Sport : Schrecklich schöne Spiele

Olympia 1936 hat den Sport verändert. Das Spektakel jährt sich am Montag zum 75. Mal

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Premiere im Berliner Olympiastadion. Der Fackellauf fand 1936 bei den Spielen der Nationalsozialisten zum ersten Mal statt. Foto: Richter/Cinetex
Premiere im Berliner Olympiastadion. Der Fackellauf fand 1936 bei den Spielen der Nationalsozialisten zum ersten Mal statt....Foto: Sammlung Richter/Cinetext

Es waren Hitlers Spiele und für manche das schönste Erlebnis ihres Lebens. Einen größeren Gegensatz kann ein Sportereignis kaum erzeugen.

Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin werden 75 Jahre alt. Am 1. August 1936 läuft Adolf Hitler mit seiner Entourage die Marathontreppe im Olympiastadion herunter, ein fünf Jahre altes blondes Mädchen, Tochter des Organisationschefs Carl Diem, überreicht ihm Blumen, aus seiner Führerloge nimmt Hitler den Einmarsch der Nationen wie eine Militärparade ab. Kurz nach 17 Uhr tritt Hitler ans Mikrofon, seine Stimme stampft wie ein Paar Stiefel als er die Olympischen Spiele „als eröffnet“ erklärt. Es folgen 16 Tage, die die Welt beeindrucken. „Nie sind so große Spiele abgehalten worden, und nie waren sie so gelungen“, sagt der Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes, der Schwede Sigfrid Edström.

Schrecklich schöne Spiele also? Olympia 1936 wird den Sport verändern. In seiner Inszenierung. In seinem politischen Selbstverständnis. Unzählige Diskussionen darüber, wie politisch der Sport sein darf, sein kann, sein soll, nehmen ihren Anfang bei diesen Spielen in Berlin. Und wie sich Olympia einem politischen Regime auslieferte, macht den organisierten Sport noch heute sprachlos. Zum 75. Jahrestag hat der Deutsche Olympische Sportbund nichts geplant. Ihm ist ein anderes Jubiläum eingefallen. 30 Jahre Olympischer Kongress in Baden-Baden und damit Ende des Amateurzeitalters im Sport.

Dabei beginnen 1936 Entwicklungen, die Olympia bis heute im Griff haben. Der Gigantismus beispielsweise. „Es war das erste Mal, dass hinter den Spielen die Finanzkraft eines ganzen Staates stand, der der Welt etwas beweisen wollte“, sagt der Potsdamer Sporthistoriker Hans-Joachim Teichler. Größe wollen die Nationalsozialisten beweisen, aber auch Friedfertigkeit vorspielen, gerade nach dem Austritt aus dem Völkerbund. Deutschland soll offen und freundlich wahrgenommen werden, natürlich auch stark und bestens organisiert. Es ist die Chance auf einen Propagandaerfolg, der die Nationalsozialisten überhaupt erst Gefallen an Olympia finden lässt, denn noch Anfang der dreißiger Jahre gab es zum Beispiel unter nationalsozialistischen Studenten Widerstand gegen die Spiele, die 1931 an Berlin vergeben worden waren. Olympia sei zu liberal, zu individualistisch, zu international.

„Die Spiele waren politisch so wirkungsvoll, weil ihr Kern so unpolitisch war“, sagt Teichler. Er hat unter anderem die Presseanweisungen der Nationalsozialisten erforscht. Für eine begrenzte Zeit besteht die Propaganda der Nazis darin, ihre Propaganda zu unterdrücken. Journalisten, die über jüdische und ausländische Sportler herziehen, wird vom Amtsleiter der Pressestelle im Propagandaministerium, Alfred-Ingemar Berndt, gedroht, dass „rücksichtslos jede Zeitung beschlagnahmt oder verboten würde, die sich über diese Weisung hinwegsetze“. Das Propagandaministerium fordert: „Der Rassenstandpunkt soll in keiner Weise bei der Besprechung sportlicher Resultate Anwendung finden, vor allem sollen die Neger nicht in ihrer Empfindlichkeit getroffen werden.“ Der Rassismus wird in vielen Facetten deutlich, er reduziert sich nicht auf die Streitfrage, ob Hitler Jesse Owens die Hand gegeben hat.

Die Hetze soll schon vor den Winterspielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen Pause machen: mit dem Auftrag, alle antisemitischen Schilder zu entfernen. Doch es klappt nicht so schnell – ausgerechnet die SS muss anrücken, um die Schilder zu entfernen.

Zur Propaganda gehört ein Uniformverbot für Parteiformationen und Zuschauer – für die Dauer der Spiele, für den Aufenthalt der Gäste aus dem Ausland. Mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit haben die Nazis Erfolg. Der Eindruck, den sie von diesen Spielen vermitteln, lässt Carl Diem, den Chef des Organisationskomitees, Olympia 1936 als „Oase der Rassengleichberechtigung“ feiern. Die Sportler schwärmen, die Journalisten auch. Und die Gäste lassen noch viele Devisen da. „Es war die schöne Fassade eines Terrorregimes und für viele die schönsten Jugenderinnerungen“, sagt der Publizist Volker Kluge, der wie Teichler zu denjenigen gehört, die die Spiele am besten erforscht haben. „Im Olympischen Dorf herrschte heile Welt und in den Ortschaften drumherum arbeiteten die Rüstungsbetriebe“, sagt Kluge. Und in aller Stille spioniert die Gestapo die Post der Sportler aus, die Sicherheitsorgane sperren rund um die Spiele 50 000 Menschen als politische Gefangene ein.

Das Internationale Olympischen Komitees (IOC) feiert dagegen mit, als die Nazis zu rauschenden Empfängen laden und wohl nicht merken, wer hier mit wem spielt. Als die IOC-Mitglieder mit ihrer Amtskette um den Hals auftreten, lästert Goebbels: „Die Olympianer sehen aus wie Direktoren von Flohzirkussen.“ Eine bedeutendere Rolle haben ihnen die Nazis bei diesen Spielen auch nicht zugedacht.

Die Nationalsozialisten greifen nach allem, was ihnen Olympia an Symbolik bietet. Und das ist noch nicht genug. Eine Olympiaglocke lassen die Organisatoren der Spiele gießen. Als sie aus dem Ruhrgebiet nach Berlin transportiert wird, wird jede Zwischenstation von den örtlichen Parteiorganisationen gefeiert. Die Nationalsozialisten ergänzen den Mythos der Spiele um einen Totenkult und schaffen dafür auf dem Olympiagelände einen eigenen Ort, die Langemarckhalle. Sie erinnert an die größtenteils jungen Soldaten, die sich in einer Schlacht des Ersten Weltkriegs im belgischen Langemarck im nationalen Rausch in den Tod stürzten. 80 000 deutsche Soldaten starben. Bevor Hitler die Spiele eröffnet, lässt er sich an der Langemarck-Halle vorbeifahren, zu einer „stillen Andacht“, wie Kluge in seinem Buch über das Olympiastadion schreibt. „Es war der schauerliche Mythos der Weltkriegstoten, in dem Hitler das ,Fest des Friedens’ veranstaltet haben wollte. Wo fröhliche Heiterkeit angemessen gewesen wäre, dominierte feierlicher Ernst und militärischer Pomp.“

Erstmals wird 1936 auch der olympische Fackellauf organisiert, das Feuer spielt schließlich in der germanischen Symbolik eine große Rolle. Den Lauf von Griechenland nach Berlin begleiten antifaschistische Kundgebungen in Prag und profaschistische in Wien. „Der Lauf hatte auch die Funktion, die Volksdeutschen zu einen und Gebietsansprüche zu stellen“, sagt Kluge. Dennoch hat der Fackellauf bis heute überlebt – bis 2008 die chinesische Führung ihn zu einem Triumphzug durch die ganze Welt ausbaute, der sogar auf den Mount Everest hinaufführte. Aber die Chinesen hatten nicht mit Protesten wegen der Gewalt in Tibet gerechnet. Es kam eine Frage auf, deren Ursprung in den Spielen von Berlin liegt: Was ist legitime PR? Und was Propaganda?

