Rote Schals, rote Köpfe : Unterwegs mit dem deutschen Arsenal-Fanklub

Der deutsche Arsenal-Fanklub feiert Zehnjähriges und fährt dafür auf vielen Wegen nach London. Wer hat die Karten? Wer holt das nächste Bier? Ach, da kommt ja Poldi! Ein Reisebericht.

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Good to be a Gunner! Links unten Niki, zweitjüngster der Tour, dahinter sein Vater Sören. Ganz recht steht Kersten, der da noch nicht ahnt, was ihm für eine Rückfahrt bevorsteht. Fotos: Eggers (3), Hofmann, Steinborn, MaroldtAlle Bilder anzeigen
Fotos: Eggers (3), Hofmann, Steinborn, Maroldt
01.11.2012 18:59Good to be a Gunner! Links unten Niki, zweitjüngster der Tour, dahinter sein Vater Sören. Ganz recht steht Kersten, der da noch...

Nein, das hat er doch nicht wirklich gemacht!, ruft Moni, die erst mal ins Cannons gegangen ist, weil der Gunners Pub schräg gegenüber gerade zu platzen droht. Es sieht fast so aus, als drückten die Bouncer die Türen von außen zu, rein kommt jedenfalls keiner mehr. Vor einer guten Stunde war Abpfiff im Emirates Stadium, jetzt stehen im Gunners die Away Boyz auf der Bühne und spielen ein paar ihrer Arsenal-Songs, hundert Arme fliegen hoch, Lager und Ale schwappen aus den Gläsern auf rote Köpfe, rote Trikots, rote Schals, und von den eingerahmten Fotos an den Wänden sehen zufrieden die Helden von damals zu, Tony Adams, David Seaman, Dennis Bergkamp, Thierry Henry… Sebastian muss gleich hier sein, dann werden wir ja sehen.

Moni und Sebastian gehören zum Fanklub Arsenal Germany, gegründet vor zehn Jahren, und gemeinsam mit fast vierzig anderen deutschen Anhängern des Traditionsvereins haben sie sich an diesem Wochenende in London getroffen, um den Jahrestag zu feiern, rund um das Premier-League-Spiel gegen die Queens Park Rangers.

Der Tag hatte, nach Bohnen, Spiegeleiern und Speck zum Frühstück und einem Spaziergang die Upper Street hoch durchs rot-weiß-geschmückte Islington Richtung Stadion, schließlich im Rocket in der Holloway Road begonnen – während der Woche ein Veranstaltungssaal der Uni, an Spieltagen Treffpunkt von „Red Action“, so eine Art Ultras von Arsenal. Das Bier wird hier nicht in Gläser gezapft, sondern in Pitcher, Eimer für jeweils knapp zwei Liter. Auf dem Screen fallen Tore im Sekundentakt, Dutzende, Hunderte, alle aus der reichen Geschichte des Vereins, dem Nick Hornby mit Fever Pitch eine Hymne schrieb.

Die meisten der German Gooners stehen an den runden Tischen und warten auf Uwe mit seiner dunkelbraunen Ledermappe. Arsenal-Tickets im Wert von locker mal 5000 Euro hat er da drin, bestellt bei Gil, einer sehr netten älteren Dame, die für Arsenal die auswärtigen Fanklubs betreut. Hinten in der Ecke baut sich das Team von Arsenal TV auf, Jens gibt ein Interview, klasse Sache, der Kameramann braucht noch ein paar Bilder, also wird ein bisschen gesungen, We’re Arsenal Germany!, alle sind zufrieden. Uwe hat die Tickets, Ralf die Liste, und los geht’s: Turnstile M, Upper Tier, Kurve Oberrang, 52 Pfund für ein Spiel gegen den Tabellenletzten. Was soll’s?

Karten für Spiele der Premier League zu bekommen, zumal bei Vereinen wie Arsenal, gehört nicht zu den einfachsten Dingen des Lebens. Die Mitgliedschaft in einem anerkannten Fanklub erleichtert die Sache. Das stand allerdings am 30. Oktober 2002 nicht im Mittelpunkt jener kleinen Versammlung im Bochumer Haus Rietkötter, die den „Arsenal Supporters Club – German Gooners“ gründete. Zum Kassenprüfer wurde der englische Berliner Trevor Wilson gewählt, bekannt durch sein Fanzine „Ich und mein Staubsauger“ sowie seine Radiosendung bei „Fritz“. Trevor hatte sich für den Job qualifiziert, indem er einen störenden Liverpool-Freund akkurat zum Schweigen brachte.

Lange her. Kersten war damals schon dabei, jetzt, beim Spiel gegen die Queens Park Rangers, kommentiert er ein bisschen missgelaunt die in englischen Stadien übliche Gängelung des Publikums, Hinstellen zum Beispiel wird nicht geduldet. Gleich nach dem entscheidenden 1:0 für die Gunners durch Mikel Arteta kurz vor Schluss – bei einem Tor zweimal im Abseits, auch eine Kunst – bricht Kersten auf, er muss zum Zug, am nächsten Tag will er am Millerntor sein, er hat eine Karte für den Dynamo-Block. Dass er eine Odyssee vor sich hat, wieder einmal, dass sein Zug in einem Tunnel stehen bleiben wird, dass er zwei Stunden unter einer belgischen Eisenbahnbrücke verbringt und das Spiel verpasst, das weiß er da noch nicht.

