Protestaktion in der NFL : Sitzstreik gegen Rassismus

Der Footballer Kaepernick spaltet die USA – aus Protest gegen Rassismus bleibt er bei der Hymne sitzen.

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Colin Kaepernick.
Colin Kaepernick.Foto: AFP

Colin Kaepernick wird sein neues Ritual auch am Donnerstag beibehalten. Wenn um kurz vor 22 Uhr Ortszeit die Hymne im Football-Stadion von San Diego ertönt, wenn die Menschen um ihn herum, mutmaßlich mehrere zehntausend, wenn sich diese Menschen also von ihren Sitzen erheben, Snacks und Getränke beiseite stellen und für ihre Nationalhymne aufstehen, dann will Kaepernick – einfach sitzenbleiben. Irgendwo allein auf einer Bank, am Spielfeldrand. Keine Regung zeigen. Und auf gar keinen Fall mitsingen.

So hat es der Quarterback der San Francisco 49ers in den bisherigen Testspielen seines Arbeitgebers gehandhabt, so wird er es auch im letzten vor dem Saisonstart der US-amerikanischen National Football League (NFL) am zweiten September-Wochenende machen.

„Ich werde nicht aufstehen und Stolz für die Flagge eines Landes demonstrieren, das schwarze und farbige Menschen unterdrückt“, hat Kaepernick kürzlich gesagt – und damit eine heftige Diskussion ausgelöst, die seit Tagen das beherrschende Thema in den Vereinigten Staaten ist. Spätestens seit Dienstag hat die Debatte auch eine politische Dimension. Da hat sich der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump eingeschaltet und mit dem ihm eigenen Charme verkündet: „Das ist eine schlimme Sache. Vielleicht sollte er (Kaepernick) sich ein Land suchen, das ihm mehr zusagt.“

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Rassismusvorwürfe im US-Wahlkampf
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Von prominenten Sportlern kommt Unterstützung

Wer schon einmal ein Spiel in den USA besucht hat, der weiß: Sport und Patriotismus sind ein unzertrennliches Pärchen, gerade in der amerikanischsten Sportart, im American Football. Vor jedem Nachwuchsspiel in der High School ertönt die Nationalhymne und wird mitgesungen. Nicht für den „Star Spangled Banner“ aufzustehen, gilt als größtmögliche Verleumdung dem eigenen Land und, ganz besonders den Soldaten gegenüber, die für dessen Freiheit und Großartigkeit gekämpft haben und bei großen Spielen oft als Ehrengäste am Spielfeldrand stehen.

Entsprechend kontrovers sind die Reaktionen, sie reichen von Zustimmung über Ablehnung bis hin zu blankem Hass. Im Internet etwa kursiert gerade das Video eines Fans der 49ers, der in seinem Garten öffentlichkeitswirksam Kaepernicks Trikot verbrennt und dazu feierlich die Nationalhymne abspielt. Von vielen NFL-Größen und prominenten Ex-Sportlern gab dagegen es Lob für die Aktion.

„Was die Amerikaner entsetzen sollte, ist nicht Kaepernicks Entscheidung, bei der Nationalhymne sitzen zu bleiben“, sagte der sechsmalige NBA-Meister Kareem Abdul-Jabbar, „sondern dass wir fast 50 Jahre, nachdem Muhammad Ali wegen seines Protestes gesperrt wurde und die hochgereckten Fäuste von Tommie Smith und John Carlo öffentliche Ächtung hervorriefen, immer noch auf Rassendiskriminierung aufmerksam machen müssen.“

Die NFL ist die umsatzstärkste Liga der Welt - eine Gelddruckmaschine

Die NFL selbst hält sich bisher noch bedeckt, in einem offiziellen Statement heißt es lediglich, die Spieler würden „ermutigt, aber nicht zum Aufstehen gezwungen.“ Andererseits sollten sich die hohen – und überwiegend weißen – Herrschaften aus dem Vorstand vielleicht mal ein detaillierter mit dem Thema beschäftigen, schließlich ist der überwiegende Teil der NFL-Athleten schwarz oder hat afroamerikanische Wurzeln. Vor allem dank ihnen ist die NFL zur umsatzstärksten Liga der Welt geworden – eine echte Gelddruckmaschine, die gestählte Sportler bevorzugt, die mit Leistung überzeugen, ansonsten aber lieber den Mund halten sollen.

Ohne Colin Kaepernick. „Für mich geht es um mehr als Football, und es wäre egoistisch, wenn ich das anders sehen würde“, sagt der 28-Jährige, der bewusst eine gesellschaftliche Debatte anstoßen wollte, um die Missstände in den USA – Polizeigewalt, Diskriminierung, politischer Populismus – zu thematisieren. Kaepernick, Sohn eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter, die ihn später zur Adoption freigegeben hat, sagt: „Unsere zwei Präsidentschaftskandidaten spiegeln die Probleme in unserem Land wieder. Trump ist offen rassistisch, und Clinton hat E-Mails gelöscht und illegale Sachen gemacht und ist trotzdem Kandidatin.“ Und weiter: „Da liegen Leichen in den Straßen und den Tätern passiert nichts.“

Sofern sich daran nichts ändert, sagt Kaepernick, will auch er weitermachen – und einfach sitzen bleiben.

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