Sport : Schwimmen: Van Almsick verliert gegen die Schule

Frank Bachner

Bis zum Schluss sagte sie "Sie" zu ihm. Franziska van Almsick ist das so gewohnt, sie hat ihre Trainer immer gesiezt. Aber bei Gerd Eßer war da noch mehr als bloß Gewohnheit. Es war eine Form von besonderem Respekt. Zu Gerd Eßer hatte die zweimalige Schwimm-Weltmeisterin einen menschlichen Zugang, Eßer sah nicht bloß die Schwimmerin van Almsick, wie das sein Vorgänger Dieter Lindemann gemacht hatte. Der frühere Männer-Coach Eßer hatte einen Blick für die Probleme des Medienstars, die über das 50-m-Becken hinausgingen. Das prägte ihre Zusammenarbeit.

Jetzt ist sie beendet. Genauer gesagt: seit zwei Monaten. Gerd Eßer trainiert nicht mehr Franziska van Almsick. Das fiel nur bloß keinem richtig auf, weil die Weltrekordlerin über 200 m Freistil monatelang wegen eines Bandscheibenvorfalls ausgefallen war und erst vor kurzem wieder ins Training einstieg. Die 23-Jährige wird jetzt von Norbert Warnatzsch betreut, dem Cheftrainer der SG Neukölln. Warnatzsch hatte unter anderem Jörg Woithe zu DDR-Zeiten zum Olympiasieger und Weltmeister geformt. Warnatzsch, davon kann man deshalb ausgehen, war ins Dopingprogramm der DDR eingebunden. Allerdings gab es gegen ihn nach Angaben des Landgerichts Moabit keine Anklage wegen Beihilfe zur Körperverletzung an Minderjährigen.

Gerd Eßer sagt: "Wir hatten keine zwischenmenschlichen Probleme. Die Trennung hat ganz einfach einen beruflichen Hintergrund." Der 48-Jährige unterrichtet am Seelenbinder-Gymnasium in Berlin Sport, er betreut dabei hauptamtlich den Bereich Schwimmen. "Es war schon seit Beginn unserer Zusammenarbeit Ende 1996 klar, dass diese Arbeit bis Olympia 2000 befristet ist", sagt Eßer. Bis zu diesem Zeitpunkt habe er vom Landesschulamt die Erlaubnis zur intensiven Betreuung von van Almsick erhalten. "Da nach den Olympischen Spielen 2000 der Abstand zur Deutschen Meisterschaft und zur Weltmeisterschaft nicht mehr groß war, haben wir dann die Zusammenarbeit verlängert." Doch wegen ihres Bandscheibenvorfalls musste van Almsick sowohl auf die Deutsche Meisterschaft als auch auf die WM verzichten. "Da haben wir uns Alternativen für den Trainerjob überlegt", sagt Eßer. Die sportliche Bilanz seiner Arbeit mit van Almsick sieht Eßer relativ nüchtern: "Es gab ein paar Ergebnisse, die nicht so waren, wie wir erwartet hatten, obwohl sie gut in Form war." Bei den Olympischen Spielen 2000 zum Beispiel, als van Almsick das Finale über ihre Spezialstrecke 200 m Freistil verpasst hatte.

Franziska van Almsick erklärte gegenüber der Deutschen Presseagentur: "Wenn ich wieder nach oben kommen will, brauche ich wieder jemanden, der den ganzen Tag am Beckenrand steht." Denn im Herbst will sie bei der Deutschen Kurzbahn-Meisterschaft ins Becken. Und "die EM 2002 in Berlin, das hat was". Mag ja sein, dass sie dort nicht mehr Titel sammeln wird. Aber als Medienstar ist sie in Deutschland immer noch fast unerreicht. "Die Zahl der Interviewanfragen", sagt ihre Betreuerin Regine Eichhorn, "hat auch in den letzten Monaten nicht nachgelassen."

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