Aber zwei der Berliner Freunde wissen da ja auch noch nicht, dass sie am nächsten Abend in Stanstead einem freundlichen Ryanair-Mitarbeiter einen unfassbar hohen Betrag zahlen müssen, um überhaupt nach Hause zu kommen, während zugleich ihr eigentlicher Flieger von Easyjet in Gatwick von der Startbahn abhebt, so wie es auch auf ihren Bordkarten steht. Von Easyjet kommt dann ein paar Tage danach eine Mail: „… würden wir gerne erfahren, wie sie unsere Leistung beurteilen.“ Tja…

Was Kersten auch verpasst, ist das Treffen mit Poldi, das Gil für die German Gooners vereinbart hat. Wegen Lukas Podolski wurde kurz vor dem Spiel im Fanshop Armoury an der Hornsey Road schnell noch ein Kuli gekauft. Und so stehen die German Gooners im leeren Stadion rechts vom Spielertunnel und warten, und links steht der Fanklub aus Island, der mit 240 Leuten angerückt ist, um hier sein Dreißigstes zu feiern. Vielleicht kommt auch Per. Oder Serge Gnabry. Oder Thomas Eisfeld, es spielen ja vier Deutsche diese Saison bei Arsenal.

Und da sind sie, Thomas Vermaelen und Mikel Arteta lassen sich von den Isländern feiern, Podolski und Mertesacker, der ein wenig verhuscht wirkt und gleich wieder weg ist, lassen sich mit den German Gooners fotografieren. Sebastian zieht seine Jacke aus, reicht dem Lukas den Kuli und seinen rechten Oberarm, und sagt: Schreib sauber, das lass ich mir tätowieren!, und da lacht der Lukas, kurvt sein Autogramm auf Sebastians Haut und ruft: Hörens op!

Am Tag zuvor waren die German Gooners in Poldis Kabine, ein paar haben sein Trikot mit der Nummer 9 fotografiert, nur Ralf nicht, aber der ist ja auch Gladbacher. Die Kabinenbesichtigung ist Teil der Stadionführung mit dem legendären Linksverteidiger Kenny Sansom, der nach seiner Karriere ein bisschen zu viel gewettet und ein bisschen zu viel getrunken hat. Aber heute erzählt er dem Fanvolk fröhlich Anekdoten, während dieses neben der Bronzebüste von Arsène Wenger steht oder auf dem Plexiglasboden, unter dem in einer riesigen Kupferkapsel für die Nachwelt Exponate aus der Geschichte des Klubs konserviert sind: Trikots, Schuhe, solche Sachen.

Zum Abschlussfoto mit Sansom ist die Gruppe nicht komplett, einige sind noch nicht da, andere schon wieder unterwegs, im Taxi Richtung Vauxhall in die Black Prince Road, ins Jolly Gardeners, das heute Zeitgeist heißt und deutsche Zweitligaspiele überträgt. Jetzt, am Freitagnachmittag, spielt Köln gegen Lautern, der örtliche FC-Fanklub hat schon alle Tische belegt und trinkt „Früh“ aus der Flasche, Jürgen hinterm Tresen wird langsam nervös, der Kühlschrank ist bald leer. Am Sonntagmittag ist das mit dem Kölsch egal, da kommt die Hamburger Fraktion noch schnell vor dem Rückflug vorbei und schaut Pauli gegen Dresden, das Spiel, zu dem Kersten nie angekommen ist, obwohl er doch längst unterwegs war, sogar schon, als Moni und Jens und die anderen nach dem Spiel am Abend zuvor im Cannons noch auf Sebastian warten…

Doch, er hat es gemacht. Ist gleich rausgelaufen, nachdem ihm Poldi den Stift zurückgereicht hat, ist rüber zum Tattooshop hinterm Stadion, wo Fans aus Schweden, Norwegen und Belgien geduldig darauf warten, die Kanone vom Arsenal-Crest eingeritzt zu bekommen, die aber jetzt ein wenig ehrfürchtig Platz machen, so ein Podolski-Autogramm, das geht natürlich vor! Ein feiner Schriftzug ist es geworden, das lässt sich gleich erkennen, als Sebastian endlich kommt. Auf der Leinwand läuft City gegen Swansea, na dann mal wieder ins Gunners!

Hier wird’s langsam leerer, und gegen acht hängt schon der dicke Kopf vom nächsten Tag in der Luft. Die Sohlen der letzten Gäste lösen sich schmatzend vom bierverklebten Holzfußboden, na dann, bis Dienstag bei Schalke. Die Karten dafür hat Uwe ja auch gleich verteilt. Kersten kommt mit dem Auto.

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