• Saisonrückblick mal anders: Sündenböcke und Celebrities: Das Ich-Zeitalter in der Bundesliga

Saisonrückblick mal anders : Sündenböcke und Celebrities: Das Ich-Zeitalter in der Bundesliga

Früher galt das Team als das Wichtigste im Fußball, heute muss der Einzelne die Rolle des Helden oder Deppen ausfüllen. Ein Rückblick auf eine Bundesliga-Saison der Celebrities, der 15-Minuten-Berühmtheiten und der Böcke ohne Sünde.

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Teppichtäter und -opfer. Van der Vaart, Guardiola, Schaaf, Klopp und Heldt wurden in dieser Saison bejubelt und verdammt.
Teppichtäter und -opfer. Van der Vaart, Guardiola, Schaaf, Klopp und Heldt wurden in dieser Saison bejubelt und verdammt.Fotos: Imago (3), dpa (2), Fotolia. Montage: Thomas Mika

Andy Warhol hat den Abstieg des HSV kommen sehen. Zumindest den Abstieg in die Gosse des Boulevards. Er wusste, dass das Banale das Heilige irgendwann auch in Hamburg verdrängt. Dass nicht mehr die Institution im Vordergrund steht, sondern der einzelne Spieler und sein Privatleben. Und dass, wer die „Bild“ liest, denken muss: Dieser einst so stolze Klub ist nur noch die Kulisse für eine Schmierenkomödie. In der Hauptrolle: Rafael van der Vaart. Der Celebrity der Saison.

In Zukunft werde jeder, sagte Warhol 1968, für 15 Minuten berühmt sein. So ist es gekommen, wenn auch unter anderen Bedingungen: Berühmtheit hat nicht mehr viel mit Ruhm zu tun, sie basiert oftmals auf reiner Penetranz. Man muss nur lange genug seine Visage in die Kameras halten, dann kennt sie bald jedes Kind.

Wofür genau die so genannten Celebrities unserer Tage eigentlich berühmt – oder besser: bekannt – sind (außer dafür, dass sie es nun mal sind), weiß niemand so genau. Am wenigsten sie selbst, aber das ist Teil des Konzepts. Nicht mal schlechte Musik machen sie mehr. Van der Vaart kann Gerüchten zufolge immerhin Fußball spielen, bloß interessiert das bei den Revolverblättern keine Sau. Celebrities sind eine Marke ohne Kern. Eine Verpackung ohne Inhalt.

Doch immerhin: Was auf dieser oft leeren Verpackung zu lesen ist, ähnelt zuweilen einer Weissagung in der Tradition Warhols. Eine mysteriöse Intuition befähigt die Celebrities, blinden Sehern gleich, ebenfalls in die Zukunft zu blicken – oder wie es in ihrer Branche heißt: Trends zu setzen. Sie wissen heute schon, was uns morgen auf den Geist geht.

Paris Hilton erahnte die Ära der sich selbst fotografierenden Witzfiguren, Kim Kardashian sah voraus, dass der Hintern das Gehirn als wichtigstes Körperteil ablöst. Und Mario Balotelli, die Kim Kardashian des Fußballs, wusste als Erster, welchen Wandel sein Sport erleben wird: Dass der Einzelne aus dem Team heraustritt. Als Individualist in einer Mannschaftssportart. Als der, der scheinbar allein über Sieg und Niederlage entscheidet, den sie auf der Sänfte aus dem Stadion tragen oder aber mit Mistgabeln hinausjagen wie ein mittelalterlicher Lynchmob (was bei ihm öfter der Fall ist). Eine bemerkenswerte Entwicklung in einer als postheroisch geltenden Gesellschaft, die sich nicht nur in der Premier League vollzieht, sondern nun auch in der Bundesliga.

Vorbei die Tage, als Fans Busse blockierten. Sie wollen nur noch den Star kämpfen sehen

Sie begann vor gut dreieinhalb Jahren mit einem dieser typischen Balotelli-Auftritte. In einem Spiel im Oktober 2011 – er hatte gerade einen Bekanntheitsschub erfahren, weil er ein Feuerwerk im heimischen Badezimmer gezündet hatte – zog er sich das Trikot hoch und gab den Blick frei auf eine Frage, die auf sein Unterhemd geflockt war: „Why always me?“ Warum wird immer über mich geredet? Und warum so schlecht? Eine kokette Frage, deren Antwort auf der Hand liegt: Wer es schafft, im Fußball – inmitten von kreuzbraven Musterschülern, denen von PR-Strategen das letzte bisschen Frechheit ausgetrieben wird – zum Celebrity zu werden, der kann sich der Schlagzeilen so sicher sein wie ein sprechendes Einhorn. Darum immer Balotelli. Wer sonst?

Vielleicht war es aber auch gar keine Frage, sondern ein Menetekel: Es markiert den Beginn des Zeitalters des Ichs im Fußball. Mit der für den deutschen Markt so typischen Verzögerung von drei Jahren ist es in dieser Spielzeit auch hier angebrochen, wo das Ich sich noch ein Weilchen hinter der Phrase „Der Star ist die Mannschaft“ und dem Pronomen „man“ versteckt hielt. Nun steht es im Fokus der Öffentlichkeit, als Heilsbringer wie als Sündenbock. Vorbei die Tage, da Fans Busse blockierten, ganze Mannschaften für eine Krise in Sippenhaft genommen und „Wir wollen euch kämpfen sehen!“ skandierten. Sie wollen nur noch einen kämpfen sehen – den, der im Verdacht steht, genau das schuldig zu bleiben: den Celebrity.

