Sport : Schnell wie der Tod

FRANK BACHNER

Irgend jemand mußte diesen schönen Schein zerstören, diesen Schleier aus Tränen, Blumen, mitfühlenden Worten und pathetischen Sätzen.Blumen lagen in Los Angeles vor dem Haus der Toten, im olympischen Trainingszentrum der US-Leichtathleten zogen traurige Menschen die Flaggen auf Halbmast, Fans schluchzten, und Bill Clinton, der Präsident, sagte: "Wir waren betört von ihrer Geschwindigkeit, eingenommen von ihrem gesegneten Talent und gefangen von ihrem Stil." Florence Griffith-Joyner war gestorben, und Amerika fühlte einen Stich in seinem Herzen.Kein Hollywood-Star war tot, eine Sprinterin nur, aber eine, die exzellent jene Mischung aus Show, Exzentrik und Spitzenleistung verkörperte, die weit über das rein sportliche Interesse hinausgeht.Sie hatte 16 Zentimeter lange Fingernägel, eine Riesenschlange zu Hause, rannte in bizarren Klamotten und stellte Weltrekorde auf, die unglaublich waren: 10,49 Sekunden über 100 Meter und 21,34 Sekunden über 200.In der Nacht zum Montag starb sie, ersten Angaben zufolge an einem Schlaganfall.Mit 38 Jahren.

Ein Glamourgirl mit wehenden Haaren: Dieses Bild trugen ihre trauernden Fans im Herzen.Aber dann zerstörte Lorna Boothe alles.Sie, die ehemalige Trainingspartnerin von Griffith-Joyner, sagte am Montag bloß: "1987 habe ich eine Krankenschwester getroffen, die in einem kalifornischen Hospital arbeitete und mir bestätigte, daß Flo-Jo regelmäßig mit anabolen Steroiden und mit Testosteron behandelt wurde." Es war ein Satz, der in den USA zumindest kurzzeitig den Mythos von Griffith-Joyner zerstörte.Denn es war ein Mythos, der etwas von Heuchelei an sich hatte und der heftig mit jener Diskussion kollidierte, die sofort entstand: Ist der Tod von Florence Griffith-Joyner eine Folge von Dopingmißbrauch?

Der Verdacht, daß die Sprinterin verbotene Starkmacher schluckte, liegt nahe.Zu spektakulär waren ihre Weltrekorde, zu lasch die Trainingskontrollen in den USA.Wer weiter als 75 Meilen von einem Dopinglabor entfernt wohnte, mußte nicht kontrolliert werden."Wo also", fragte Charlie Francis höhnisch, "würden Sie wohnen, wenn sie sich dopen wollten?" Francis war der Trainer von Ben Johnson - des Kanadiers, der bei denselben Olympischen Spielen als Dopingsünder aufflog, bei denen Griffith-Joyner drei Goldmedaillen gewann.Selbst in den USA, wo das Thema Doping in den 80er Jahren so uninteressant war wie eine Kantonalwahl in der Schweiz, waren ihre Rekorde zu ungewöhnlich, als daß grell lackierte Fingernägel von Dopingfragen ablenken konnten.1989 trat Griffith-Joyner von der Bühne ab - ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem ihr Manager ihren Marktwert auf 50 Millionen Mark geschätzt hatte.Aber auch zu einer Zeit, in der verschärfte Dopingkontrollen angekündigt wurden.

Ist der Schlaganfall also eine Spätfolge ihres Dopingkonsums? Anabolika kann zu Thrombosen führen, die das Risiko von Schlaganfällen erhöhen."Es gibt", sagt der Dopingexperte und Molekularbiologe Werner Franke, "50 Arbeiten, die belegen, daß selbst geringer Anabolikakonsum schon zu dramatischen Folgeschäden führen kann." Bereits 1996 hatte Griffith-Joyner einen Schlaganfall erlitten.Für Franke "eine typische Folge von Anabolika-Mißbrauch.Dieser Tod war vorhersehbar." Der Sportmediziner Heinz Liesen dagegen hält das "für eine unerträgliche Spekulation".

