Ringen : Mir könne au anders

Die schwäbischen Ringer des TSV Musberg reißen bahn- und fußballgeplagte Stuttgarter aus ihrer Agonie. Für viele sind die Musberger ein Beispiel dafür, dass sich nachhaltige Nachwuchsarbeit doch auszahlt.

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Die Helden aus der Heuberghalle. Wenn die Herren Böpple, Stäbler oder Armbruster die Matte betreten, steht ein ganzes Bergdorf Kopf.
Die Helden aus der Heuberghalle. Wenn die Herren Böpple, Stäbler oder Armbruster die Matte betreten, steht ein ganzes Bergdorf...Foto: p-a/dpa

Beschaulich sieht Musberg am Abend aus. Mütter holen den Nachwuchs vom Spielplatz, beim Metzger herrscht Hochbetrieb und Nebel zieht das Tal herauf. Nebenan gibt es die Mäulesmühle mit schwäbischem Mundarttheater, den Biohof im Siebenmühlental und den alten Skilift, der seit Jahren nicht mehr genutzt wird. An solchen Abenden erschließt sich kaum, welche wundersame Geschichte hinter der malerischen Kulisse steckt. Dabei müssten die Bundesligaringer des TSV Musberg im Eventkalender der Region ganz oben stehen.

Musberg ist der kleinste Stadtteil von Leinfelden-Echterdingen, das direkt an Stuttgart grenzt. Dort gibt es derzeit wenig positive Schlagzeilen. Die Stadt ist angesichts des umstrittenen Bahnhofsprojektes „Stuttgart 21“ tief gespalten und von Massenprotesten geschüttelt. Der VfB Stuttgart steckt am Tabellenende der Fußball-Bundesliga fest, warf am Mittwoch seinen Trainer raus und wird nun spöttisch „Stuttgart 18“ genannt. Die mittelständische Wirtschaft und die Tourismusbranche sorgen sich um das in Schieflage geratene Bild der braven und arbeitsamen Schwaben, das nun von Wasserwerfern und rüden Polizeieinsätzen geprägt wird – wären da nicht diese Ringer, deren Aufstieg aus der Regionalliga bis in die Bundesliga etwas Märchenhaftes hat.

Wer in die Heuberghalle kommt, wundert sich nicht mehr. Dann steht das Bergdorf hinter seiner Mannschaft. Die Halle brodelt, etwa 1000 Zuschauer sind da, eine unglaubliche Zahl für Ringkämpfe. Auf der Matte stehen Ringer mit Namen, die nicht nur hierher passen, sondern auch von hier sind. Die meisten der Musberger Ringer kommen aus dem Ringerkindergarten des TSV, den Dieter Böpple, ein früherer Bundesligaringer, vor zwei Jahrzehnten gründete. Da stehen dann die Stäblers, Böpples, Brauns und Armbrusters auf der Matte und transportieren Leidenschaft und Lokalpatriotismus. Für viele sind die Musberger ein Beispiel dafür, dass sich nachhaltige Nachwuchsarbeit doch auszahlt. Der Ringerszene tut das „Modell Musberg“ jedenfalls gut.

Auch in Schwaben gibt es natürlich Ringer, die aus Polen oder Bulgarien kommen. Zwei oder drei sind es, der Rest spricht schwäbisch. Oder es ist ostdeutscher Nachwuchs wie Oliver Runge. Der kam, weil er im Nationalteam den hoffnungsvollen Nachwuchsringer Frank Stäbler kennenlernte. Der 20-Jährige hatte ihm vom besonderen Flair des Ringerparadieses Musberg am Rande Stuttgarts erzählte. Stäbler gehört zu den Athleten, die der Bundestrainer für die WM 2011 und für Olympia 2012 aufbauen will.

Bei anderen Klubs, vornehmlich den Favoriten der Liga, fliegt ein Dreiviertel des Kaders am Wochenende nur zum Kampf aus dem Ausland ein. In Musberg gehen um sieben Uhr am Trainingsabend die Kindergartenringerinnen und -ringer von der Matte und klatschen die Bundesligaathleten ab, die dann mit dem Training beginnen. „Ich weiß hier, wer welche Sorgen hat“, sagt Markus Scheibner, der Trainer. Seit drei Jahren ist der ehemalige Bundesligaringer in Musberg und Teil der Erfolgsgeschichte. Erste und zweite Mannschaft üben zusammen, beschallt durch rockige Musik. An der Kasse sitzen bei Wettkämpfen die Eltern und andere Freiwillige.

Wohin der Weg der jungen Männer, die im normalen Leben Studenten, Azubis, Polizisten, Fachkraft für Abwassertechnik und Elektroniker sind, führt, weiß keiner. In Musberg geht es nicht um Meistertitel, es geht vorerst um den Klassenerhalt. Man schwankt zwischen Aufstiegsstolz und der harten Aufgabe, oben zu bleiben. Mit dem Etat von 100 000 Euro pro Saison liegt der TSV im unteren Bereich, die Favoriten geben sechs- bis siebenmal so viel aus.

Nach der 12:27-Niederlage beim ASV Mainz an diesem Wochenende liegt Musberg auf dem achten Platz der zehn Klubs in der West-Gruppe der Bundesliga. Jetzt geht es darum, die direkten Konkurrenten Freiburg, Bonn und den nächsten Gegner Neuss zu schultern. „Über all das, was irgendwann kommt, machen wir uns derzeit keine Gedanken“, sagt Scheibner. Ihm scheint in dem Moment etwas ganz anderes wichtig. Er lächelt und sagt: „Seit dem Aufstieg und den ersten Kämpfen weiß jeder, wo Musberg liegt.“

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