Der Mann, der hierzulande Mario Balotelli am ähnlichsten und damit die Kim Kardashian der Bundesliga sein dürfte, heißt Rafael van der Vaart. An der Seite seiner Partnerinnen, ebenfalls Celebrities von Beruf, ist der einstige Star des HSV zum C-Promi verkommen, dessen Leistung weit hinter der Medienaufmerksamkeit zurückblieb, die ihm zuteil wurde, zum Lieferanten peinlich berührender Geschichtlein unterm Weihnachtsbaum. Von der Mannschaft grenzte er sich durch eine leichtfertig kassierte Sperre für das letzte Spiel endgültig ab. Wer mit der „Bild“ im Aufzug nach oben fahre, hat Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner mal gesagt, der fahre auch mit ihr nach unten. Es scheint, als hätte van der Vaart den ganzen HSV hinein gezerrt – und wäre selbst in letzter Sekunde ausgestiegen.

Auch der Schalker Kevin-Prince Boateng hätte das Potenzial gehabt, zum Buhmann der Saison zu werden. Die Fans haben sich allerdings einen Mann ausgeguckt, von dem weniger körperliche Gefahr ausgeht: Manager Horst Heldt – oder wie sie ihn in Gelsenkirchen nennen: „1,69 Meter geballte Inkompetenz.“ Selten zuvor in der Geschichte der Liga ist ein einzelner Funktionär derart in die Kritik geraten. Das mag daran liegen, dass die disparate Truppe gar nicht mehr als Fußballmannschaft wahrgenommen wird, für die Trainer Roberto Di Matteo verantwortlich wäre, sondern als ein Haufen von Kretins (die auch gern Celebrities wären). Und wer hat ihn zusammengekauft? Na, eben. Es muss im März gewesen sein, als Heldt die Floskeln ausgingen, die zu seiner Entschuldigung zur Verfügung standen. Erschwerend kam hinzu, dass es nie mehr als drei waren.

In einer komplizierten Welt ist es einfacher, Einzelne an den Internet-Pranger zu stellen

Thomas Schaaf kennt womöglich keine einzige. Ihn prägt Skepsis gegenüber Redundanzen, jedem Wort zuviel, ja Worten an sich. Das war in Bremen so, und auch in Frankfurt wolle er, das tat er zu Saisonbeginn immerhin noch kund, „einfach nur seine Arbeit machen“. Dadurch verpasste er die Gelegenheit, den soliden Mittelfeldplatz der Eintracht mit einer eigenen Narration zu einer Erfolgsstory aufzuwerten. Einige Medien und Fans ergriffen das Wort und diskreditierten den arbeitsamen Trainer als Alleinschuldigen einer Krise, die zwar noch nicht da ist, aber theoretisch jederzeit ausbrechen könnte. Schaaf: Ein Bock ohne Sünde. Ein Anti-Celebrity, der zum Objekt einer aus purer Langeweile vom Zaun gebrochenen Katastrophenberichterstattung geworden ist.

Solcherlei Ächtungen mögen darin begründet liegen, dass in den Internetforen der Pranger neu erfunden wurde. Vielleicht hat es auch mit dem Bedürfnis zu tun, in einer komplizierter werdenden Welt, in der der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung unkenntlich wird, den einen Schuldigen zu identifizieren, der dann, ganz biblisch und simpel, in die Wüste gejagt werden kann.

Pep Guardiola hat die Welt des FC Bayern mit voller Absicht komplizierter gemacht. Weil darin nur noch er den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung erkannte, galt er bald als alleiniger Matchwinner, der den Ball zwar nicht ins Tor schießen, dafür aber mit der Kraft seines Intellekts hinein denken konnte. Als er jedoch nicht alle Spiele zweistellig gewann, geriet er ganz plötzlich in den Ruf eines zweiten Klinsmanns, der jeden Spieler jeden Tag ein bisschen schlechter macht (Mario Götze!) und als Einziger alles noch „supersuper“ findet. Im Halbfinale der Champions League ist eigentlich nur er ausgeschieden. Der FC Bayern hingegen steht laut Satzung naturgemäß im Endspiel von Berlin.

Und dann ist da noch Jürgen, der geilste Klopp der Welt. Und der ist an allem Schuld, ganz allein: Am Erfolg und an der Liebe, am Misserfolg und der umso größeren Liebe, am ganzen BVB, den er neu und überhaupt erst erfunden hat. Auch daran, dass er sie nun verlassen muss, weil er, wie er sagt, nicht mehr der perfekte Trainer für diesen Verein sei, der sich nach seinem endgültigen Abschied wahrscheinlich in einem Tränenmeer auflösen wird, woran Klopp natürlich auch die Schuld trägt, aber dann kümmert’s ja keinen mehr.

Außer Thomas Tuchel vielleicht, seinen Nachfolger. Und der hat seine 15 Minuten Ruhm ja schon gehabt, als Heilsbringer in Leipzig und Hamburg. Dort sagte er dann doch ab. Um der Supercelebrity unter den Trainern zu werden, brauchte er nicht mal einen Verein.

In einer komplizierten Welt ist es einfacher, Einzelne an den Internet-Pranger zu stellen

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