Radsport: Rücktritt vom Rücktritt : Jens Voigt rast um Stundenweltrekord

Weltmeister Tony Martin glaubt an die Ernsthaftigkeit des Unternehmens, manch anderer nicht: Einen Tag nach seinem 43. Geburtstag greift Jens Voigt den Stunden-Weltrekord an. Mit wieder erlaubtem High-Tech-Material hat er sogar Chancen.

Auf der Straße konnte er es. Aber reicht das für Jens Voigt?
Auf der Straße konnte er es. Aber reicht das für Jens Voigt?Foto: dpa

Einige finden seine Idee nur amüsant, andere glauben an ein ernsthaftes Projekt des ganz speziellen Radprofis Jens Voigt. Einen Tag nach seinem 43. Geburtstag will es der gebürtige Mecklenburger noch einmal krachen lassen und am 18. September den neun Jahre alten Stunden-Weltrekord des Tschechen Ondrej Sosenka angreifen. Der dreifache Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin findet es gut, er erwartet sogar „eine brauchbare Vorgabe“ von Voigt, der vor knapp drei Wochen bei der Pro Challenge in den USA eigentlich sein letztes Karriere-Rennen bestritten hatte.

Voigts Teamkollege Danilo Hondo ist da schon etwas skeptischer, auch wenn der nimmermüde Kandidat aus Berlin-Grunewald versichert: „Das wird keine Zirkusnummer“. Hondo erkannte in der Ankündigung seines Teams Trek den speziellen „Jens-Voigt-Style - große Plattform und so“. In Radsport-Kreisen sei man hin- und her gerissen - PR-Gag oder ernsthafter Versuch? „Er zelebriert ja quasi schon die gesamte Saison sein Karriere-Ende“, meinte der drei Jahre jüngere Routinier.

Aber wie Martin, der in den nächsten zwei Jahren auch um Weltrekord-Ehren fahren will, traut auch Hondo seinem Kollegen zu, die Bestmarke von 49.700 Kilometern zu brechen. „Mit jetzt wieder erlaubtem High-Tech-Material ist es möglich“, meinte der Wahl-Schweizer, der im Teamzeitfahren der WM in Ponferrada/Spanien Ende des Monats seinen letzten Wettkampf bestreiten wird.

Ex-Profi Rolf Aldag, im Omega Pharma-Quickstep-Team technischer Berater von Martin, der in Ponferrada als erster Radprofi zum vierten Mal in Serie Weltmeister im Kampf gegen die Uhr werden kann, ist überzeugt: „Mit vernünftigem Zeitfahr-Material kann er es schaffen, obwohl es dann mit der Sosenka-Zeit so etwas wie ein Apfel-Birnen-Vergleich sein wird. Wenn er mit dem Material des Tschechen fahren müsste, würde es sehr schwer
werden, die Marke zu brechen.“ Voigt könne „in seinem Team die gesamte Vorarbeit nutzen, die für den geplanten und vorerst verschobenen Versuch Fabian Cancellaras geleistet wurde“, sagte Aldag der Nachrichtenagentur dpa. „Die Pro Challenge war wie ein Höhentraining - das macht schon alles Sinn. Es kann schon passieren, dass er den Rekord bricht und ihn dann so lange hält, bis Cancellara oder Tony angreifen“. Der Voigt-Versuch auf der Schweizer Bahn von Grenchen bei Biel als „Vorlauf“ für den Trek-Kapitän Cancellara - das vermutet auch Hondo.

Zu Zeiten des Briten Chris Boardman (56,375 Kilometer/1996), des Schweizers Tony Rominger (55,291 km), Miguel Indurains (Spanien/53,040) oder des exzentrischen Schotten Graeme ÒBree (52,713/alle 1994) hatte die Marke noch einige Bedeutung. Im Jahr 2000 annullierte der Weltverband UCI diese Stunden-Weltrekorde und ließ nur noch Material aus Eddy-Merckx-Zeiten zu. Die Hatz um das Lattenoval hatte ihren Reiz verloren.

Die inzwischen zurückgeschraubten Restriktionen in punkto Material weckten bei den Top-Zeitfahrern, zu denen Voigt, der seine Karriere nach der diesjährigen Tour de France beendet hatte, nicht unbedingt zählt, wieder Lust. Nach Cancellara und Martin hat auch Sir Bradley Wiggins Interesse bekundet. Voigt mimt also den „Hasen“ - die Prominenz der wahren Spezialisten wird folgen. (dpa)

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