Sport : Siegen für die Sportart

Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft der Frauen hat in Turin hohe Ziele

Jörg Petrasch

Berlin - Wenn Anja Scheytt über die Olympischen Spiele spricht, werden ihre Gesichtszüge weicher. „Letztes Mal war ich eigentlich völlig überfordert“, gibt die 25-Jährige zu und schüttelt dabei leicht den Kopf, „ich habe nur herumgeschaut.“ Das letzte Mal war 2002 in Salt Lake City. Für ihre zweiten Olympischen Spiele in Turin hat sich Scheytt deshalb einiges vorgenommen: Die Eishockey-Stürmerin vom Bundesligisten OSC Berlin will professioneller mit ihren Eindrücken umgehen. Nur der Erfolg soll diesmal im Vordergrund stehen – gerade in einer Sportart, die in der Medien- und Zuschauergunst alles andere als führend ist.

Die Olympischen Spiele, die für die Deutschen am 11. Februar mit dem Spiel gegen Finnland beginnen, sind deshalb eine große Chance für das deutsche Fraueneishockey. Aus einem hierzulande wenig beobachteten Sport wird ein Großereignis, das live im Fernsehern übertragen wird. „Die Spannung steigt – auch bei mir“, sagt Frauen-Bundestrainer Peter Kathan, „aber wir können nur gewinnen.“

Sportlich soll zumindest der fünfte Weltranglistenplatz bestätigt werden, das wäre immerhin ein Platz besser als in Salt Lake City. Insgeheim hofft Kathan aber, einen kleinen Boom im Fraueneishockey auslösen zu können. Attraktive Spiele und ein gutes Ergebnis wären dafür wichtig – die Bronzemedaillie ist sein Ziel. Denn ins Endspiel zu kommen, ist für die Deutschen so gut wie ausgeschlossen. Weltmeister USA und Olympiasieger Kanada machen seit Jahren die Titel unter sich aus. Für das zweite Gruppenspiel gegen die USA gibt Kathan daher das Ziel aus, nicht zu hoch zu verlieren – sonst schaltet vielleicht des Fernsehen ab. Das bisher beste Ergebnis gegen die Amerikanerinnen war ein 0:7, alle anderen Niederlagen waren im zweistelligen Bereich. Immerhin gelang den Deutschen kürzlich ein Sieg gegen Kanadas U-23-Team. Die Qualitätsunterschiede sind allein schon in der Popularität des Sports in den Ländern zu erklären. Während in Deutschland 2200 Frauen Eishockey spielen, gibt es in den USA 66 000 und in Kanada 70 000 Spielerinnen. Auf jeder Position hätten die Nordamerikanerinnen zehnmal so viele Alternativen wie die Deutschen, sagt Bundestrainer Kathan.

Die besten Spielerinnen leben in Nordamerika von ihrem Sport auch ganz gut. In Deutschland ist das anders. „Im Frauen–Eishockey kann man kein Geld verdienen“, sagt Claudia Grundmann. Sie und die anderen Nationalspielerinnen müssen sogar ihre Ausrüstung selbst bezahlen. Anja Scheytt gibt beispielsweise rund 2000 Euro pro Saison für Material aus. Deshalb haben sich die OSC-Stürmerinnen Scheytt, Grundman und Susann Götz entschieden, ihr Hobby zu einem zeitlich befristeten Beruf zu machen: Die drei jungen Frauen dienen als Hauptgefreite in der Sportkompanie der Bundeswehr. Damit sind sie finanziell abgesichert und so etwas wie Profis in einem Amateursport.

Zu den Heimspielen des OSC im Erika-Hess-Eisstadion im Wedding kommen im Schnitt etwa 70 Zuschauer. Die Stimmung ist sehr familiär. Zu Auswärtsspielen schießen die Spielerinnen sogar noch zehn Euro Fahrtgeld zu. Trotzdem ist Berlin im Frauen-Eishockey eine Hochburg. Der OSC zählt mit nur einer Niederlage in der Zwischenrunde zu den aussichtsreichsten Meisterschaftskandidaten. Für den lang ersehnten Titel sind vor dieser Saison mit Stürmerin Nicola Holmes und Torfrau Stephanie Wartosch-Kürten zwei weitere Nationalspielerinnen an die Spree gewechselt. Mit fünf Spielerinnen stellt Berlin sogar den stärksten Vereinsblock in Turin.

Und das kann ein Vorteil sein. Bundestrainer Peter Kathan sagt: „Wir können nur erfolgreich sein, wenn wir taktisch perfekt spielen.“ Die Taktik für Turin lautet: defensiv beginnen, nicht ins offene Messer laufen. Da bei den Frauen ohne Bodycheck gespielt wird, kommt es sehr auf die läuferischen und technischen Qualitäten der Spielerinnen an. Damit sollte zumindest die Schweiz im dritten und letzten Gruppenspiel geschlagen werden.

Mit einem Sieg in der Vorrunde können die Deutschen um den fünften Platz spielen, mit zwei Siegen sogar um den dritten. Aber egal, wie sie in Turin abschneiden, die Berlinerinnen werden weiter Eishockey spielen. Wenn es auch manchmal etwas überraschende Gründe dafür gibt. „Ich liebe meine Ausrüstung, gerade wenn sie stinkt“, sagt Anja Scheytt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben