• Tabuthema Laufen und Magersucht: "Wenn ich aus der Klinik raus bin, laufe ich weiter"

Tabuthema Laufen und Magersucht : "Wenn ich aus der Klinik raus bin, laufe ich weiter"

Viele Menschen laufen nur, um noch dünner zu werden. Magersucht ist unter Läufern aber immer noch ein großes Tabuthema. Betroffene haben unserem Kolumnisten ihre Geschichten erzählt.

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Im Wettstreit mit sich selbst. Laufen ist nicht immer gesund – es kann auch zur gefährlichen Sucht werden. Foto: imago/Mint Images
Im Wettstreit mit sich selbst. Laufen ist nicht immer gesund – es kann auch zur gefährlichen Sucht werden.Foto: imago/Mint Images

Ich komme gerade von einem langen Lauf. Dreißig Kilometer durch Felder und Wälder. Ich bin sehr langsam gelaufen, denn ich brauchte diesen Lauf zum Nachdenken. In den vergangenen Tagen habe ich viele Geschichten gelesen und gehört. Geschichten, die mich tief berührt haben. Geschichten von Menschen, die sich mir anvertraut haben, wofür ich mich bereits jetzt bedanke. Von Herzen. Ich habe jedem Einzelnen versprochen, mit jeder individuellen Geschichte sorgsam umzugehen. Jeder, der mir die Erlaubnis gab, sogar den vollen Namen zu nennen, verdient den allergrößten Respekt. Den Mut muss man erstmal haben. Es geht in dieser Kolumne um ein absolutes Tabuthema im Sport. Es geht um die dunkle Seite des Laufens. Um die Verbindung von Magersucht oder Bulimie und dem Laufen.

Immer wieder begegnen mir auf Wettkämpfen sehr dünne Läuferinnen und Läufer. In den sozialen Netzwerken posten diese täglich ihre Ergebnisse, und laden ihre Fotos dazu hoch. Jeder kennt die Bilder von viel zu dünnen Läufern. Auch die Medien kennen diese Fotos. Auch und gerade von Profisportlern. Und zu oft wird das Thema einfach tot geschwiegen. Vor einigen Tagen sah ich das Bild zweier Profiläuferinnen. Abgemagert bis auf die Knochen. Auf ihrem Facebook-Profil auffällig viele Fotos, auf dem beide mit Essen zu sehen sind. Nach dem Motto: „Wir essen so gerne. Wir essen massenhaft. Vor allen Dingen Süßes.“

Irgendwie wirkte es sehr inszeniert. Es fühlte sich wie ein Alibi an. Nun hat man als Läufer, der auch über das Laufen schreibt, genau zwei Möglichkeiten. Entweder man verschließt die Augen und schreibt weiter nur über die positiven Seiten dieses wunderbaren Sports, oder aber man versucht ein wenig Verantwortung zu übernehmen. Und wagt sich an eine Facette des Laufens, die man eigentlich nicht sehen will. Meiner Meinung nach beginnt Prävention jedoch bei der Aufklärung. Verstehen wir uns nicht falsch: Ich bin Läufer. Kein Magersucht-Experte, kein Arzt, kein Psychotherapeut. Ich laufe einfach. Und versuche dennoch genau hinzusehen und nicht wegzuschauen.

Nachdem ich das Foto der sehr dünnen Profiläuferinnen gesehen hatte, postete ich bei Facebook: „Ich sehe immer wieder Fotos von Läuferinnen. Teilweise auch aus dem Profi-Bereich. Magersucht ist dort wohl definitiv ein Thema. Und ich frage mich: Sind Profis klar mit sich, dass sie auch Vorbild sind? Dass sich junge Frauen (und in der Tat immer mehr betroffene Männer) an ihnen orientieren? Ich denke, es ist an der Zeit, einen etwas klareren Text zu verfassen. Ich kann da wirklich nur noch schwer hingucken. Missbrauchen wir das Laufen nicht!“ Auf diesen Post meldeten sich unfassbar viele mutige meiner Facebook-Freunde. Anonym und öffentlich äußerten sie sich. Und eine Tatsache wurde sehr schnell klar: Alleine unter meinen Freunden befanden sich viele Läuferinnen und Läufer, die nur liefen, um noch dünner zu werden. Magersüchtige und Bulimiekranke wurden plötzlich sichtbar. Es schien eine Art Befreiung für viele zu sein. Sie bedankten sich, dass das Thema nun doch für einen Moment aus dem Dunkeln geholt geholt wurde. Claudia Vuillemier aus Biel in der Schweiz outete sich als Betroffene. Für mich schlicht erschütternd schrieb sie mir:

„Ich bin selbst seit 24 Jahren betroffen. Bei mir begann es mit dem Hungern, damit ich schneller wurde. Ich landete im starken Untergewicht. Dann Therapie, ein Jahr Klinik. Absolutes Sportverbot. Dann fiel ich in die Bulimie und versuchte mit Laufen und Kotzen der Gewichtzunahme zu entgehen. Seit Jahren ein Auf und Ab. Mehrere Stressfrakturen, dauernde Erschöpfung, dauernd erkältet, aber ich muss einfach weiter laufen. Und von der Gesellschaft wird mir noch auf die Schulter geklopft, wie toll meine Disziplin sei. Also solltest du irgendwelche Fragen haben...ich habe hier bei Facebook auch noch eine geheime Gruppe, die sich mit Essstörungen beschäftigt, und da hat es noch die eine oder andere Betroffene. Sie bringen super Leistungen beim Laufen, kotzen aber heimlich. Und hungern. Würde dich sonst in die Gruppe aufnehmen. Liebe Grüße Cornelia“

Ich zögerte ein wenig. Auf der einen Seite interessierte mich diese geheime Facebook-Gruppe. Ich war mir sicher: Wenn man das Thema seriös beleuchten will, dann muss man sich auf die Schicksale und Geschichten von Betroffenen einlassen. Sollte ihnen genau zuhören, und muss – wenn man darf – diese ehrlichen Berichte öffentlich machen. Und dabei sensibel und vorsichtig agieren, um niemanden der mutigen Betroffenen zu verletzen oder gar bloß zu stellen. Cornelia nahm mich in die Gruppe auf, sehr unsicher erzählte ich zuerst meine eigene Geschichte. Und erklärte, warum ich überhaupt dort auftauchte. Auch bekannte Läufer nutzen die Anonymität dieser Gruppe, um dort von Ihrer Sucht zu erzählen. Das wurde mir sehr schnell klar. Und damit bestätigte sich erneut das, was ein offenes Geheimnis ist: Profisport und Magersucht, das gehört ganz klar zusammen. Die ehemalige Deutsche Meisterin und Langstreckenläuferin Ingalena Schömburg-Heuck schreibt mir per privater Nachricht dazu:

„Über das „Nicht-Essen“ wird wieder Kontrolle erlebt, Kontrolle und Macht über den eigenen Körper, denn es sind eben oft Erlebnisse, die einen externen Kontrollverlust erleben lassen. Es kann auch eine Art Bestrafung sein, Bestrafung gegen sich selbst. Oder auch der indirekte Hilfeschrei nach Außen, auch wenn die Essstörung dann verneint wird. Kombiniert mit dem extremen Sport heißt das „Anorexia athletica“. Hier kommt hinzu, dass dann auch der persönliche Erfolg noch messbarer wird, man wird also z.B. beim Laufen schneller und erlebt das als positiv, was eine Verstärkung sein kann. Und man kann das Abnehmen darauf schieben, wenn jemand fragt.“

Lenis Nachricht wird durch eine Meldung aus der Facebook Gruppe untermauert. Unter dem Pseudonym CaMö schreibt mir eine junge Frau:

„Mein Vater war Läufer. Bin als Kind schon mit ihm gelaufen. Hauptsächlich habe ich aber Leistungsschwimmen gemacht. Musste aus Zeitgründen, als ich älter war, aber damit aufhören, und so fing ich wieder mit dem Laufen an. Gab oft Unterbrechungen. Als ich durch Medikamente im starken Übergewicht war, habe ich dann wieder damit angefangen und so dann viel abgenommen. Gab danach auch immer wieder Unterbrechungen wegen dem Abführmittel. Oder auch ne Schwangerschaft, wegen der ich irgendwann nicht mehr durfte, weil eine Frühgeburt drohte (zu viel gelaufen). Nach der Schwangerschaft konnte ich lange nur walken. Dann kam das Abführmittel wieder dazu und ich war körperlich nicht in der Lage. Seit vier Monaten bin ich wieder aktiv dabei. Eigentlich möchte ich das auf gesunde Art und Weise machen, aber das ist wie ein Zwang. Dazu melde ich mich bei Läufen an, für die ich trainieren muss. Und so geht das immer weiter."

"Ich wurde durch die Magersucht zur Läuferin"

Je tiefer man in das Thema einsteigt, desto alarmierender wird es. Es ist nicht nur das Laufen, das Erbrechen, das Hungern. Schwer Süchtige sind teilweise abhängig von Abführmitteln, die sie einnehmen, um sich des Essens wieder zu entledigen. Die Geschichte von Julia Capulet ist deshalb besonders dramatisch, weil Julia komplett quasi über alle Grenzen ging:

„Ich persönlich wurde damals durch die Magersucht zur Läuferin. Anfangs begnügte ich mich mit viel Bewegung in der Arbeit und im Fitnessstudio. Die Öffnungszeiten dort waren bescheiden, somit suchte ich eine Möglichkeit, mich unabhängig von Uhrzeiten bewegen zu können. Ich kam aufs Laufen. Zunächst schaffte ich nicht viel, doch es tat mir gut und der Ehrgeiz packte mich. Das Laufen war erstmal eine Befreiung, eine Erleichterung, ein Erfolg. Ich wurde täglich besser, täglich leichter und dadurch wieder besser. Verrückt, aus „den Kopf frei bekommen, den Sorgen davon laufen“, wurde leider schnell ein Zwang, eine Obsession. Wenn ich nicht laufen konnte, war der Tag gelaufen. Laune und Gewissen schlecht. Also lief ich immer, bei jedem Wetter, an jede Schicht angepasst. Oft um 5 Uhr morgens schon. Ich lief mit Schmerzen und mit Fieber, bei Glatteis und im Dunkeln, ich lief und lief – aber es machte mich nicht glücklich. Dann kam die Klinik. Beinahe wäre ich an den Folgen gestorben. Ich erholte mich, mir ging es wieder gut. Und dann wieder der Rückfall. Ich begann wieder mit dem Laufen. Bis mein Körper mich zunächst zwang aufzuhören. Ich hatte Schmerzen, Verletzungen, eine Herzerkrankung, bis hin zur Ohnmacht“.

