Sport : Radsport: Bertolt who?

Gereon Severin

He, He! the Iron Man!

Es kreist um ihn die Legende

daß seine Beine, Arme und Hände

wären aus Schmiedeeisen gemacht

zu Sydney in einer taghellen Nacht.

Hannes Küpper



Bertolt Brecht war enttäuscht. Da war er, Ende der Dreißigerjahre, aus dem New Yorker Exil nach Newark gefahren, um den legendären Sechstagerennfahrer Reggie McNamara zu besuchen. Doch der begriff nicht, was sein Besucher von ihm wollte. Und wusste schon gar nicht, wer dieser Brecht war.

McNamara war ein Mythos, ein symbolischer Held des Maschinen-Zeitalters, an dessen Legende der Dichter Brecht selbst mitgewirkt hatte. Man nannte ihn den "Mann aus Eisen": Als Sieger von 19 Sixdays taucht der Holzfäller und Känguruh-Jäger aus Australien noch heute in Rekordlisten auf. Weit hinter Didi Thurau (29), immerhin vor Eddy Merckx (17).

Doch das sind absurde Vergleiche. McNamara steht für das, was Sechstagerennen einmal waren, etwas grundsätzlich anderes als die heutige Mischung aus Zirkus und Volksfest. McNamara nämlich saß, abwechselnd mit dem jeweiligen Partner, tatsächlich rund um die Uhr im Sattel, 145 Stunden bis zum Finale, am Sonabend gegen Mitternacht. Und in seiner besten Zeit, Anfang der 20er, waren die Rennen kaum einmal abgekartet, sondern ein echter Kampf. Der begründete Verdacht, daß Rundengewinne und Gesamtsieger im voraus ausgehandelt werden, stellte sich erst später ein. Damals waren Sechstagerennen gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse, vor allem die im Berliner Sportpalast. Den Fahrern galt uneingeschränkte Bewunderung, sie wurden zu Maschinen-Menschen, zu Symbolen einer neuen, rasanten Epoche.

1926 arbeitete Brecht an einem kurzlebigen Magazin namens "Die Arena" mit, das die Crème der literarischen Avantgarde zum Thema Sport versammelte. 1927 verursachte er als Juror eines Lyrik-Wettbewerbs einen mittleren Skandal: Statt eines der rund 400 eingesandten Gedichte zu prämieren, druckte er den "Song" "He, He! the Iron Man!" des weitgehend unbekannten Hannes Küpper nach, den er in einem Radsportblatt gefunden hatte. Das von Küpper besungene Menschenwunder war jener Reggie McNamara, der in den Zwanzigerjahren regelmäßig in Berlin auftrat und von dem Bertolt Brecht ein Jahrzehnt später so enttäuscht war.

Curt Riess schrieb 1958 die damals zeitgemäße Version der Story: Wie Reggie McNamara 1921 im New Yorker Madison Square Garden kurz vor Schluss vom Rad fiel, vollgepumpt mit Aufputschmitteln, von finsteren Managern manipuliert. Der Mythos der "Männer aus Eisen" war längst obsolet, und mit ihm verschwand auch die Prominenz aus den Hallen. Die Dichter waren längst weg.

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