Reiner Zufall jedenfalls war dieser Tod kaum.Zu lang ist die Liste von Athleten, die während oder bald nach ihrer Karriere gestorben sind und deren Tod mit Doping in Verbindung gebracht wird.Eine Liste, die auch zeigt, wie schmal der Grat ist, auf dem Hochleistungssportler auf dem Weg zu Topleistungen balancieren und dabei mit vollen Händen in den Arzneimittelschrank greifen.Im Februar 1998 starb in Berlin Ralf Reichenbach.Als Leichtathlet stieß er mit seinen Bärenkräften die Kugel 21,51 Meter weit.Reichenbach hatte vor vielen Jahren schon gestanden, daß er Anabolikapillen schluckt wie andere Menschen Gummibärchen.Er wurde Bodybuilder, steigerte seine Rationen binnen 40 Wochen um das 60fache und wurde 1996 mit einer extrem fiebrigen Viruserkrankung in ein Berliner Krankenhaus gebracht."Mein Herz ist 20 bis 25 Jahre älter als ich", sagte er anschließend - und schluckte weiter.Er starb mit 47 Jahren.

Knapp elf Jahre vor Reichenbach war Birgit Dressel qualvoll gestorben.Die Organe der Olympia-Neunten von 1984 im Siebenkampf versagten auf dem Operationstisch.Birgit Dressel hatte ihren Körper mit 102 Medikamenten malträtiert, darunter das Anabolikum Stanozolol.Ihrer entsetzten Mutter erklärte sie zur Beruhigung: "Das brauche ich.Alle nehmen das." Die Ärzte, die sie wegen eines Hexenschusses behandelten, wußten nichts von dem gruseligen Pharma-Cocktail.Birgit Dressel starb, weil ihr Immunsystem zusammenbrach.

Im Januar 1993 starb auch der ehemalige DDR-Hammerwerfer Detlef Gerstenberg, 1980 Olympia-Fünfter, an Leberzirrhose.Gerstenberg trank exzessiv Alkohol.Aber der Muskelmann wurde in seiner aktiven Zeit auch mit Anabolika gemästet.Für den Dopingexperten Franke ist der Fall damit klar: Tod durch Spätfolgen des Dopings."Innerhalb weniger Jahre kann man seine Leber selbst dann nicht so extrem ruinieren, wenn man Hochkonzentriertes in großen Mengen trinkt", sagt er.Drei Monate nach Gerstenbergs Tod lebte auch Uwe Beyer nicht mehr.Der bundesdeutsche Hammerwerfer, einst Weltrekordler, hatte schon 20 Jahre zuvor im ZDF zugegeben, Anabolika genommen zu haben.Beyer wurde obduziert, die Ärzte stellten eine Verengung der Herzkranzgefäße fest - eine typische Spätfolge des Anabolika-Konsums.

Uwe Beyer starb weitgehend unbeachtet.Bei Florence Griffith-Joyner dagegen werden die Legenden konserviert."Sie hat die Welt vor zehn Jahren in Seoul in Atem gehalten", sagt Primo Nebiolo, der Präsident des Welt-Leichtathletik-Verbandes.Selbstverständlich vergaß er den Hinweis darauf, daß die immensen Preisgelder, die Nebiolos Organisation inzwischen auslobt, die Dopingspirale immer weiter antreiben und damit die Gefahr von Todesfällen vergrößern.Erwachsene Athleten, so heißt es, sind für sich selbst verantwortlich.Doch Werner Franke, der Dopingfachmann, spricht aus, wer bei der Jagd nach Rekorden, Geld und Ruhm am Ende den höchsten Preis zahlt: "Man muß die Sportler auch als Opfer sehen."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben