Schalke tritt beim FC Chelsea an : José Mourinho - Früher wild, heute mild

Trainer José Mourinho ist diplomatischer geworden – weil ihm seine Rückkehr zum FC Chelsea Probleme bereitet. Am Mittwoch empfangen die Londoner den FC Schalke 04.

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Neuer Anlauf. José Mourinho muss sich als Trainer beim FC Chelsea neu erfinden.
Neuer Anlauf. José Mourinho muss sich als Trainer beim FC Chelsea neu erfinden.Foto: AFP

Als zum letzten Mal das Gerücht kursierte, José Mourinho sei milder geworden, war es definitiv die Ruhe vor dem Sturm. Es war im Sommer 2007, als die Verpflichtung von Avram Grant als Chelseas neuer Sportdirektor für große Unruhe sorgte, und Mourinho versuchte alle davon zu überzeugen, dass er überhaupt kein Problem mit der Innenpolitik des Vereins habe. Der Agent Provocateur wurde zum Diplomaten, und der Begriff vom milden Mourinho war erfunden.

Bloß drei Monate später hatten sich Mourinho und Chelsea getrennt. Der Portugiese hatte jeden englischen Titel mindestens einmal gewonnen und wurde niemals in einem Ligaspiel zu Hause geschlagen. Sein Amt konnte er aber nicht behalten. Sein Verhältnis mit Vereinsboss Roman Abramowitsch war zerstört.

Als Mourinho im Sommer 2013 zu Chelsea zurückkehrte, war es dann eine Überraschung, dass er nur von solchen Gefühlen wie „Glück“ und „Verantwortung“ redete. War Mourinho tatsächlich so mild geworden? Schließlich hatte er gerade drei turbulente Jahre inmitten des Landes mit dem größten Derby der Fußballwelt verbracht. Er hatte das Team bei Real Madrid in zwei Lager gespalten, Tito Vilanova mit dem Finger ins Auge gestochen und seinen Glauben an die Barcelona-Verschwörungstheorien immer wieder angedeutet. Mild war er jedenfalls nicht.

In dieser Saison hat sich das geändert. Zumindest einigermaßen. Als er gegen Cardiff City wegen Unsportlichkeit einen Platzverweis erhielt, akzeptierte er seine Geldstrafe sofort. Mourinho – der frühere Schiedsrichterkritiker und Verschwörungstheoretiker. Als der Tottenham-Trainer André Villas-Boas berichtete, er und Mourinho seien gar nicht mehr befreundet, reagierte der Portugiese ungewöhnlich respektvoll und zurückhaltend. Mourinho – Spitzname „The Special One“, früherer Meister im Verbalfechten.

Trotzdem hat Mourinho vor dem Gruppenspiel am Mittwoch gegen Schalke 04 (20.45 Uhr, live bei Sky) dringendere Probleme als sein Image. Nämlich die schwankende Form seiner Mannschaft.

Als der Portugiese zurückkam, hat niemand in Chelsea daran gezweifelt, dass er mal wieder etwas Großes erreichen könnte und auch erreichen würde. Die alten Spieler aus seiner ersten Amtszeit, John Terry, Frank Lampard, Petr Cech und Michael Essien, haben sich besonders laut über die Ankunft Mourinhos gefreut. Diese Spieler füllen heute allerdings andere Rollen aus als bei Mourinhos erster Amtszeit. Psychologisch sind sie zwar noch Führungsspieler, taktisch aber längst nicht mehr.

Statt eines Teams, das auf großen Figuren und taktischer Strenge basiert, hat Mourinho bei seiner Rückkehr ein Team voller junger Kombinationskünstler wie Oscar, Eden Hazard und Juan Mata gefunden. Manche von ihnen, wie Nationalspieler André Schürrle, hat er zwar erfolgreich ins Team eingebaut. Andererseits sitzt Mata immer wieder auf der Bank, weshalb Mourinho auch von den schmeichelnden Chelsea-Fans kritisiert wird. Zudem besitzt er auch im Angriff geringe Möglichkeiten. Sowohl Fernando Torres als auch Samuel Eto’o suchen seit Wochen konstante Form.

Es fällt dem Trainer offensichtlich schwer, die Balance zwischen seiner festen Taktik und dem von Kader und Klub geforderten schönen Fußball zu finden. Das zeigt sich auch in den Ergebnissen. Am Wochenende hat Chelsea gegen Newcastle eine Niederlage in der Premier League kassiert, liegt jetzt fünf Punkte hinter Tabellenführer Arsenal. Nach der Auftaktniederlage in der Champions League gegen den FC Basel hat Mourinho seine Schwierigkeiten wie folgt beklagt: „Hätten wir auf Konter spielen dürfen, hätten wir wohl mehr Tore geschossen.“

Es war eine eindeutige Spitze gegen Klubeigner Abramowitsch, den er bis dato so explizit nie kritisiert hatte. Die übereinstimmende Einschätzung seiner Situation ist immer noch, dass es sich Mourinho nicht leisten kann, den russischen Eigentümer verbal anzugreifen. Womöglich ist er genau aus diesem Grund ein wenig milder geworden.

Nach Meinung madrilenischer Zeitungen zufolge war Mourinho bei Real gescheitert, seine Rückkehr nach Westlondon wurde als Flucht dargestellt. Aber auch objektiv gesehen stimmt es, dass er in England mehr Ruhe genießt. Die Insel ist seine zweite Heimat.

„Als sich England für die WM qualifiziert hat, habe ich ruhig gefeiert“, sagte er kürzlich der Tageszeitung „Guardian“. Dazu sei er auch entschlossen, einen englischen Talentkern bei Chelsea zu behalten, wenn Veteranen wie Terry und Lampard eines Tages nicht mehr da sein sollten. Das ist allerdings ein schwieriges Projekt. Denn traditionell genießen junge englische Spieler – wie Daniel Sturridge und Josh McEachran – an der Stamford Bridge nicht das ganz große Vertrauen.

Mourinhos Liebe zum englischen Fußball ist so bekannt wie gegenseitig. Mit seiner Rückkehr zu Chelsea ist er zurück in ein vertrautes Terrain gekommen. Aber er hat sich auch eine komplett neue Herausforderung ausgesucht. Er ist nicht mehr das explosive junge Trainertalent, das alles sagen und machen kann. Nach seiner Demission in Madrid muss er beweisen, dass seine Genialität auch langfristig beweisen kann. Im familiären, aber politisch instabilen Umfeld des FC Chelsea ist das nicht einfach – und das ist einer der Gründe für die neue Milde des José Mourinho.

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