Sicherheitsdiskussion im Fußball : "Die Gruppendynamik bereitet uns Sorgen"

Mehr Verletzte, mehr Strafverfahren - und trotzdem kein Grund für einen Richtungswechsel. Ingo Rautenberg, Leiter der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (Zis) bei der Polizei Nordrhein-Westfalen, erklärt die neue Gewaltstatistik.

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Ingo Rautenberg, 55, leitet seit 2010 die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (Zis) bei der Polizei Nordrhein-Westfalen. Er möchte nicht abgebildet werden, unser Foto zeigt das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC.
Ingo Rautenberg, 55, leitet seit 2010 die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (Zis) bei der Polizei Nordrhein-Westfalen....Foto: dapd

Herr Rautenberg, am Montag haben Sie Ihren Jahresbericht zur Sicherheitslage im deutschen Fußball veröffentlicht. Politiker sprachen danach von einem „Alarmsignal“ und einer „Gewaltspirale“. Andererseits haben mehr als 47 000 Fans in einer Internetkampagne bekundet, dass sie sich sicher im Stadion fühlen. Wer hat recht?

Das ist eine Frage der Interpretation und des Standpunkts. Als Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze erheben wir seit 20 Jahren Kennzahlen im Bereich des Fußballs, die mit Störungen und Straftaten zu tun haben. Faktisch ist es so, dass in der vergangenen Saison die Zahlen einen Höchststand erreicht haben.

Ihr Jahresbericht weist mehr Verletzte und mehr Strafverfahren aus als in den vergangen Jahren. Was sind die Gründe?

Ein wichtiger Punkt ist die Zusammensetzung der Zweiten Liga. In der vergangenen Saison hatten wir dort eine schwierige Konstellation mit vielen Vereinen, deren Fans ein feindschaftliches Verhältnis zueinander haben.

Ging das Gewaltpotenzial also vor allen Dingen von den Absteigern Eintracht Frankfurt und St. Pauli sowie den Aufsteigern Rostock, Braunschweig und Dresden aus? Oder gibt es einen allgemeinen Trend zu mehr Gewalt im deutschen Fußball?

In der letzten Saison war wie gesagt die Situation der Zweiten Liga besonders zu betrachten. Faktisch haben wir aber auch im langjährigen Vergleich einen Anstieg der relevanten Kennzahlen zu verzeichnen.

Laut Ihrer Statistik ist die Zahl der Verletzten rund um Fußballspiele von 846 Personen im Vorjahr auf 1142 gestiegen. Dieser Anstieg ist vor allen Dingen daran festzumachen, dass mehr sogenannte „Störer“ verletzt wurden. Wie kommt das?

Wir unterscheiden in der Statistik nur zwischen Polizisten, Unbeteiligten und Störern und führen keine Einzelfallanalyse durch. In der letzten Saison war teilweise ein Einschreiten gegen große Personengruppen notwendig, um Gefahren für Sicherheit und Gesundheit von Unbeteiligten abzuwehren. Uns bereitet dabei große Sorge, dass sich friedliche Fans mit Gewalttätern solidarisieren und diese Gruppendynamik zu einem größeren Gefahrenpotenzial führt. Von diesen Situationen berichten uns die Kollegen immer wieder.

Können Sie sagen, wie viele Störer bei diesen Einsätzen durch Pfefferspray verletzt wurden?

Dazu führen wir keine gesonderte Statistik.

Politik, Verbände und Fans streiten über neue Konzepte für mehr Sicherheit. Was muss getan werden, damit Ihre Statistik im kommenden Jahr erfreulicher ausfällt?

Aus meiner Sicht haben wir mit dem „Nationalen Konzept Sport und Sicherheit“ eine gute Handlungsgrundlage. Dieses Konzept ist ausgewogen, was das Verhältnis zwischen Dialog und repressivem Vorgehen angeht.

Sie sehen also keinen Grund für einen Richtungswechsel, ein neues Konzept?

Das Nationale Konzept ist im vergangenen Jahr fortgeschrieben worden, es ist von Politik, Verbänden, Vereinen und der Koordinationsstelle Fanprojekte anerkannt. Wenn jeder seine Anstrengungen unternimmt, hoffe ich, dass wir bald von einem Zahlenrückgang sprechen.

Die Fronten zwischen Fans und Sicherheitskräften scheinen aber verhärtet. Wie kann man diese Fronten wieder aufweichen?

Diejenigen, die viel mit Fans zu tun haben – also besonders die Fanbeauftragten und die Mitarbeiter der Fanprojekte –, müssen auch die Belange der Sicherheitsbehörden vermitteln. Außerdem setze ich auf die Selbstregulierung der Fans. Mit den friedliebenden Fans suchen wir den Dialog, aber gegen die Gewalttäter gehen wir weiterhin konsequent vor.

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