• Sportdirektor Thomas Eichin: "Champions League? Für Werder Bremen fast unerreichbar"

Sportdirektor Thomas Eichin : "Champions League? Für Werder Bremen fast unerreichbar"

Sportdirektor Thomas Eichin spricht im Tagesspiegel-Interview über die Sparpolitik von Werder Bremen und die Zwei-Klassen-Gesellschaft Bundesliga.

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Thomas Eichin (l.), 48, ist seit 2013 Sportdirektor bei Werder Bremen. Nach Thomas Schaaf und Robin Dutt entschied sich Eichin für Viktor Skripnik (r.) als Trainer.
Thomas Eichin (l.), 48, ist seit 2013 Sportdirektor bei Werder Bremen. Nach Thomas Schaaf und Robin Dutt entschied sich Eichin für...Foto: dpa/Jaspersen

Herr Eichin, Werder Bremen trifft am Freitag im Berliner Olympiastadion auf Hertha BSC. Beide Teams haben sich im Vergleich zur letzten Saison kaum verändert. Sie mussten allerdings Torjäger Franco di Santo ziehen lassen. Wie groß sind die ökonomischen Zwänge in Bremen?

Es gehört zu unserem steinigen Weg, solche Leistungsträger hin und wieder abgeben zu müssen. Bei uns ist kein Spieler unverkäuflich. Wir fahren einen wirtschaftlichen Konsolidierungskurs, aber mit Augenmaß. Deswegen haben wir mit der Verpflichtung von Aron Johannsson als Ersatz für di Santo auch gleich wieder ins Team investiert.

Aron Johannsson und Anthony Ujah sind die einzigen Neuen, für die Werder Geld bezahlt hat. Ansonsten kamen nur ablösefreie Spieler. Kann dieses Konzept auf Dauer gutgehen?

Wir glauben, dass wir das hinkriegen. Mit den meisten Verpflichtungen haben wir zuletzt gute Erfahrungen gemacht. Außerdem setzen wir auf unsere intensive Nachwuchsarbeit.

Darf sich Werder Fehlgriffe auf dem Transfermarkt leisten?

Wir versuchen sie zu vermeiden, aber das gilt auch für viele andere Vereine. Mittlerweile gehen die Gehaltsstrukturen in der Bundesliga extrem auseinander. Die ersten fünf, sechs Klubs haben im Vergleich zu uns den dreifachen Etat. Mit Bayern, Schalke, Wolfsburg oder Dortmund können wir finanziell nicht mal ansatzweise mithalten.

Ist es nur eine Frage der Zeit, bis die wirtschaftlich stärksten Klubs auch sportlich nicht mehr einzuholen sind?

Überraschungen gibt es noch. Wir richten uns daran auf, dass Mannschaften wie Augsburg es trotz kleinem Etat schaffen. So was ist immer noch möglich durch gute Arbeit. Aber es ist schwer. Die Ergebnisse des Spieltags sagen auch etwas über die Möglichkeiten aus. Was unser Umsatzpotenzial angeht, so wird sich das nicht steigern lassen, es sei denn, es steigt ein Investor ein.

Wird die Bundesliga irgendwann gezwungen sein, die 50+1-Regel abzuschaffen?

Ich halte die Regel nach wie vor für den richtigen Weg. Es wird auch so immer Möglichkeiten geben, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Welche Zielstellung haben Sie für diese Saison ausgegeben?

Unser Ziel muss es sein, jedes Jahr einen einstelligen Tabellenplatz zu belegen und an den europäischen Wettbewerben zu kratzen. Die Champions League sehe ich aber als fast unerreichbar an.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Werder sich dort regelmäßig mit den besten Mannschaften Europas messen konnte.

Unter einigen Entscheidungen dieser Zeit leidet der Klub heute. Damals hatte man das Ziel, den Großen Paroli zu bieten, wobei Werder umsatztechnisch schon damals unter anderen Bedingungen arbeiten musste. Dann hat man sehr viele Transfers getätigt über sechs Millionen, acht Millionen Euro und hohe Gehälter gezahlt. Da bist du dann auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass du Champions League spielst, um diese Spieler bezahlen zu können. Wenn du nicht Champions League spielst, gibt’s ein Problem. Genau das ist bei uns ja passiert. Wir sind durch Nichtteilnahmen abgestürzt und mussten dann gucken, wie wir dann zu den Dingen zurückkommen, die uns früher stark gemacht haben.

