Sport : Seelenfrieden aus Papier

Claudia Pechstein arbeitet sich in ihrer Autobiografie an ihrem Dopingfall und ihren Widersachern ab

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Fünf Olympiasiege und ein Buchtitel. Claudia Pechstein schlägt ein neues Kapitel auf. Foto: dpa
Fünf Olympiasiege und ein Buchtitel. Claudia Pechstein schlägt ein neues Kapitel auf. Foto: dpaFoto: dpa

Berlin - Im zweiten Fotoblock, er liegt zwischen den Seiten 160 und 161, findet sich ein Bild mit Feindberührung. Claudia Pechstein vs. Anni Friesinger. Zu Werbezwecken für eine öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt legen sich die beiden Eisschnellläuferinnen gegenseitig zwei Finger ans Auge, und wie sie da so schmallippig voneinander weglächeln, kann man sich schon vorstellen, was sie am liebsten gemacht hätten: der jeweils anderen die Augen auskratzen.

Lange her. Nicht das mit der gegenseitigen Abneigung, die wird wohl ein Leben lang anhalten. Aber Werbung will heute kaum mehr jemand mit der Frau, die als Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin gefeiert wurde. Also muss sie diesen Job jetzt selbst übernehmen. Claudia Pechstein wirbt für Claudia Pechstein. Am Montag hat sie in einem Berliner Hotel ihre Autobiografie „Von Gold und Blut“ vorgestellt. Das ist ungewöhnlich für eine Frau, die noch vor ihrem 39. Geburtstag steht, aber bei Claudia Pechstein ist ja so einiges ungewöhnlich.

Es geht zuvorderst um einen Dopingfall, einen angeblichen oder wahrscheinlichen oder hypothetischen, darüber streiten gelehrte Juristen und gelehrte Mediziner. Und ehemalige Kolleginnen. Zum Beispiel Anni Friesinger, die deutlich zu verstehen gegeben hat, wie gering ihr Glaube ist an eine Unschuld der Frau, mit der sie mal den schönen Begriff vom Zickenzoff prägte. „Sie hat sich sehr früh und sehr öffentlich über mich geäußert“, sagt Claudia Pechstein. „Ich an ihrer Stelle hätte mich erstmal erkundigt: Gibt es einen positiven Befund? Liegt da wirklich ein Dopingfall vor? Ich meine, dann müsste ich ja wirklich gesperrt werden, aber es gibt ja keine positive Dopingprobe. Anni Friesinger hat mich leider nie darauf angesprochen, aber das gilt ja auch für andere Läuferinnen. Es werden sich noch einige Leute wundern.“

Im persönlichen Gespräch wirkt Claudia Pechstein erschöpft, aber beherrscht. Sie hat sich das blonde Haar dunkel färben lassen. Nach einem Nervenzusammenbruch ist sie krankgeschrieben und absolviert eine Therapie. Gibt es eine Diagnose? „Wir müssen jetzt nicht über Diagnosen reden.“ Nein, es geht nicht um den Wortlaut, nur darum, ob es überhaupt eine Diagnose gibt. „Ja, die gibt es.“

Es ist nicht leicht, in diesen Tagen über Sport und Depressionen zu reden. Am Mittwoch jährt sich zum ersten Mal der Tag, an dem der Fußballspieler Robert Enke aus dem Leben schied. Claudia Pechstein schreibt in ihrem Buch, auch sie sei schon fast so weit gewesen und natürlich hat es den entsprechenden Medienhype gegeben. Zufall oder nicht, wer mag das schon unterstellen? „Es ist mir schon sehr schwer gefallen, manches sehr persönliche Detail zu offenbaren“, sagt Pechstein. „Zum Beispiel das mit dem Selbstmordversuch, da habe ich in den letzten Tagen viele erschrockene Anrufe aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis erhalten. Aber was soll ich das verschweigen: Es war ja nun mal so, ich war am Ende und wollte mir das Leben nehmen, mein Manager hat mich davon abgehalten.“

Ihr Manager Ralf Grengel war früher Journalist und hat ihr beim Verfassen des 479 Seiten starken Buches geholfen. Claudia Pechsteins Stärken liegen nicht so sehr im Formulieren, aber „es tut gut, das Buch jetzt in der Hand zu halten“. Haben Sie es schon gelesen? Grengel sitzt mit am Tisch, er lacht und ruft: „Vorsicht, Fangfrage!“ Pechstein antwortet: „Selbstverständlich habe ich es gelesen, es ist mein Buch, aber in der gedruckten Form gehe ich es jetzt noch mal stoßweise durch.“

Auch im Bundesinnenministerium werden sie das Buch in die Hand nehmen. Thomas de Maizière hat die Polizistin Pechstein vor ein paar Wochen zum Dienstantritt aufgefordert, „er hat den Fall Pechstein in seinem Ministerium zur Chefsache erklärt“. De Maizière habe nie den Kontakt zu ihr gesucht, sie aber dafür kritisiert, „dass ich eine Currywurstbude eröffnet habe, dabei war das in meinem Urlaub, und ich habe damit doch auch Arbeitsplätze geschaffen“.

Claudia Pechstein sagt, das Buch habe ihr dabei geholfen, „meine innere Ruhe wiederzufinden“. Andere werden es als wütenden Rundumschlag empfinden, als Abrechnung mit „Journalisten und Hexenjägern“, „Wissenschaftlern und Möchtegern-Experten“, „Charakterköpfen und Unbelehrbaren“, „Politikern und Funktionierenden“, Trainern und Kolleginnen. Die wenigsten von ihnen schneiden im Buch gut ab. Aber einige von ihnen werden mit darüber entscheiden, ob Claudia Pechstein noch einmal eine realistische Chance auf dem Eis bekommt. Oder gegen eine Mauer der Ablehnung läuft.

Sie will unbedingt zurück, schon im kommenden Februar nach Ablauf ihrer Sperre. Unter der Anleitung von Joachim Franke, „dem erfolgreichsten Eisschnelllauftrainer der Welt“, arbeitet sie im Sportforum Hohenschönhausen an ihrer Form. Trifft sie beim Training alte Bekannte? „Das lässt sich nicht vermeiden.“ Auch Leute, denen Sie nicht so gerne begegnet? „Auch das lässt sich nicht vermeiden.“

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