Sebastian Elwing : Das zweite Leben bei den Eisbären

Torwart Sebastian Elwing ist wieder in Berlin – dem Ort seiner persönlichen Tragödie.

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Wieder da. Torwart Elwing hat für zwei Jahre bei den Eisbären unterschrieben.
Wieder da. Torwart Elwing hat für zwei Jahre bei den Eisbären unterschrieben.Foto: Imago

Es riecht noch so wie früher. Umkleidekabinen im Eishockey stinken penetrant nach Schweiß. Im Sportforum Hohenschönhausen, der Trainingshalle der Eisbären, gebe es dazu noch diesen ganz eigenen süßen Geruch, sagt Sebastian Elwing. Er mag ihn, er ist damit aufgewachsen als Nachwuchsspieler der Eisbären. „Ich fühle mich hier schon wieder zu Hause“, sagt er und lächelt. „Viele Menschen kenne ich noch, vieles erkenne ich wieder.“

Sebastian Elwing sieht smart aus. Halblange Haare, lockeres T-Shirt, Flip-Flops. Ein wenig Typ Klischeesurfer. Er redet laut und wirkt angespannt. Im März 2003 ereignete sich unweit des Sportforums die Tragödie, die sein Leben nicht loslässt. Sein Vater brachte seine Mutter um, kam dann nach einem Suizidversuch ins Krankenhaus – und überlebte. Elwing sagt: „Ich habe zu ihm seitdem keinen Kontakt. Ihn gibt es nicht mehr für mich.“ Punkt.

Sebastian Elwing ist zurück in Berlin. Nach elf Jahren. Als neuer Torwart des Deutschen Meisters. Elwing hat in einem Plattenbau in der Werneuchener Straße gewohnt. Neben Sven Felski ist er nun der zweite Profi im Team, der aus dem ursprünglichen Kiez der Eisbären kommt. „Ich weiß noch, wo der Sven damals mit seinen Eltern gewohnt hat“, sagt Elwing und zeigt in irgendeine Richtung. Na, so viel hat sich ja in elf Jahren nicht verändert in Hohenschönhausen.

Die Mutter und den Bruder, der an Krebs starb, die gibt es noch für ihn. „Ich war in den letzten Jahren selten in Berlin“, sagt Elwing. „Und wenn, dann nur, um auf den Friedhof zu gehen.“ Nach der Tragödie, die es auf die Titelseiten des Boulevards schaffte, wollte Elwing erst nicht mehr zurück in die Heimat.

2001 war er von den Eisbären als junger Ersatztorhüter zum Zweitligisten Weißwasser gewechselt. In Berlin hatte er sich nicht durchsetzen können. „Damals war ich zu zufrieden“, erzählt Elwing. „Ich dachte, das geht immer weiter nach oben.“ Doch das ging es nicht für ihn – in mehrfacher Hinsicht. Wie verarbeitet ein Mensch so eine Geschichte? Er habe es mit einem Psychologen versucht, aber das habe nicht geklappt. „In Weißwasser hatte ich dann einen Arzt, mit dem habe ich viel aufgearbeitet. Du musst viel reden und du brauchst Leute, die dir zuhören.“

Es ging wieder aufwärts. Ab November 2006. Da wurde sein Sohn geboren. Die Prioritäten verschoben sich. Eishockey war zwar immer noch wichtig, aber nicht mehr das Wichtigste. Er sei lockerer geworden – und es lief immer besser im Beruf. Zwei Jahre war er zuletzt beim EHC München in der Deutschen Eishockey-Liga. Elwing machte sich interessant für die stärkere Konkurrenz. Das Angebot der Eisbären fand er am attraktivsten. Berlin ist eine Herausforderung, auch sportlich: Er tritt in einen Konkurrenzkampf mit Stammtorwart Rob Zepp. „Aber ich posaune jetzt nicht raus, dass ich mit allen Mitteln die Nummer eins werden will“, sagt Elwing. Aus dem Alter sei er mit 31 Jahren raus.

Am vergangenen Wochenende hat Sebastian Elwing debütiert für seinen alten neuen Klub, beim European-Trophy-Spiel der Eisbären in Budweis. Beim 2:1-Erfolg wurde er gleich zum besten Spieler gekürt. Damit sollte er in den kommenden zwei Spielen gegen die Hamburg Freezers am Sonnabend (16.30 Uhr, Arena am Ostbahnhof) und am Sonntag in Hamburg seine Chance bekommen, oder? „So denke ich nicht, da kann man nur enttäuscht werden“, sagt Elwing. Er habe mit Trainer Don Jackson und Manager Peter John Lee vor dem Wechsel nach Berlin gesprochen. Er werde diese Saison schon spielen.

Vor gut zwei Wochen kam Elwings Tochter auf die Welt. Der Torwart erzählt von Windelwechseln, erzählt von seiner Familie. Sein Zungenschlag verrät seine Herkunft, er berlinert leicht – so wie das die Menschen machen in Hohenschönhausen. Dort, wo er nun jeden Tag zum Training geht. Vor ein paar Tagen, da habe er beim Auslaufen eine kleine Runde durch den Kiez gedreht, erzählt er. Er nähert sich Hohenschönhausen wieder an.

Aber zu nah muss es auch nicht sein. Sebastian Elwing wohnt jetzt in Lindenberg, nordöstlich von Berlin.

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