Sportgeschichte : Flucht vorm Genickbruch

Wie der westdeutsche Turner Eberhard Gienger seinem DDR-Kollegen Wolfgang Thüne beim Abhauen half.

Michael Barsuhn,Jutta Braun
Eberhard Gienger riskierte mit der Fluchthilfe seinen Start bei Olympia.
Eberhard Gienger riskierte mit der Fluchthilfe seinen Start bei Olympia.Foto: ddp

Berlin - Eberhard Gienger blieb nicht länger als eine Schrecksekunde, um sich zu entscheiden. Der Turn-Weltmeister stand in einem Waschraum in Bern, draußen lief die Europameisterschaft, und hier drinnen sprach ihn sein ostdeutscher Sportkollege Wolfgang Thüne unvermittelt an: Kannst du mir zur Flucht verhelfen? Lange zögerte keiner der beiden. „Er hat eigentlich recht gelassen reagiert“, erinnert sich Thüne heute, 35 Jahre später. Eine halbe Stunde nach der Begegnung saß der damalige DDR-Meister bereits in Giengers Opel Manta, gemeinsam passierten sie unbehelligt die Grenze von der Schweiz zur Bundesrepublik. Thüne war abgehauen.

Mehr als 600 ostdeutsche Spitzensportler kehrten in 40 Jahren der DDR den Rücken, um ihr Heil im Westen zu suchen – Schwimmer Axel Mitbauer kraulte dafür sogar durch die Ostsee. Die „Republikflüchtigen“ galten im SED-Jargon als Verräter, die aus ideologischer Verblendung oder Geldgier ihre sozialistische Heimat im Stich ließen. Als erstes erfuhren immer die Mitarbeiter der Sportredaktionen, was passiert war. „Wir kriegten das dadurch mit, dass uns eine Mitteilung auf den Tisch flatterte: Sofort die und die Bilder aus dem Verkehr ziehen“, erinnert sich Günter Simon, ein ehemaliger Redakteur der Neuen Fußballwoche. „Da wussten wir sofort: Der ist nicht mehr da.“ Bis heute sind noch viele Fluchtgeschichten nicht genau bekannt, vor allem die lange geheim gehaltene Fluchthilfe durch westdeutsche Athleten wird jetzt erst erforscht.

Für Thüne erfüllte sich 1975 der lange gehegte Wunsch, dem DDR-Sportsystem zu entkommen. Wie viele andere Sportler hatte er seit 1968 blaue Pillen nehmen müssen, das berüchtigte Oralturinabol. Der sportliche Alltag sollte für ihn zur Qual werden, nachdem Thüne bei der Weltmeisterschaft 1974 nur den zweiten Platz belegt hatte, und das ausgerechnet hinter dem bundesdeutschen „Klassenfeind“ – hinter Eberhard Gienger. „Nach dieser Niederlage wurden die Übungen im Training deutlich gefährlicher, um jeden Preis sollte ich Gienger beim nächsten Wettbewerb schlagen“, erinnert sich Thüne. „Ich hätte mir beim Reckabgang dreimal fast das Genick gebrochen. Da wurde es mir zu viel.“

Nach seiner Flucht fand Thüne ein neues Zuhause in der Deutschen Turnschule in Frankfurt am Main, wo er fortan lebte und trainierte. In der Zwischenzeit rüstete der SED-Staat zu einem Rachefeldzug: Gegen Thüne erging Haftbefehl, die Stasi streckte ihre Fühler aus – mehr als 1500 Seiten enthält seine Opferakte bei der Birthler-Behörde. Die Erinnerung an den erfolgreichen Turner wurde systematisch ausgelöscht: man strich seinen Namen aus offiziellen Statistiken.

Leichtathlet Jürgen May wurde sogar als „Sportler des Jahres 1965“ kurzerhand durch den zweitplazierten Fußballer Peter Ducke ersetzt. Schwimmer Jens-Peter Berndt eliminierte man rigoros aus den Rekordlisten, Fußballtrainer Jörg Berger wurde auf einem Mannschaftsfoto von Carl Zeiss Jena durch einen fremden Kopf ersetzt. „Die Mühe des Retuschierens hat man sich bei mir aber nicht gemacht“, sagt Thüne lachend.

Aus den Autogrammkarten der Olympia-Delegation von 1972 in München, wo Thüne immerhin Bronze für die DDR gewonnen hatte, wurde sein Gesicht ganz einfach mit der Schere herausgeschnitten.

Auch für Eberhard Gienger war das Unternehmen nicht ohne Risiko: Wäre er offiziell als Fluchthelfer geoutet worden, hätte er womöglich nie wieder in einem sozialistischen Land starten können – eine fatale Aussicht angesichts der bevorstehenden Olympischen Spiele in Moskau. Und so verabredeten Gienger und Thüne Stillschweigen über das Geschehene.

Im Jahr 1977 wurde Wolfgang Thüne bundesdeutscher Meister im Mehrkampf – vor Eberhard Gienger. Seine Fluchthilfe vom Sommer 1975 hat Gienger, der heute Sportfunktionär und Mitglied des Bundestages ist, dennoch nie bereut.

Die Autoren forschen am Zentrum deutsche Sportgeschichte. Die ehemaligen Athleten Eberhard Gienger, Wolfgang Thüne und DDR-Olympiasieger Hans-Georg Aschenbach diskutieren heute ab 19 Uhr in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Kronenstraße 5 in Berlin-Mitte. Es moderiert Tagesspiegel-Sportchef Robert Ide, der Eintritt ist frei.

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