Wie sehr sich ein Land der olympischen Symbole bemächtigt, das kann bei der Antwort helfen. Die Olympischen Spiele 1936 liefern ihren Nachfolgern auf jeden Fall eine Vorlage für Emotionalisierung des Sports, für seine kultische Überhöhung, seine mediale Inszenierung wie durch Leni Riefenstahl. Das IOC sieht dabei gerne zu. „Man darf nicht vergessen, dass von den damals 30 Ländern in Europa mehr als die Hälfte Diktaturen waren“, sagt Teichler und meint damit, dass auch die entsandten Mitglieder des IOC nicht für den autonomen Sport stehen, sondern auch für die Gesinnung ihres Regimes. „Viele von ihnen haben offen mit Hitler sympathisiert“, sagt Volker Kluge.

Das vielleicht einzige wirksame Mittel des IOC, wäre die Drohung mit dem Entzug der Spiele gewesen. „1936 wird der Pragmatismus des IOC deutlich. Hauptsache, die Spiele finden statt, um Menschenrechte schert es sich nicht“, sagt Teichler. Sie finden nicht nur irgendwie statt, sie nehmen die Sportfunktionäre für sich ein, weil die Sportstätten so monumental sind, allen voran das Olympiaforum mit seinem riesigen Stadion, und die Organisation bis ins Kleinste durchgeplant ist. Die Funktionäre fassen es als Huldigung vor Olympia auf.

Das ist bis heute der Maßstab des IOC und sein formalistischer Anspruch: dass alle Regeln eingehalten werden. Der Rest ist Ohnmacht. Wenigstens IOC-Präsident Henri de Baillet-Latour äußert sich nach den Spielen von 1936 kritisch und wirft Deutschland vor „den Sport den offiziellen Festlichkeiten geopfert zu haben. Man muss diese ungeheure Flut von Einladungen, diese Serien rauschender Feste, diesen Exzess an Propaganda und riesenhaften Demonstrationen zurückdrängen.“

Es gibt im IOC jedoch personelle Kontinuitäten: Avery Brundage, amerikanisches IOC-Mitglied, kämpft damals gegen den Boykott seiner Mannschaft. Über den war in den USA wegen der Rassenpolitik der Nazis ernsthaft diskutiert worden. Brundage erkundigte sich bei einem Besuch in Deutschland bei Juden, ob sie Sport treiben dürften. Dass sie das verneinten, nahm er nicht weiter ernst. „In meinem Sportklub in Chicago sind auch keine Juden zugelassen.“ Brundage wurde 1952 Präsident des IOC und blieb es bis nach den Spielen von München 1972.

Die Nazis schafften es, mit Einladungen an einige jüdische Athleten einen Schein zu erzeugen. Die Hochspringerin Gretel Bergmann wird aus England zurück nach Deutschland beordert und soll sich in einem Trainingslager auf Olympia vorbereiten. Das bekommen die Amerikaner noch mit. Als sie ihr Schiff nach Europa bestiegen haben, erhält Gretel Bergmann die Nachricht, dass sie in Berlin nicht starten darf. Sie hält den deutschen Rekord. Doch die Nazis verzichten lieber auf eine Medaillenchance, als einer Jüdin die Chance zu geben, im deutschen Trikot vor der Weltöffentlichkeit zu springen, und lassen einen Startplatz verfallen.

Wie beeindruckt das IOC von den Spielen in Berlin ist, zeigt es überdeutlich: mit einem Olympiapokal für die Deutsche Arbeitsfront, mit einer Ehrung Leni Riefenstahls für ihren Olympiafilm und vor allem mit einem Beschluss von 1939. Das IOC vergibt die Olympischen Winterspiele 1940 noch einmal nach Garmisch-Partenkirchen. In Deutschland hatten da schon die Synagogen gebrannt.

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