Ski alpin : Skirennfahrer - Beruf mit Risiko

Daniel Albrecht rast 681 Tage nach seinem fürchterlichen Sturz wieder im Riesenslalom den Berg hinunter. Er steht für eine typische Denkweise. Hochleistungssportler leben mit dem Tunnelblick auf ihren Sport, sie ordnen das Risiko ihren Bedürfnissen unter.

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Rantasten ans Limit. Daniel Albrecht bei seinem Comeback. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er es schon früher gegeben.
Rantasten ans Limit. Daniel Albrecht bei seinem Comeback. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er es schon früher gegeben.Foto: dpa

Berlin - Im Zielhang fuhr er besonders schön, technisch gut, eng an den Toren. Damit schaffte er es noch auf Platz 17 im ersten Lauf. Im zweiten hatte er Patzer, kleine Fahrfehler, nichts Schlimmes, aber er fiel aus den Top 20. Daniel Albrecht aus der Schweiz belegte Platz 21 beim Riesenslalom in Beaver Creek.

Der Daniel Albrecht?

Ja, der Daniel Albrecht. Der Mann, der 681 Tage zuvor bei Tempo 138 in Rücklage geriet, 70 Meter durch die Luft flog, ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt, drei Wochen im künstlichen Koma lag und danach seine Freundin für die angekündigte Physiotherapeutin hielt. Der Mann, der in Kitzbühel, beim Abfahrtstraining auf der Streif, im Januar 2009 für die fürchterlichsten Bilder des alpinen Skizirkus der vergangenen Jahre gesorgt hatte.

Im Ziel, nach dem zweiten Lauf, sagte er: „Dieser Platz ist mehr wert als mein WM-Titel.“ 2007 hatte er die Kombination gewonnen. Natürlich ist das auch die Geschichte eines bemerkenswerten Comebacks. Es ist aber vor allem die Geschichte über die Frage, ob man Hochleistungssportler denn vor sich selber schützen muss.

Albrecht wollte vor ein paar Tagen schon die Weltcup-Abfahrt von Lake Louise bestreiten. Im Training war er auf der beinharten Piste schon ins Ziel gerast, danach, sagte sein Disziplintrainer Sepp Brunner der „Basler Zeitung“, „war er sehr euphorisch“. Aber Brunner sagte Nein. Der klare Plan war, dass das erste Rennen ein Riesenslalom sein soll. „Als Trainer haben wir eine Verantwortung für die Fahrer“, sagte Brunner.

Es ist wie Tauziehen, der Trainer am einen, der Fahrer am anderen Ende. Der Fahrer will wieder starten, das Risiko definiert er nach eigenen Maßstäben. Der Trainer und die Ärzte müssen eingreifen, sie müssen das Schlimmste verhindern.

Albrecht wollte schon in der Saison 2009/2010 wieder Rennen fahren, ein Jahr nachdem er einen Dickhäuter mit Rüssel nicht als Elefanten bezeichnen konnte. Die Trainer sagten kategorisch Nein. Albrecht fuhr kein Rennen.

Aber jetzt, schon kurz vor der Abfahrt in Lake Louise, hatte er von der „Bremswirkung“ seiner Trainer geredet. „Irgendwann müssen jetzt endlich Stars kommen, sonst wird es langweilig. Und es besteht die Gefahr, dass man den Fokus und die Lust verliert.“ Den Fokus auf kalkulierbares Risiko hatte er da fast schon verloren. Trainer wie Brunner nordeten ihn wieder ein. „2010 wird ein Aufbaujahr, mehr nicht“, sagte Brunner.

Aber Albrecht steht für eine typische Denkweise. Hochleistungssportler leben mit dem Tunnelblick auf ihren Sport, sie ordnen das Risiko ihren Bedürfnissen unter. Hilde Gerg, die deutsche Weltklasse-Fahrerin, hatte sich mal ein Kreuzband angerissen. Zwölf Tage später fuhr sie die Weltcup-Abfahrt in Lenzerheide. „Ich fahr da jetzt raus“, hatte sie ihren Trainern gesagt. „Ein Wahnsinn“, sagte Josef Poschenrieder, Arzt an der Orthopädischen Klinik in Bad Wiessee. „Wenn der Meniskus blockiert“, sagte auch der Orthopädie-Professor Bernd Michael Kabelka, „steckt das Knie wie in einer Schraubzwinge. Und was bei einem Sturz passiert, überlasse ich der Fantasie jedes Einzelnen.“ Es ist nichts passiert, Gerg wurde 52.

Der deutsche Abfahrer Max Rauffer wäre in Beaver Creek 1997 fast querschnittgelähmt liegengeblieben. Er war nach einem Fahrfehler schwer gestürzt. „Ich hätte im Rollstuhl sitzen können“, sagte er. Aber er jagte bald danach wieder mit 130 Stundenkilometern ins Ziel. Warum? „Weil man im Ziel das Gefühl hat: Ich hab’s geschafft, das ist überwältigend.“

Sepp Brunner, der Trainer, sagt, „dass sich Dani Schritt für Schritt ans Limit herantasten muss“. Schritt für Schritt, das muss er jetzt nur noch dem Fahrer beibringen, zwei Jahre nachdem der eine Frage gestellt hat, die erste nach seinem Aufwachen: „Wer bin ich?“

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