Sport : Tischtennis bekommt neue Töne

Zum letzten Mal wird eine EM mit Bällen aus Zelluloid statt aus Plastik gespielt.

Bald auch als Hörspiel. Der Unterschied zwischen Zelluloid und Plastik wird sicher auch dem deutschen Doppel Kristin Silbereisen und Wu Jiaduo zu Ohren kommen. Foto: dpa
Bald auch als Hörspiel. Der Unterschied zwischen Zelluloid und Plastik wird sicher auch dem deutschen Doppel Kristin Silbereisen...Foto: dpa

Schwechat - Im Tischtennis zeichnet sich das Ende einer Ära ab. Der Zelluloidball hat ausgedient. Der Weltverband (ITTF) möchte ihn bereits zum 1. Juli 2014 durch einen Plastikball ersetzen. Die Europameisterschaft, die noch bis zum Sonntag in Schwechat stattfindet, wäre dann die letzte EM, auf der mit der 40-Millimeter-Kugel aus Zelluloid gespielt wird. Das Material ist leicht entflammbar und die Herstellung soll gesundheitsschädlich sein. Deshalb will die ITTF die alten Bälle aus dem Verkehr ziehen und mit einem neuen Spielgerät auch neue Einnahmequellen erschließen.

Die Eigenschaften des sogenannten Polyballs sind auf breiter Basis kaum erforscht. Nur wenige Exemplare der hauptsächlich in China produzierten Bälle sind bisher im Umlauf. „Ich habe den Polyball ein bisschen getestet. Der Ballabsprung ist höher, er hat weniger Spin“, sagte der Olympia-Dritte Dimitrij Ovtcharov. „Der Ton klingt etwas komisch. Meine Spielerinnen haben sich aber nur kurze Zeit damit beschäftigt. Die Männer interessieren sich mehr für dieses Thema“, sagte Frauen-Bundestrainerin Jie Schöpp.

Einige Tüftler wie der Materialexperte Herbert Neubauer bestätigen die Eindrücke. „Plastikbälle können mit und ohne Naht hergestellt werden. Dann eiern sie noch mehr. Der Verschleiß ist schneller, ich rechne mit höheren Preisen“, erklärte der mehrfache Seniorenweltmeister. Neubauers Firma ist nicht Mitglied der internationalen Vereinigung der Tischtennis-Ausrüster (FIT), die sehnsüchtig auf grünes Licht für den massenhaften Vertrieb der Bälle wartet.

„Es muss zunächst das patentrechtliche Problem geklärt werden. Derzeit traut sich keiner, die Bälle auf den Markt zu bringen“, berichtete Manager Achim Krämer von der Firma Joola über eine brisante Angelegenheit. Die Patentrechte für den Plastikball soll eine Frau halten, deren Mann früher Mitglied der Materialkommission der ITTF und zudem verantwortlich für die Ballentwicklung war. „Es gibt die Überlegung, dass FIT das Patent kaufen will“, sagte Krämer.

Die Ausrüster wollen in zwei Wochen am Rande des Weltcups in Belgien mit den zwei weltgrößten Ballherstellern aus China (Doublefish, Doublehappiness) über das Problem sprechen. Die FIT-Unternehmen benötigen eine längere Vorlaufzeit, um die neuen Spielgeräte flächendeckend einzuführen. Ein finanzielles Desaster wie beim 40-Millimeter-Ball, der 2001 den 38-Millimeter-Ball abgelöst hatte, möchten sie nicht noch einmal erleben. „Damals wollten alle Vereine fast auf einen Schlag die größeren Bälle haben. Wir hatten zigtausende der alten Bälle auf Lager, die wir für zwei oder drei Cent verscherbeln mussten“, sagte Wilfried Micke von der Firma Schöler+Micke.

Das Ende des Zelluloidballs hält er aber grundsätzlich für richtig und überfällig. „Das ist ein Gefahrengut, das mit Container-Schiffen transportiert werden muss“, erklärte der frühere Düsseldorfer Bundesligaspieler. In einigen Ländern ist Zelluloid daher schon verboten. dpa

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