Sport : Schachbrett im Kopf

Großmeister Aronian spielt für den SC Kreuzberg

Fernando Offermann

Berlin - In der Berliner Bar „Wohnzimmer“ wird selten ein einfaches Glas Wasser bestellt, doch Schachgroßmeister Levon Aronian ist sich ganz sicher, was er trinken möchte. Auf die Chaiselongue mag sich der 23-Jährige nicht setzen, er nimmt den Hocker. Als er im großen Hinterzimmer auf die Bestellung wartet, schreitet er konzentriert auf und ab. Still und nachdenklich betrachtet er den Bohlenboden, blickt aus dem Fenster, und es kann gut sein, dass er gerade an Spielvarianten denkt, die vor wenigen Tagen in Nagorno-Karabach gespielt wurden. Eliteprofis aus der ganzen Welt trafen sich in der von aserbaidschanischem Gebiet umschlossenen Exklave, und Levon Aronian hat dieses Turnier souverän gewonnen.

An diesem Wochenende beginnt die Bundesliga-Saison, und Aronian tritt am Spitzenbrett des SC Kreuzberg an. Schließlich hat er es in diesem Jahr in die Top Ten der internationalen Wertungsliste gebracht. Am Spitzenbrett erwartet ihn in der Bundesliga die internationale Elite: Die WM-Teilnehmer Viswanathan Anand, Peter Swidler, Rustam Kasimdschanow und Michael Adams, aber auch Andrej Wolokitin und Alexander Onischuk.

„Ich freue mich immer über starke Gegner. Je mehr, desto besser. Jedes Mal, wenn du auf einen Spieler dieser Kategorie triffst, musst du etwas beweisen. Das ist die Herausforderung, und das ist das, was jeder Schachspieler liebt“, sagt Aronian. Die wild bearbeiteten Wände der Bar erinnern ihn an Sankt Petersburg. Berlin gefällt dem Schach-Profi. Hier hat er Verwandte und kann Freunde treffen. In Hohenschönhausen fühlt er sich wohl. „Ich mag die Gegend – sie erinnert mich an Moskau.“ Als Aronian noch für Wattenscheid spielte, gab es Pläne, ihn einzubürgern, damit er für die deutsche Nationalmannschaft spiele. Er hat sich dagegen entschieden und bleibt Armenier. „Die Staatsbürgerschaft erleichtert mir die Einreise nach Russland, weil ich kein Visum brauche“, sagt er. „Wenn die armenischen Behörden es gestatten sollten, käme eine doppelte Staatsbürgerschaft in Frage.“

Das Warten auf die neue Bestellung lässt eine erneute Warteschleife aufkommen. Leute wie Aronian brauchen das Brett nicht zum Berechnen, sie lassen ihren Varianten-Fantasien auch gern beim Spaziergang freien Lauf. Pausen sind nichts für den jungen Sportler. Bis das Glas Wasser kommt, vertritt er sich erneut die Beine.

Bundesliga-Auftakt: Samstag ab 14 Uhr und Sonntag ab 10 Uhr im Rathaus Charlottenburg; der Eintritt ist frei.

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