Sport : Thomas Helmer hat ein Problem: Er ist zu schlau für seine Kollegen

Detlef Dresslein

Mars, Uranus, Pluto in Spannung zu Saturn - er ist eine Bombe, die jederzeit explodieren kann. Er steht gewaltig unter Strom, reißt sich aber zusammen. Dies erzählt uns ein Horoskop des Fußballspielers Helmer, erstellt vor mehr als einem Jahr. Mars und Konsorten sollten Recht behalten. Die Seele des Thomas Helmer, der seit Dienstag bei Hertha BSC unter Vertrag steht, detonierte am 26. Mai des Jahres beim Champions-League-Finale zwischen Bayern München und Manchester United in Barcelona.

Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld lässt Helmer auf der Bank. Als noch zehn Minuten zu spielen sind und der 1:0-Vorsprung zu verteidigen ist, bringt er Thorsten Fink, nicht Helmer. Eine Minute vor dem Ende kommt Salihamidzic ins Spiel. Der routinierte Abwehrspieler Thomas Helmer bleibt draußen - der Rest ist bekannt.

Helmer bedenkt seinen Trainer nach dem Spiel mit jener Geste, mit der sich schon mal Stefan Effenberg aus der Nationalmannschaft verabschiedete, und allerlei anderen deutlichen Zeichen der Verachtung. Die Explosion. Hitzfeld streicht ihn sofort aus dem Kader für das letzte Saisonspiel in Leverkusen und das Pokalfinale gegen Bremen. "Der wirkliche Charakter des Spielers hat sich gezeigt. Ein trauriger Abschied, er hat alle Türen zugeschlagen", sagt Hitzfeld. Helmers Abgang an sich stand da längst fest, nach Monaten als Spielführer auf der Ersatzbank.

Lange hatte er stillgehalten, wenigstens nach außen. "Der Thomas Helmer ist ein Vulkan, der monatelang gebrodelt hat, und es war klar, dass er irgendwann ausbrechen würde", sagte Bayern Manager Uli Hoeneß nach den Vorfällen von Barcelona. "Wir haben immer wieder versucht, ihm klarzumachen, dass er nicht mehr der junge Spund ist und dass die Dinge nicht mehr so laufen, wie er sich das vorstellt." Helmer musste zusehen, wie Trainer Ottmar Hitzfeld auf Jüngere setzte, auf Spieler wie Thomas Linke und Sammy Kuffour.

Mit seinem Verhalten stieß Helmer zuletzt auch innerhalb der Mannschaft auf Widerstand. Als das Team des Meisters im "Aktuellen Sportstudio" auftrat und Helmer seine Situation beklagte, verweigerten ihm die Kollegen den Applaus.

Helmers Problem ist wohl auch seine Intelligenz. Denn Fußballspieler mit Einser-Abitur werden intern skeptisch betrachtet, so schön es für die Medienschaffenden auch ist, jemanden zu haben, der etwas weiter denken und Interessanteres formulieren kann als "Na gut, ich sag mal . . . " Thomas Helmer wusste jahrelang um sein Ansehen im Verein. Man liebte ihn nicht, aber Spieler und Funktionäre akzeptierten, dass er die Fäden zog. Bis im Juli 1998 Ottmar Hitzfeld neuer Bayern-Trainer wurde. Beide kannten sich aus gemeinsamen Tagen bei Borussia Dortmund. Nie hat Hitzfeld vergessen, wie Helmer sich 1992 über ein vermeintliches Angebot aus Auxerre die Freigabe für den FC Bayern erschlich. Hitzfeld ist einer, der nicht verzeiht. Er erkannte die Macht Helmers und die innewohnende Gefahr für ihn selbst und nahm Helmer die Fäden sukzessive aus der Hand. Der Trainer ließ unter legitimen sportlichen Gesichtspunkten und mit dem Argument der Verjüngung Thomas Helmer auf die Bank rotieren. Hart für den 33 Jahre alten Profi, "brutal" wie er es nannte, in seinem siebenten Jahr beim FC Bayern München.

Aber Helmer war intelligent genug zu wissen, dass Ottmar Hitzfeld am längeren Hebel saß, und deshalb hielt er still, bis er nicht mehr konnte. Denn auf der diplomatischen Klavitatur kennt er sich bestens aus. Helmer machte Meinung, gab sich intellektuell. Die beste Ausgangsposition, um bei den Scharmützeln der etwas ungestümeren und weniger belesenen Bayern-Stars als Sieger hervorzugehen. Beste Voraussetzungen aber auch, sich unbeliebt zu machen.

Er entschied sich für den Wechsel zum Premiere-League-Aufsteiger FC Sunderland, eine eher glanzlose Durchschnittsmannschaft, und selbst da gehörte er in den ersten Spielen nicht mehr zum absoluten Stammpersonal. Jetzt kehrt Thomas Helmer in die Bundesliga zurück. Am 11. September wird er in Hamburg zum ersten Mal das Hertha-Trikot mit der Nummer 34 tragen.

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