Russland und die Liebe zum Eishockey : Eine Frage der Ehre

Olympisches Gold. Im Eishockey. Das ist für Russland ein nationaler Auftrag. Kein Sport ist hier beliebter – und kaum ein Gegner weniger gelitten als die USA. In Sotschi trafen beide Teams schon in der Vorrunde aufeinander. Ein Spiel mit Geschichte.

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US-Amerikaner und Russen haben sich auf dem Eis noch nie etwas geschenkt. Paul Stastny und Andrej Markow (vorn) hielten am Samstag an dieser Tradition fest.
US-Amerikaner und Russen haben sich auf dem Eis noch nie etwas geschenkt. Paul Stastny und Andrej Markow (vorn) hielten am Samstag...

Scheibu! Ros-si-ja! Schießt den Puck ins Tor! Russland! Das Repertoire an Anfeuerungsrufen der Zuschauer im Bolschoi-Palast ist nicht groß. Aber es ist eindringlich, betäubend. Die große Arena im Olympiapark von Sotschi – von außen sieht sie aus wie ein gefrorener Wassertropfen. Das Dach flackert abends grell, wird zu einer riesigen gewölbten Leinwand, auf der Zwischenstände der Eishockeyspiele leuchten.

Am Samstagnachmittag leuchtet nichts, draußen ist es hell. Drinnen aber, in der Arena, toben 12 000 Zuschauer, sogar Wladimir Putin ist darunter. Der Präsident ist Russlands größter Eishockeyfan. Und obendrein ein guter Hobbyspieler, der das Eis in der Halle auch schon in voller Montur getestet hat – lange vor den beiden Mannschaften, die am Samstag in der Vorrunde des olympischen Turniers gegeneinander antreten.

Russland gegen die USA. Ein Spiel mit Geschichte. Mit der Geschichte des kalten Eishockeykrieges.

Jeder krachende Check gegen die Bande wird hier bejubelt. Auf den Treppenstufen stehen Cheerleader, in den Spielpausen dröhnt eine Orgel. Überall schwenken die Zuschauer Russlandfahnen, sie schreien, schimpfen, schwitzen. Fast jeder auf der Tribüne trägt ein Trikot der russischen Mannschaft, die heute mehr in Weiß auf dem Eis steht als im traditionellen Rot. Die Amerikaner spielen robust, die Russen technisch etwas besser. Ein Tor will trotzdem lange nicht fallen, nach einem Drittel steht es 0:0. Die russischen Fans werden ungeduldig, das Spiel ist kein Spaß, sie leiden mit.

Gold im Eishockey ist ein nationaler Auftrag für Russland

Es ist ein nationaler Auftrag für Russland. Gold. Im Eishockey. Für Staatschef Wladimir Putin ist das eine Frage der Ehre. Für die Spieler und für ein Volk, das diesen Sport liebt – und das darunter leidet, dass ihm der Erfolg in dieser Sportart vor nunmehr zwei Jahrzehnten, mit der politischen Wende, abhanden kam. Erst jetzt macht sich Eishockeyrussland daran, seinen Stolz zurückzuerobern, den einst die „Sbornaja“, die Nationalmannschaft, mit Olympiasiegen und Weltmeisterschaften der UdSSR gebracht hatte.

Selbst wenn sie nun international schon lange nicht mehr die Nummer eins sind, genau genommen sogar noch nie Olympiasieger waren, bleibt Eishockey der einzige Mannschaftssport, in dem sich die Russen mit den USA und Kanada auf Augenhöhe messen können.

Alle Olympiasieger von Sotschi
Kanada ist wieder Olympiasieger im Eishockey. Im Finale schlug das Team von Trainer Mike Babcock Schweden 3:0. Bronze ging an Finnland, dass die USA im Spiel um Platz drei sogar 5:0 bezwang.Weitere Bilder anzeigen
1 von 98Foto: AFP
23.02.2014 15:55Kanada ist wieder Olympiasieger im Eishockey. Im Finale schlug das Team von Trainer Mike Babcock Schweden 3:0. Bronze ging an...

Die Spieler der ehemaligen Sowjetunion waren Eishockeyroboter, der Torwart Wladislaw Tretjak, die legendäre Sturmreihe mit Wladimir Krutow, Igor Larionow und Sergej Makarow. Ihr Trainer war Viktor Tichonow, ein Mann mit ausgemergeltem Generalsgesicht. Ohne Humor, wenn es darum ging, die Gegnerschaft zu demütigen. Sein ehemaliger Spieler Igor Larionow sagte einmal, Tichonow habe seine Spieler geohrfeigt, wenn sie nicht spuren wollten. Spiele gegen die Russen waren für die Tschechen – besonders in den Jahren nach dem Prager Frühling –, für die Amerikaner und für die Kanadier immer auch ein Kampf verschiedener Ideologien. Das Spiel der Sowjetunion war Planwirtschaft auf dem Eis; ihr Kollektiv war der Ideologie vom Individuum, den vielen Einzelkönnern aus Nordamerika, meist überlegen. Auf olympische Goldmedaillen und Weltmeistertitel waren die UdSSR und die nur kurz existierende GUS von 1962 bis 1992 abonniert. Von 35 möglichen internationalen Titeln gewannen sie 27.

Dazwischen nur wenige Rückschläge: 1980 triumphierten die Amerikaner auf kitschig brutale Weise. Mit kämpferischem Teamgeist und weniger mit Spielkunst verpasste eine Auswahl von College-Amateuren mit einem 4:3-Sieg in der olympischen Endrunde dem übermächtigen Gegner UdSSR die größte Niederlage auf dem Eis. Jeder in den USA weiß bis heute, was mit „Miracle on Ice“ gemeint ist, dem Wunder auf dem Eis. Hollywood hat das Wunder von Lake Placid vom 22. Februar 1980 sogar verfilmt, verschnulzt als Erfolg des amerikanischen Traums.

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