Die wären?

Ich glaube nicht, dass Werder Bremen dafür steht, teure Spieler einzukaufen. Inzwischen haben wir wieder einen Mix aus Spielern der ersten und zweiten Mannschaft, weil wir bewusst viele junge Spieler heranführen wollen. Das ist so gewollt, das ist unser Konzept. Wir können und wollen keine Stars mehr einkaufen, sondern sie entwickeln.

Wandelt sich Werder Bremen zum klassischen Ausbildungsverein?

Ich würde eher sagen zum Weiterbildungsverein. Spieler kommen zu uns, können sich entwickeln und haben die Option, irgendwann vielleicht mal den ganz großen Sprung zu machen. Damit können wir auch ganz gut leben.

Werder stand viele Jahre für spektakulären Offensivfußball, Titel und Champions- League-Teilnahmen. Tun sich die Zuschauer in Bremen schwer, die neuen Gegebenheiten zu akzeptieren?

Ich glaube, dass unsere Fans das genau verstanden haben, weil sie die wirtschaftlichen Voraussetzungen kennen. Das Problem, unseren neuen Stellenwert zu erklären, habe ich eher außerhalb. Da muss ich noch betonen, dass wir nicht mehr der Champions-League-Anwärter sind und jedes Jahr im Pokalfinale stehen. Im Ausland ist es das Gleiche. Da ist Werder Bremen immer noch eine große Nummer. Das kommt uns zugute, wenn wir Spieler holen wollen.

Werders Rivalität mit dem FC Bayern belebte viele Jahre die Bundesliga. Sind diese Zeiten für immer vorbei?

In der Bundesliga gab es immer wieder Vereine, die Bayern München über einen kurzen Zeitraum Paroli geboten haben. Ob das Kaiserslautern war, Dortmund, Gladbach, Bremen. Letztendlich haben sich aber alle an den großen Bayern die Zähne ausgebissen.

Ihr Start in Bremen als Sportdirektor verlief schwierig. Haben Sie sich geärgert, den Job angenommen zu haben?

Das war eine schwere Situation. Ich wollte diesen Job unbedingt. Nach meiner eigenen Wahrnehmung zählte Werder zur Top fünf der Bundesliga. Als ich dann kam, war ich schon sehr erstaunt, was ich vorgefunden habe. Sowohl die finanzielle Situation, die zu korrigieren war, als auch die sportliche Situation inklusive Abstiegskampf.

Sie haben zuvor viele Jahre für die Kölner Haie gearbeitet. Macht es einen Unterschied, ob Sie einen Eishockey- oder Fußball-Verein führen?

Sportlich ist es das Gleiche, medial nicht. Im Eishockey, Basketball oder Handball hast du nicht diese medialen Nebenkriegsschauplätze. Da bist du froh über jede Schlagzeile. Im Fußball versuchst du, Schlagzeilen zu vermeiden.

In Ihre Anfangszeit fiel auch die Trennung mit Thomas Schaaf. Hatten Sie keine Angst, sich unbeliebt zu machen?

Die Trennung war einvernehmlich. Wir haben das gut und sauber gelöst. Der Wechsel zu Robin Dutt war richtig. Das war genau der richtige Trainer zum richtigen Zeitpunkt. Mit Robin konnte ich viele Dinge verändern, ob das die U23 war, die wir herangeführt haben oder andere Weichenstellungen. Der direkte Wechsel von Schaaf zu Skripnik wäre für Viktor deutlich schwerer geworden.

Sind Sie überrascht davon, dass Skripnik bei seiner ersten Bundesliga-Station als Trainer überhaupt keine Anpassungsprobleme hatte?

Ja. Vor allem davon, wie schnell er eine Mannschaft hinter seinen Ideen versammeln und führen kann. Das ist außergewöhnlich. Aber wir müssen vorsichtig sein und sollten keine Wunderdinge von Viktor erwarten.

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