Sportschütze Ralf Schumann : „Gewinnen ist Gnade“

Sportschütze Ralf Schumann spricht mit dem Tagesspiegel über seine siebten Olympischen Spiele, Routine, die keine ist, und erzählt, welche Rolle Gott für seine Erfolge spielt.

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Ralf Schumann, 50, tritt im Wettbewerb mit der Olympischen Schnellfeuerpistole an. Er hat bereits drei olympische Goldmedaillen gewonnen, dazu zweimal Silber.
Ralf Schumann, 50, tritt im Wettbewerb mit der Olympischen Schnellfeuerpistole an. Er hat bereits drei olympische Goldmedaillen...Foto: imago

Herr Schumann, sagt Ihnen Oscar Swahn etwas?

Nein, von dem habe ich noch nichts gehört. Wer soll das sein?

Ein ehemaliger schwedischer Sportschütze, der noch im Alter von 72 an Olympischen Spielen teilnahm. Er ist bis heute der älteste Olympia-Medaillengewinner. Den Rekord könnten Sie ihm streitig machen.

Das habe ich definitiv nicht vor. Als aktiver Sportler werden das meine letzten Spiele sein. Ich bin 50 und finde, dass man der Jugend eine Chance geben sollte.

Sie nehmen gerade an Ihren siebten Olympischen Spielen teil. Routine also.

Auf keinen Fall. Natürlich habe ich viel mehr Erfahrung als andere. Aber deshalb bin ich jetzt nicht weniger aufgeregt. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall: Dass die Älteren aufgeregter sind als die jungen, die vielleicht noch etwas unbeschwerter an die Sache herangehen.

So wie Sie vor 24 Jahren?

In Seoul war das bestimmt der Fall. Ich denke gerne an 1988 zurück. Das waren für mich die schönsten Olympischen Spiele – total cool und familiär. Heute ist das nicht mehr so.

Was hat sich denn verändert?

Allein schon die ganzen Sicherheitsvorkehrungen: Wir kommen nach London, und auf dem Dach haben die Flugabwehrraketen. Das ist schon etwas unheimlich und entspricht nicht gerade dem Ort, an dem ich zusätzlich noch ein paar Tage Urlaub machen möchte. Außerdem sind die Olympischen Spiele immer härter und leistungsbewusster geworden. Auch weil die Sportler unter mehr Druck stehen, ist die Atmosphäre im olympischen Dorf nicht mehr so entspannt.

1984 durften Sie gar nicht erst teilnehmen, weil die DDR die Spiele in den USA boykottierte.

Damals hat mich das gewurmt – genau wie alle anderen Sportler, die nicht teilnehmen konnten. Es ist immer schlimm, wenn so etwas politisch entschieden wird. Aber ich stand ganz am Anfang meiner Karriere und wusste, dass ich in meiner Sportart bis ins relativ hohe Alter gute Leistungen bringen kann.

Erklären Sie uns doch mal Ihre Leidenschaft am Schießsport!

Das Faszinierende ist das Zusammenspiel zwischen dem Sportler und dem Sportgerät als Waffe, was ja auch nicht gerade normal ist. Wir müssen fünf Schuss schnell hintereinander setzen. Und man muss mit den jeweiligen Wetterbedingungen zurechtkommen. Mit diesen Sachen in Einklang zu kommen und trotzdem die beste Leistung zu bringen, das ist immer Wieder aufs Neue aufregend.

Dürften Sie nach all den Jahren nicht inzwischen wissen, wie das Schießen funktioniert?

Ich weiß ganz genau, wie das Schießen geht. Aber ich weiß halt nie, ob ich das in dem jeweiligen Moment auch umsetzen kann: die Zehn zu treffen, die Technik sauber auszuführen. Das muss an dem einen Tag bei Olympia alles passen.

Ihre Karriere ist sozusagen eine im Vierjahresrhythmus, im Rhythmus der Spiele.

Bei den Schützen ist alle vier Jahre auch eine WM, aber natürlich sind die Olympischen Spiele das absolute Highlight. Es ist schon eine Kunst, das so vorzubereiten, dass eben an dem Tag alles passt. Ich war jedenfalls immer mega froh, wenn ich das, was ich vier Jahre vorbereitet hatte, auf den Punkt richtig gemacht habe.

Reichtümer aber haben Sie trotz Ihrer drei Goldmedaillen nicht angehäuft, oder?

Nein, das kann man wirklich nicht sagen (lacht). Mit Geld hat das bei uns gar nichts zu tun. In einer Randsportart wie dem Schießen ist man ganz schnell vergessen. Intern, im Schützenbund war ich nach meinen Olympiasiegen vielleicht einen Monat angesagt. Außerhalb hielt das große Interesse an mir einen Tag an. Am nächsten Tag war jemand anderes Olympiasieger. Und kurz nach Olympia fangen sie wieder an, Fußball zu spielen.

Frustrierend.

Nein. Ich mache alles nicht mehr aus Leistungsdruck. Um irgendetwas darzustellen oder um zu beweisen, dass ich es kann – das muss ich nicht mehr.

Sie wissen, wie Gewinnen geht.

Gewinnen ist Gnade. Klar muss man sich gut vorbereiten, das ist harte Arbeit. Aber das Gewinnergefühl kann man nicht produzieren, das geht einfach nur über ein gesundes Maß an Training, ein vernünftiges Leben – und eine gesunde Beziehung zu Gott.

Gott?

Ja, ich glaube, dass er mir hilft. Dass es ihn gibt, habe ich selbst erlebt. Ich bin ihm begegnet.

Können Sie das näher erklären?

2004 in Athen ist es gewesen. Es war nicht diese Art von Kontakt, dass er leibhaftig vor mir stand. Aber ich habe ihn gespürt. Das war in einer absoluten Lebenskrise. Ich hatte meine Ehe zerstört, meine Familie – bis Gott eingriff. Er hat mir vorher angesagt, dass ich Olympiasieger werde. Und mein Gold war der Beweis, dass es ihn gibt. Es war ein Geschenk. Seitdem hat sich mein Leben radikal zum Guten hin verändert.

Was wird mit dieser Hilfe in London möglich sein?

Ich kämpfe um Gold, so wie ich bei jedem Wettkampf um den Sieg kämpfe. Auf jeden Fall möchte ich mit Freude in den Wettkampf gehen und eine Medaille mit nach Hause bringen.

Gespräch führte Katrin Schulze.

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