Sport : Sport in der DDR: Offizielles Doping

In der Berliner Gauck-Behörde ist erstmals eine offizielle Doping-Richtlinie des DDR-Sports aufgetaucht. Das Dokument trägt den staatlichen Geheimhaltungsstempel, betrifft den Ringerverband der DDR und ist vom damaligen Leiter der Forschungsgruppe Ringen, Harold Tünnemann, unterschrieben. Das Protokoll vom 16. März 1979 wurde zwar von der Stasi zunächst "ordnungsgemäß" vernichtet, zur Selbstüberwachung aber abfotografiert und nun vom Potsdamer Sport-Historiker Giselher Spitzer in den Akten der Stasi-Unterlagen-Behörde entdeckt.

Das Dokument belastet Tünnemann, den amtierenden Forschungsleiter am Institut für Angewandte Trainings-Wissenschaft (IAT). Tünnemann gehört seit 1990 dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) als persönliches Mitglied an. Spitzer forderte im "Deutschlandfunk" den Rücktritt Tünnemanns von allen Ämtern und seine Entfernung aus dem IAT. "Zum ersten Mal kann durch ein offizielles Dokument belegt werden, dass DDR-Athleten extrem hohe Dosen an Anabolika erhielten", erklärte Spitzer zur Begründung.

Die Papiere belegen am Beispiel von ostdeutschen Ringern das systematische Doping im DDR-Sport unter dem Titel "Optimaler UM-Einsatz zu den Olympischen Spielen 1980". UM stand dabei für "Unterstützende Mittel", also Dopingsubstanzen. Das mit "Maßnahmeplan" überschriebene Dokument, das dem "Deutschlandfunk" in Kopie vorliegt, weist nach, wie mit Hilfe von Doping Kraft und Ausdauer der Athleten entwickelt wurden. Zudem wurden Werte der "Ausscheidungskinetik" am 2., 4. bis 7. Tag nach Absetzen der Präparate getestet. Als Testfall wurden die Weltmeisterschaften 1979 genutzt, um nach den dort gemachten Erfahrungen die Olympia-Planung zu erarbeiten. Neben Tünnemann unterschrieb die geheime Richtlinie auch Ringer-Verbandsarzt Kallenbach.

Auf Anfrage hatte Tünnemann unlängst erklärt, dass er zum Komplex Zwangsdoping "nichts Weiteres beitragen" könne. "Was die Doping-Problematik anbelangt, habe ich in den letzten Jahren den zuständigen Stellen sehr erschöpfenden Einblick in die Doping-Praxis der DDR vermittelt", schrieb er.

Als "Testpersonen" waren laut dem DDR-Dokument sieben Aktive vorgesehen. Zu ihnen zählte Heinz-Helmut Wehling, der bei den Olympischen Spielen 1972 in München Silber im Feder- und bei den Wettbewerben 1976 in Montreal Bronze im Leichtgewicht gewonnen hatte, sowie Uwe Neupert, der 1980 in Moskau Silber im Halbschwergewicht holte.

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