowski, der seit 2007 beim BVB spielt, in diesem Sommer Robert Lewandowski und Lukasz Piszczek stießen, spricht man östlich der Oder nur noch von der „polnischen Borussia“. In Fernsehberichten, in Zeitungsartikeln, selbst unter Fans nutzt man diesen Begriff, der mit jedem weiteren Erfolg der Borussen in Polen immer selbstverständlicher wird.

Auch in Dortmund spürt man inzwischen, wie viele Anhänger der Klub im Nachbarland gewonnen hat – und das Interesse polnischer Journalisten. „Schon als Kuba bei uns alleine spielte, gab es regelmäßig Anfragen der polnischen Presse“, sagt Josef Schneck, Pressesprecher des BVB. „Doch nachdem noch Robert Lewandowski und Lukasz Piszczek zu uns kamen, haben diese enorm zugenommen.“ Mittlerweile akkreditieren sich für jedes Heimspiel der Borussia gleich mehrere polnische Journalisten, auch beim Mannschaftstraining ist mindestens ein Kamerateam aus Polen dabei. Und bei den Fanartikeln haben die Trikotbestellungen aus Polen in dieser Saison stark zugenommen „Unsere Merchandising-Abteilung arbeitet mittlerweile an einem speziellen Angebot für Polen“, sagt Josef Schneck.

Dabei ist es ja nicht neu, dass in der Bundesliga gleich mehrere polnische Spieler ihr Geld verdienen. Jan Furtok, Marek Lesniak, Andrzej Buncol oder Andrzej Juskowiak machten die Bundesliga in den 80er und 90er Jahren in Polen nicht nur populär, sondern gleich zur „polnischsten Liga westlich der Oder“, wie es bis heute in Polen heißt. Und beim Dortmunder Erzrivalen Schalke gehörten vor zehn Jahren mit Tomasz Waldoch und Tomasz Hajto zwei polnische Nationalspieler zu den Leistungsträgern. „Auch damals war das polnische Interesse an Schalke groß“, erinnert sich Tomasz Waldoch. Polnische Journalisten seien zu den Spielen der Schalker und gelegentlich auch zum Training gekommen. „Doch mit dem heutigen Interesse für den BVB ist es nicht vergleichbar. Das ist viel größer“, erklärt der ehemalige Kapitän der Schalker und der polnischen Nationalmannschaft, der heute als Sportdirektor beim polnischen Erstligisten Gornik Zabrze arbeitet.

Weshalb ist aber das Interesse für den BVB heute größer als damals für die Schalker, die mit Waldoch und Hajto im Kader immerhin „Meister der Herzen“ und Pokalsieger wurden? „Würden bei einem anderen Bundesligisten ebenfalls drei Polen spielen, wäre unser Interesse auch vorhanden“, erklärt Michal Szadkowski, Sportjournalist der einflussreichen Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“. „Doch bei Dortmund spielen nicht irgendwelche Nationalspieler“, sagt Szadkowski, „sondern die größten Talente und Hoffnungsträger des polnischen Fußballs, die schon heute Leistungsträger in der Nationalmannschaft sind.“

Blaszczykowski und Lewandowski wurden in ihrer Heimat schon früh mit Superlativen bedacht. Blaszczykowski wurde von der Fußballlegende Zbigniew Boniek mit Luis Figo verglichen. Und Lewandowski, der vor zwei Jahren noch in der Zweiten Liga stürmte, machte nach seinem Wechsel zu Lech Posen solche Fortschritte, dass man schon bald fürchtete, er würde sich in der schwachen polnischen Liga langweilen. „Wir haben in den letzten zehn Jahren zwar immer wieder gute Fußballer hervorgebracht, aber meistens waren das Torhüter“, sagt Szadkowski. „Doch so beliebt Artur Boruc, Jerzy Dudek oder Lukasz Fabianski auch sein mögen: So sehr wie Offensivspieler können sie die Fans nicht begeistern.“ Der Journalist ist davon überzeugt, dass die Begeisterung für die drei polnischen Spieler und den BVB in Polen noch größer wird. „Dortmund muss gar nicht Deutscher Meister werden. Schon wenn sie sich für die Champions League qualifizieren, würde die Dortmunder in Polen noch mehr Fans bekommen.“ Seit 15 Jahren hat sich kein polnischer Klub mehr für den wichtigsten Europapokal-Wettbewerb qualifiziert. „Mit drei Landsleuten im Kader würden die erfolgshungrigen polnischen Fans diesen Erfolg auf sich reflektieren“, sagt Szadkowski. Eine Prognose, die die Merchandising-Abteilung des BVB sicherlich freuen wird.

Die drei Dortmunder Polen müssen allerdings auch die großen Erwartungen erfüllen, die man in sie setzt, wenn sie das Trikot der polnischen Nationalmannschaft tragen. „Dortmund ist die Hauptstadt des polnischen Fußballs“, hat in dieser Woche der Nationaltrainer Franciszek Smuda in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ erklärt. Die Dortmunder Spieler sollen bei der Heim-EM 2012 seine Leistungsträger sein. Nach dem Rauswurf des bisherigen Kapitäns Michal Zewlakow machte Smuda Blaszczykowski schon vor einigen Wochen zum Kapitän der „Weiß-Roten“, wie das Nationalteam genannt wird.

Trotz des Erfolgs, den sie momentan mit dem BVB haben, könnte die Nationalmannschaft für Blaszczykowski, Lewandowski und Piszczek zur größten Herausforderung ihrer Karriere werden. Die „Weiß-Roten“ stecken in einer schweren Krise: In der Weltrangliste rangieren sie momentan auf dem 71. Platz – so weit hinten wie noch nie zuvor. „Einen Grund zur Hoffnung“, wie die polnische Presse titelte, gab am Mittwoch jedoch das Testspiel gegen die Elfenbeinküste in Posen. 3:1 siegten die Polen und beendeten so ihre Serie von acht sieglosen Spielen. Der alles überragende Spieler des Abends, der zwei Tore erzielte, war Robert Lewandowski.

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