Was Julia beschreibt, ist genau der Teufelskreis, in den sich vor allen Dingen junge Frauen laufen. Irgendwie wundert es auch nicht. Nicht nur in vielen Frauenzeitschriften, mittlerweile findet man in einigen Laufmagazinen Themen wie „Die Läuferdiät“, unglaublich schlanke Männer und Frauen auf dem Cover dieser Fachzeitschriften, Profiläufer in Kleidergröße XS, wohin man auch sieht. Und gerade diese haben eine Art Vorbildfunktion. Eine schräge Art Vorbilder, wie ich finde.

Ein wichtiger Punkt in Gesamtkontext ist: Nicht das Laufen macht süchtig. Es ist nur das Mittel zum Zweck. Vorgelagert ist natürlich eine Störung der Seele. Das Laufen ist dabei nur Erfüllungsgehilfe. Die ganze Tragweite zeigt sich in der Geschichte von Iso:

„Von all den unangenehmen Erfahrungen bleibt mir vor allen Dingen eine im Gedächtnis: Als ich mich vor Übelkeit einfach ins Feld erbrach und weiterlief. Das ist mehrere Male passiert. Oder als ich bei -18°C laufen war, was ich „faule Sau“ dann aber abgebrochen habe, weil es in der Lunge zu weh tat. Oder vor ein paar Wochen erst, als mein Kopf mich anschrie: „DREH UM! ICH KANN NICHT MEHR“, aber meine Beine die nächste Abzweigung des weiteren Weges wählten und eine Stimme flüsterte: „Mach weiter. Glaub mir. Das Runner’s High kommt noch! Du wirst dich nachher großartig fühlen. Denk daran, wenn du jetzt umkehrst und nach Hause kommst, bist du ein Versager. Wenn du aber weiterläufst, nur ein Stückchen, dann kannst du das alte Ritual weiterführen, das manchmal so befreiend ist.“ Es läuft immer gleich ab. Zwänge, Zwänge, Zwänge. Welche Musik ich beim Laufen höre, welche Route ich laufe, wie ich meine Schuhe binde, wie ich welche Wege laufe. Ich bin so gestört. Das ist alles ein riesiger Denkaufwand, der eigentlich anstrengender ist als das Laufen selbst. Aber ein paar Mal ist es mir auch schon gelungen, einfach draufloszulaufen, und mich auf die Natur zu konzentrieren. Und loszulassen. Das fällt mir nämlich sehr schwer.“

Mir hingegen fällt es schwer, all die Schicksale und Geschichten loszulassen, die ich in den vergangenen Tagen gehört habe. Und doch weiß ich: Ich kann nicht mehr tun, als all diesen mutigen Läuferinnen und Läufern eine Art Sprachrohr zu sein. Auch für Celine Heimann aus Vechta. Sie befindet sich gerade in einer Suchtklinik. In einem Chat sagt sie mir: „Als ich zu diäten begann, lief ich meine Strecken täglich. Erst ein paar Minuten, dann eine halbe Stunde und letztlich drei mal am Tag eine Stunde im Höchsttempo. Es war befreiend. Und fordernd, so nahm ich immer mehr ab.“

„Wie groß bist Du? Was was wiegst Du?“, frage ich sie. „1,72 Meter, 44 Kilo. Zu viel in meinen Augen“, antwortet sie. Ich bin ziemlich sprachlos. Und doch frage ich: „Was wäre denn in Deinen Augen gut?“. „So um die 40, ich meinte 30 Kilo“, schreibt Celine. „Und Du läufst weiter? Um eventuell auf die 30 Kilo zu kommen?“, traue ich mich kaum nachzufragen. „Wenn ich aus der Klinik hier raus bin, ja“, ist Celines erschütternde Antwort. Und ich bin mir sicher, dass sie recht genau weiß: Mit diesem Ziel würde sie in den sicheren Tod laufen.

Unabhängig davon, dass all diese Schicksale auf einer Sucht basieren, die mit dem Laufen zunächst nichts zutun hat: Missbrauchen wir bitte das Laufen nicht. Vorbilder, und das gilt auch für Laufvorbilder, haben immer auch eine Verantwortung. Das Motto „Jedes Kilo weniger macht schneller beim Laufen“ ist eine gefährliche Botschaft, die schnell ungesund wird. Wir müssen anfangen zu verstehen, dass hinter der Krankheit weit mehr steckt als nur der Wunsch einer schlanken Figur. Sondern ein tiefer Schmerz. Das wäre ein Anfang. So läuft es.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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