Sport : Ring frei auf Island

Wolfgang Müller

Manchmal braucht es einen Parlamentsbeschluss, um den Sport zu fördern. Besonders in einem Land wie Island, wo sich die ernsthafte Politik schon mal mit dem Einfluss von Elfen und Geistern auf die Straßenverkehrsordnung beschäftigt. Das Parlament in Reykjavik hat in diesen Wochen einen für Island revolutionären Beschluss gefasst: die Aufhebung des Boxverbots. Es war 1956 erlassen worden - zum zum Schutze der Gesundheit.

Das körperliche Wohl der Bürger war dem isländischen Gesetzgeber lange Zeit nahezu heilig. Jahrelang war nämlich nicht nur die Ausübung des Boxsports verboten, sondern auch der Ausschank von Alkohol. Erst im März 1989 hoben die Isländer die letzten Reste eines Prohibitionsgesetzes auf, das Herstellung, Einfuhr und Verkauf geistiger Getränke unter Strafe stellte. Nur für die Krankenbehandlung war die Einfuhr verschiedener Alkoholika wie Rotwein, Malaga, Sherry und Portwein zugelassen worden. Gegen die Beschränkungen gab es auf der Insel eine starke Protestbewegung von Künstlern und Intellektuellen. Sie forderten mehr Freiheit - und deshalb die Aufhebung des Alkohol- und des Boxverbots.

Über den Ursprung des Boxverbots gibt es verschiedene Theorien. "Eigentlich war es erlassen worden, weil sich bei einer Schlägerei vor einem Tanzlokal die Kontrahenten professionell zusammengeschlagen hatten", berichtet Veturlidi Gudnason vom isländischen Fernsehen. "Sie schlugen auch die herbeieilenden Polizisten k. o." Mit 34 zu 22 Stimmen im Parlament sei anschließend das Boxverbot eingeführt worden. Als Begründung habe man auf die bleibenden Gesundheitsschäden verwiesen, die ein gezielter Treffer erzeugen könne. Wortführend seien Ärzte gewesen, die als Abgeordnete im Parlament vertreten waren. Nach dem Verbot reiste der Vorsitzende des Sportverbandes, Gísli Halldórsson, umgehend von Reykjavik nach Kopenhagen und verkaufte dort die illegalen Accessoires der Boxkunst: Handschuhe, Mundschutz, Trainingsgeräte und Sandsäcke. Was noch im Lande blieb, wurde vernichtet.

Auf Ausländer wirke so ein Gesetz vielleicht etwas eigenartig, räumt Gudnason ein. "Aber in einem Land, in dem bereits im Mittelalter eine durch Schläge von ihrem Mann misshandelte Ehefrau durch bloßes Aussprechen vor Zeugen gesetzlichen Anspruch auf die Scheidung hatte, ist es nicht so ungewöhnlich." Kein Wunder, wenn Reisende aus dem militärisch geprägten Deutschland wie der Autor Adrian Mohr die isländischen Frauen etwas zu selbstbewusst - "manche erinnert mich gar an den kämpferischen Brünhilde-Typus" - und die Männer entschieden zu weich fand. In seinem 1925 erschienenen Buch "Was ich in Island sah" klagt er darüber, dass die Isländer über die Heldentaten ihrer Ahnen schwärmten, aber erklärte Pazifisten seien. "Sie können nicht begreifen, dass einem Deutschen das vierjährige Ringen für das Vaterland eine heilige Sache ist, nichts Verabscheuungswürdiges."

Ausführlich berichtet der deutsche Reiseschriftsteller über den allzu "schlaksigen Gang" der isländischen Männer, über ihre "Schlappheit" und empfiehlt "brutale Zucht" nach Art deutscher Kasernen. Angesichts solcher Worte war es wohl kein Wunder, dass Mohr nach seiner Veröffentlichung auf Island schnell vergessen wurde.

Andere Isländer begründen das Boxverbot mit einem Kampf aus den mittelalterlichen Sagas, bei dem sich die Gegner seinerzeit totgeprügelt hätten. Diese Beschreibung führte dazu, dass der Boxsport auf Island sehr verpönt war. Stattdessen gab es einen einzigartigen Ringkampf, Glíma genannt. Bei dieser nur auf Island heimischen Sportart geht es darum, den Gegner mit einem geschickten und kräftigen Griff am Gürtel umzuwerfen und niederzuringen.

Einer der bekanntesten Kämpfer für die Zulassung des verbotenen Boxsports war ein isländischer Popstar, der Rockmusiker Bubbi Mortens. Schon seit Jahren forderte er als Sprecher der einfachen Leute das Parlament auf, die Sportart wieder zu erlauben. Schließlich sei Boxen mittlerweile nicht gefährlicher als Fußball, bei dem ja oft auch Knie und Füße gebrochen werden.

Erinnerungen an das Verbot hat noch die Isländerin Inga Svala Thorsdóttir, die in Hamburg lebt. "Der Halbbruder meiner Großmutter war professioneller Boxer. Sein Geld verdiente er in Großbritannien, und davon eröffnete er in Island eine Schokoladenfabrik. Deshalb hat Boxen für mich immer etwas Glamouröses und Hoffnungsvolles", erzählt die Künstlerin. Als das Verbot in Kraft gesetzt wurde, sei ihr Verwandter zum Glück nicht mehr aktiver Boxer gewesen. "Sonst wäre er sicher verzweifelt."

"Von mir aus hätte das Boxverbot bestehen bleiben können", meint dagegen der in Berlin lebende Germanist Jón Bjarni Atlason. Er fährt gerne mit dem Fahrrad in der Stadt umher. Allerdings immer mit Sicherheitshelm. Und so werden es auch die isländischen Boxer im neu gegründeten Boxverband tun. Denn erlaubt ist ausdrücklich nur das Olympische Boxen. Und das beinhaltet starke Sicherheitsauflagen, inklusive Helmschutz. Schwere Boxverletzungen wird es also auch weiterhin auf Island nicht geben.

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