Real gegen Atletico : Die letzte Prozession zum Vicente Calderon

Nach dem 0:3 im Hinspiel der Champions League gegen Real will Atletico Madrid zuhause das Wunder schaffen. Es ist das letzte Europapokalspiel im traditionsreichen Vicente Calderon vor dem Abriss.

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Gegen Real Madrid spielt Atletico zum letzten Mal europäisch im Vicente Calderon. Foto: AFP PHOTO / CURTO DE LA TORRE
Gegen Real Madrid spielt Atletico zum letzten Mal europäisch im Vicente Calderon.Foto: AFP PHOTO / CURTO DE LA TORRE

Heute Abend dürfen sie noch mal die alte Hymne singen. Ein großartiges Stück Stadionmusik, geprägt von kräftigen Bläsern und Stimmen und dem Choral: „Atleti, Atleti, Atlético de Madrid!“ Die erste Strophe beginnt so:

„Yo me voy al Manzanares,
al Estadio Vicente Calderón.“

Ein letztes Mal wird die Prozession zum Manzanares ziehen, ein nicht einmal 100 Kilometer langes Flüsschen, das sich durch Madrid schlängelt und dabei auch das Vicente Calderón passiert, ein Fußballstadion aus einer anderen Zeit. Vor dem Fluss die freistehende Tribüne, untertunnelt von der Madrider Stadtautobahn. Gegenüber ein Hufeisen aus Beton für das gemeine Volk, das bei Spielen so viel Lärm macht wie nirgendwo sonst in Spanien.

Das Vicente Calderón steht sinnbildlich für den Mythos Atlético Madrid, für den Klub der kleinen Leute im Süden der spanischen Stadt, die Antithese zur Eleganz und zum Reichtum des Stadtrivalen Real. Es fügt sich schön in die Symbolik, dass es im letzten Europapokalspiel zum derbi madrileño kommt. Noch einmal Atlético gegen Real im Estadio Vicente Calderón. Natürlich sind die 55.000 Tickets längst ausverkauft, auch oder gerade weil der Anlass ein trauriger ist. Denn wer glaubt, erstens, nach Atleticos 0:3-Niederlage im Hinspiel vor einer Woche bei Real ernsthaft an eine Wende, an einen Einzug ins Endspiel von Cardiff? Und wer geht, zweitens, schon in freudiger Erwartung zur Verabschiedung eines Denkmals? In ein paar Monaten werden die Abrissbagger das aus der Zeit gefallene Calderón auch aus dem Stadtplan befördern.

Noch einmal gegen Real und dann am 21. Mai zum Liga-Ausklang gegen Athletic Bilbao, dann ist Schluss. Zur kommenden Saison zieht Atlético um. Vom Süden in den Norden der Stadt, in die Nähe des Flughafens Barajas, wo Madrid 2012 und 2016 Olympische Spiele ausrichten wollte. Geblieben ist von den Plänen das Olympiastadion, das Atlético vor zehn Jahren gekauft hat und zu einem 73 000 Zuschauer fassenden Fußballstadion umbauen lässt. Es trägt künftig den Namen Wanda Metropolitano, Reminiszenz an einen Sponsor und das Estadio Metropolitano, wo Atlético früher mal gespielt hat.

1000 Wohnungen anstelle des Stadions

Ein halbes Jahrhundert lang hat Atlético im Calderón gespielt. Das erste Tor hier hat Luis Aragonés geschossen, der Klubheilige, den sie alle nur Luis nannten. Aragonés diente Atlético als Spieler und später auf der Trainerbank. Im wilden Argentinier Diego Simeone hat er einen späten und würdigen Nachfolger gefunden. Wenn Simeone, genannt Cholo, mit den Armen in Richtung Publikum rudert und es zum Hüpfen animiert, steht es nicht gut um die Statik der Betontraversen.

Nach außen bedient dieser Klub immer noch das Klischee des Arbeitervereins und steht doch längst im Status einer Aktiengesellschaft. Die Investitionsruine in Flughafennähe war günstig zu haben und das Calderón mit großem Gewinn an die Stadt zu verkaufen. Als Erweiterung der Wohnviertel zu beiden Seiten des Manzanares, die eine gewaltige Aufwertung erfahren haben, seitdem die Autobahn unterirdisch verläuft und der Asphalt einem Park Platz gemacht hat. 1000 neue Wohnungen sind geplant. Arganzuela und Carrabanchel, die einstigen Arbeiterviertel zu beiden Seiten des Flusses, sind bei der oberen Mittelschicht begehrt.

Aber wird Atléticos Herz auf der grünen Wiese am Flughafen genauso schnell und leidenschaftlich und laut schlagen? So wie auf dem bröckelnden Beton des Calderón oder in den Bars und Bodegas ringsherum? Rund um das Wanda Metropolitano sieht es so aus, wie es rund um Flughäfen nun mal aussieht, nur dass die Wiese hier nicht grün ist, sondern braun. Das Volk murrt, aber die Proteste gegen den Umzug halten sich in Grenzen. Das Calderón ist baufällig, und auch die Fans von Atlético wissen, dass ihr Klub mit der Zeit gehen muss, so er denn auch in Zukunft auf einem Niveau mit Real spielen will. Also werden sie am Mittwoch ein letztes Mal in der Champions League zum Manzanares ziehen und ihr Lied singen: Atleti, Atleti, Atlético de Madrid!

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