Sport : Russisches Roulette

WacDhstumshormon gibt es sehr leicht im Internet. Wer damit dopt, kommt in große Gefahr

Berlin - Zehn befreundete Parteien schließen sich zusammen und bestellen eine entsprechend große Menge Heizöl. Das ist erheblich billiger, als wenn jeder für sich alleine bestellt und abrechnet. Ähnlich handelt man im professionellen Radsport. Nur, dass es sich bei dem Treibstoff um das menschliche Wachstumshormon, HGH (Human Growth Hormon), gehandelt hat.

So gelangten vor kurzem zweitklassige professionelle deutsche Radfahrer an mehr als 100 Ampullen HGH mit jeweils angegebenen zehn Internationalen Einheiten. Preis für die Ampulle: 20 US-Dollar. „Nur“ 20 Dollar muss man sagen. Denn das ist ungefähr ein Zehntel des normalen Marktpreises. Die Produkte waren in China produziert worden und leicht im Internet zu bestellen. Der Preis ist unschlagbar.

Und die Qualität? Offenbar hervorragend. „Das Zeug hat gezündet wie Dynamit“, heißt es bei den Radsportlern, welche die Mittel ausprobierten. Es war Dopingmissbrauch, aber wen störte das schon? Denn das Nachweisverfahren für HGH war bis jetzt nicht effektiv, bis heute gibt es keinen einzigen HGH-Fall, der aufgedeckt wurde.

Doch nach vielen Schwierigkeiten ist der Test auf HGH nun möglich. Ein Problem aber bleibt das sehr kurze Zeitfenster eines Nachweises von etwa 24 Stunden. In den medizinischen Kliniken der Universitäten Lübeck und München hat man verschiedene Schwarzmarkt-Produkte analysiert. Dabei handelte es sich um zwei unterschiedliche Ampullen mit HGH aus der besagten Lieferung an die Radsportler sowie eine Ampulle, die laut Aufdruck IGF1 enthalte. Dieser insulinähnliche Wachstumsfaktor wirkt direkt auf die Zellen.

Die Forscher stellten bald fest: Geliefert wurde heißer Stoff zu Billigpreisen. Oder anders, wissenschaftlicher ausgedrückt: Alle untersuchten Produkte können als hoch aufgereinigt bis sauber bezeichnet werden. Die gemessenen Konzentrationen decken sich mit den angegebenen.

Die Doperszene ist aufgeschreckt, sie befürchtet, dass nun ein allgemein gültiges Nachweisverfahren für HGH eingeführt wird. Und deshalb haben die kriminellen Doping-Experten entsprechend reagiert. Sie vertreiben ein weiteres Produkt aus dem Bereich der Wachstumsfaktoren, das Sermorelin. Es stimuliert die Hirnanhangdrüse, vermehrt körpereigenes HGH zu produzieren, und ist ebenfalls leicht übers Internet zu beziehen. Als Medikament unter dem Namen „Geref“ ist es in der Radsportszene für seine besonderen Wirkungen bestens bekannt.

Seit November 2007 gibt es zudem IGF1 als zugelassenes Medikament. 14 Tage später waren die entsprechenden Rezepte bei Radprofis bereits im Umlauf. Und für diese Präparate gibt es bis jetzt keine juristisch akzeptierten Nachweisverfahren.

Doch noch mehr Angst als vor Kontrolleuren sollten die Doper Angst vor den enormen gesundheitlichen Risiken ihres Missbrauchs haben. Wer IGF1 nimmt, der spielt russisches Roulette. Allerdings die verschärfte Variante: In diesem Fall steckt nicht eine Patrone in der Kammer, stattdessen gibt ist es in der Kammer nur einen Platz ohne Patrone.

Schon im Jahr 2000 warnte der Freiburger Kardiologe und Radsportkenner Wolfgang Stockhausen vor dem steigenden Missbrauch von HGH und den lebensbedrohenden und -verkürzenden Folgeschäden. Auch für Horst Pagel, Professor für Physiologie an der Universität Lübeck und Anti-Doping-Beauftragter des Radsportverbands Schleswig-Holstein, ist die Aufklärung vor den gesundheitlichen Gefahren besonders wichtig. „Die Liste der Nebenwirkungen von exogen verabreichtem Wachstumshormon ist lang. Hände und Füße können vergrößert werden, Gesichtszüge vergröbern sich. Es kann zu Bluthochdruck, Diabetes mellitus und sogar zu tödlichen Tumoren kommen.“ Durch das Wachstum der Zunge entstünden Sprachstörungen, und durch die Vergrößerung von Ober- und Unterkiefer erweiterten sich die Zahnabstände. Pagel erinnert in diesem Zusammenhang an die sogenannten „Zahnspangen-Rennen“ in der Leichtathletik zu Beginn der 90er Jahre. Damals liefen auffällig viele Sprinter und Sprinterinnen mit Zahnspangen. Damals wurde auch der Dopingeffekt von HGH entdeckt. Besonders pikant sei auch die Entwicklung einer Gynäkomastie, bei der das Brustgewebe beim männlichen Athleten unkontrolliert wächst. Viele Konsumenten von IGF1 marschierten stramm auf Körbchengröße A zu.

Doch diese Risiken schrecken viele Athleten nicht ab. Die Gier nach Erfolgen ist größer als die Angst. Die Forschungen in der Gentherapie, speziell gegen erblich bedingte Muskelerkrankungen, werden vom Sport längst aufmerksam beobachtet. Das stellen die verblüfften und dann entsetzten Forscher immer wieder dann fest, wenn sie neue Forschungsergebnisse publizieren: Zu den Leuten, die sich bei ihnen anschließend melden, gehören zahlreiche Sportler.

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