Sport : Rot-Weiß? Blau-Weiß? Weiß nicht

Wie der Berliner Fußballklub SC Union 06 an seiner Wiedervereinigung mit dem 1. FC Union scheiterte

Dominik Bardow
309467_0_e70e4450.jpg
Ost-West-Slalomlauf. Das Team von Union 06, das 1950 aus der DDR floh, trainiert für die deutsche Meisterschaft 1953. Foto: promo

Berlin - Detlef Bucke hatte genug. „Ihr Pisser aus dem Westen!“ – das musste er sich nicht anhören. Beim Auswärtsspiel in Pankow vor drei Wochen drehte er sich am Spielfeldrand zu den jugendlichen Krakeelern um und schrie sie an: „Was soll denn das, Kinder?“ Bucke ist Präsident des Fußballklubs SC Union 06 aus Moabit. Die Jungen, sagt er, hätten ja keine Ahnung.

Keine Ahnung, dass der Verein früher einmal Union Oberschöneweide hieß. Dass die Mannschaft 1950 aus der DDR nach West-Berlin ging und fortan als Union 06 Berlin um die deutsche Meisterschaft spielte – bis die Mauer sie von ihren Fans abschnitt. Und keine Ahnung davon, dass die Blau-Weißen nach dem Mauerfall feststellen mussten, dass es für sie keinen Weg zurück in den Osten gab. Die Heimat von Union 06 ist heute ein roter Backsteinflachbau zwischen Poststadion und Frauengefängnis an der Lehrter Straße, in Reichweite des Hauptbahnhofs. Während draußen im regnerischen Berliner Schmuddelherbst die Mannschaft trainiert, sitzt Detlef Bucke rauchend im Vereinsheim zwischen Wimpeln und Pokalen aus den 50er Jahren. Seit 1972 spielt der 57-Jährige für Union, seit vier Jahren ist er auch Präsident des Vereins.

„Die Alten fühlten sich im Exil – hätten die im Osten Geld verdienen dürfen, die wären nie weggegangen“, sagt Bucke. Die Alten, das sind die, die 1950 dabei waren. Anders als der Westberliner Fußballverband wollte der DDR-Sportausschuss damals seine unbezahlten Amateurfußballer nicht zu Halbprofis machen. Als dem Berliner Vizemeister auch noch die Ausreise zum Achtelfinale um die deutsche Meisterschaft verweigert wurde, siedelte die Mehrheit der Union-Spieler in den Westbezirk Tiergarten um und spielte als SC Union 06 Berlin im Poststadion. In den 50er Jahren strömten die Fans aus dem Osten weiter zu den Spielen, der Verein wurde noch einmal Berliner Meister und spielte wieder um die deutsche Meisterschaft. Dann kam die Mauer. „Zwei Drittel unserer Zuschauer brachen weg“, sagt Bucke. Die Blau-Weißen stiegen im Laufe der Jahrzehnte bis in die Kreisliga ab, während im Osten der 1. FC Union in ihrem alten Stadion in der Wuhlheide Erfolge feierte – ein weiterer Nachfolger von Union Oberschöneweide, der nach mehreren Vereinsfusionen in Rot-Weiß spielte.

Während ganz Berlin in diesen Tagen den Mauerfall vor 20 Jahren feierte, erinnert sich Bucke, wie die Fußballer von Union 06 ihn damals verpassten. „Der Fernseher im Vereinsheim wurde nur für Sportübertragungen angemacht.“ Auch die Tage und Wochen danach bargen so manche Enttäuschung.

Am 10. November ging Bucke hinüber in den Osten, um das Grab seines Vaters auf dem Friedhof an der Bernauer Straße zu sehen. Doch dort, wo einst das Grab war, lag längst der Todesstreifen.

Auch die aufkeimenden Hoffnungen auf eine Wiedervereinigung der blauen und der roten Unioner erfüllten sich nicht. Es gab Gespräche, Union 06 tourte zu Freundschaftsspielen durch den Osten, der 1. FC Union schickte Jugendspieler. „Doch dann fing die kleinkarierte Vereinsmeierei an: Sollen wir in Rot-Weiß spielen oder in Blau-Weiß?“, erinnert sich Erich Werth, zu Wendezeiten Union-06-Präsident. „Dabei wäre es mein Traum gewesen: eine Vereinigung wie die deutsche Einheit.“ Doch die Gespräche scheiterten.

Die Blau-Weißen spielten 1995/96 wieder eine Saison als SC Union Oberschöneweide im Osten und erhoben Ansprüche auf ihr altes Stadion, in dem seit mittlerweile 30 Jahren der 1. FC Union spielte. Damals hätten Baulöwen seinem Verein mit Versprechungen den Kopf verdreht, sagt Bucke. Der Versuch misslang, Union 06 ging zurück in den Westen, fast pleite. Während der 1. FC Union jetzt in der Zweiten Liga spielt und ans Tor zur Bundesliga klopft, kickt Union 06 in der Bezirksliga.

„Heute sind wir ein Tiergartener Verein geworden“, sagt Bucke, dabei ist Moabit seit acht Jahren Teil des Bezirks Mitte. Aber Grenzen, das weiß er, werden oft willkürlich gezogen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben