Schachboxen : Knockout oder Matt

Schachboxen ist in den vergangenen Jahren zwar bekannter geworden, hat es aber noch nicht so recht aus dem Kuriosenkabinett geschafft. In Moskau hat es der Berliner Feuerwehrmann nun zum Weltmeister gebracht.

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Zu Tisch im Ring. Der russische Weltmeister Nikolaj Sazhin (links) und der Italiener Gianluca Sirci.
Zu Tisch im Ring. Der russische Weltmeister Nikolaj Sazhin (links) und der Italiener Gianluca Sirci.Foto: Nik Afanasjew

Ende November, Moskau, unweit des Kremls: Draußen bleibt der erste Schnee liegen, während drinnen, in einer luxuriösen Eventhalle am Puschkin-Platz, das warme Licht von 16 Kronleuchtern erlischt. „Feuer frei“ von Rammstein kracht aus den Boxen, unzählige Bildschirme leuchten Schwarz-Rot-Gold auf. Ein schüchterner junger Mann trottet in einem Boxermantel aus den Katakomben, blickt verlegen in die Menge. Als Rammstein der deutschen Nationalhymne weicht und sich 250 Moskowiter von ihren Ledersitzen erheben, steigt der 25-jährige Berliner Sven Rooch in den Ring. Es geht um einen Titel, von dessen Existenz die wenigsten wissen: den WM-Titel im Schachboxen.

„Männer werden kämpfen. Könige werden fallen. Am Ende der Nacht wird einer stehen“, schreit der Ansager das Motto des Abends hinaus. Dieser Ansager nennt sich Ivan Blackman und ist ein hochgewachsener Schwarzer, der gekonnt beatboxt, bevor er dem Publikum auf Russisch und Englisch die Spielregeln näher- bringt: Zwei Kontrahenten duellieren sich abwechselnd Runde um Runde im Boxring und am Schachbrett, wem zuerst ein K.-o.-Schlag oder ein Schachmatt gelingt, der gewinnt. An übermäßiger Komplexität liegt es jedenfalls nicht, dass Schachboxen in den vergangenen zehn Jahren zwar bekannter geworden ist, es im globalen Wettbewerb um Sponsorengelder und Aufmerksamkeit jedoch nicht so recht aus dem Kuriositätenkabinett herausgeschafft hat.

Damit sich das ändert, hat der Verband WCBO nun diese „erste und einzig gültige Weltmeisterschaft“ ausgetragen, wie ein Vertreter in Moskau erklärt. Ein Blick ins Netz beweist jedoch, dass es ähnlich wie im Boxen durchaus Konkurrenz zwischen verschiedenen Verbänden gibt. Sogar die Geburtsstunde des Schachboxens ist umstritten, der Aktionskünstler Iepe Rubingh hat den ersten Wettbewerb vor zehn Jahren in Berlin ausgetragen, sagen deutsche Quellen. Schon lange davor gab es Schachboxen in England, erwidern englischsprachige. Doch statt die Vergangenheit aufzuarbeiten legen Rooch und sein Widersacher Jonathan Vega aus Spanien am Schachbrett in einem Tempo los, das selbst anwesende Experten ratlos zurücklässt.

Nach drei Minuten sind die beiden Anwärter auf den Weltmeistertitel im Mittelgewicht fast im Endspiel angelangt. Diese Hektik überträgt sich auf die erste Boxrunde, vor allem Rooch wirkt zunächst nervös, stabilisiert sich mit der Zeit im Ring und auf dem Brett, das für die Schachrunden in die Mitte des Boxrings gestellt wird. Dann wird klar, warum die beiden zunächst geradezu absurd schnell spielten: Spätestens in der dritten Schachrunde sind die Köpfe der Kämpfer so mitgenommen, dass ihnen fortlaufend Fehler unterlaufen. Der sechs Jahre ältere Spanier bewegt den Läufer wie einen Springer, den Springer zwei Felder vor und zwei zur Seite, deliriert in eine unvermeidliche Niederlage. Rooch stellt ihn schachmatt und ist Weltmeister.

Gestatten. Sven Rooch, Weltmeister im Schachboxen.
Gestatten. Sven Rooch, Weltmeister im Schachboxen.Foto: Nik Afanasjew

„Es war mein erster Profikampf, mein Matchplan ist aufgegangen“, sagt Sven Rooch nach dem Kampf. Hochprofessionell gönnt er sich eine Mandel-Nuss-Schokolade statt Champagner. Auch seine vier bis fünf Trainingseinheiten die Woche deuten auf ein Leben als Leistungssportler hin, doch leben kann er vom Schachboxen nicht. Sein Geld verdient Rooch als Feuerwehrmann. Die wichtigste Frage an jeden Schachboxer, ob er eher Boxer oder eher Schachspieler sei, beantwortet er so schnell wie er zuvor gekämpft hat: „Boxen, ganz klar.“ Schwierig ist dagegen die Frage nach dem Preisgeld, ein herbeieilender Funktionär verbietet Rooch die Antwort, gibt zu, dass die Preisgelder bescheiden seien, spricht von einer „Aufwandsentschädigung“. Rooch beeilt sich zu betonen, dass so eine Moskaureise ja auch viel wert sei. „Das ist eine Wahnsinnsstadt. Da kommt man sich gleich ganz klein vor.“

Der weitere Abend entwickelt sich unter dem Einfluss seines Generalsponsors hochprozentig – ein weltweit beliebter deutscher Kräuterschnaps verfehlt seine Wirkung auf die Moskowiter nicht. Im Halbschwergewicht gewinnt der Weißrusse Leonid Chernobajev, der wohl beste Schachboxer der Welt, gegen seinen Widersacher aus Indien. Lokalmatador Nikolaj Sazhin triumphiert im Schwergewicht gegen den Italiener Gianluca Sirci, die Zuschauer skandieren russische Parolen, springen von ihren Sitzen. Ob das der Durchbruch der Sportart war, wird sich auch in Berlin zeigen. Dort plant die WCBO im Frühling 2014 die nächste Weltmeisterschaft.

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