Tischtennis - German Open : Plötzlich ist China wieder so weit weg

Dimitrij Ovtcharov und Timo Boll wähnten sich zuletzt Chinas Tischtennis-Assen nahe – doch bei den German Open in Berlin werden sie vom erst 16-jährigen Wunderkind Fan Zhendong zurück auf den Boden der Tatsachen geholt.

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16 Jahre und schon so gut. Vor einem Jahr war Fan Zhendong selbst Experten kaum geläufig. In Berlin ließ er nun sogar den Olympiasieger Zhang Jike alt aussehen.
16 Jahre und schon so gut. Vor einem Jahr war Fan Zhendong selbst Experten kaum geläufig. In Berlin ließ er nun sogar den...Foto: dpa

Berlin - Dieses Spiel dürfte seiner Zeit voraus gewesen sein, ein Blick in die Zukunft des Tischtennis, vielleicht ein vorweggenommenes Duell um die Olympiamedaillen 2016. Sie werden sich jetzt jedenfalls öfter treffen, Dimitrij Ovtcharov und Fan Zhendong. Das Finale bei den German Open am Sonntag in der Max-Schmeling-Halle war nur ein Anfang. Als chinesischer Jungspund war Fan Zhendong nach Berlin gekommen. 16 Jahre alt, Jugendweltmeister. Der Jugendweltmeister ist sonst weit entfernt von der Spitze der Erwachsenen. Mit dem Sieg bei den German Open und der Empfehlung, schon bald der beste Spieler der Welt sein zu können, wird er Deutschland wieder verlassen.

Fan Zhendong spielt das Tischtennis von morgen. Keiner knallt den Ball mit der Rückhand so peitschenhaft auf den Tisch wie er, vor allem nicht die Linie runter. Selbst Ovtcharov, derzeit Europas bester Mann, konnte nur hinterherschauen. „Er spielt unglaublich schnell“, sagte er. „Vor einem Jahr kannte ich ihn noch gar nicht.“ Jetzt wird er ihn nicht mehr vergessen.

Eine Woche zuvor hatte Fan Zhendong schon die Polish Open gewonnen – als jüngster Sieger eines World-Tour-Turniers. Ovtcharov und Boll wollten es in Berlin eigentlich mit Zhang Jike aufnehmen, dem Olympiasieger und Weltmeister. Doch dazu kam es gar nicht. Fan Zhendong hatte seinen Landsmann im Viertelfinale rausgeworfen. Zurzeit mag Zhang Jike etwas müde sein, aber wer verliert schon gerne gegen einen Emporkömmling aus der eigenen Mannschaft? Doch nachdem Zhang Jike die ersten beiden Sätze gegen Fan Zhendong abgegeben hatte, klappte er seine Videokamera zusammen, mit der er alle seine Spiele filmt. Ende der Aufzeichnung. Der Rest lohnt sich nicht mehr. „Dieser Sieg hat mir sehr viel Selbstbewusstsein gegeben“, sagte Fan Zhendong. Mit seinem aggressiven Spiel ähnelt er Zhang Jike, nur dass der mit 16 noch längst nicht so weit war.

Im Finale brachte Fan Zhendong dann Ovtcharov zur Verzweiflung und bezwang ihn mit 4:1-Sätzen. Den vierten Satz gewann Fan Zhendong gar mit 11:1, den einen Punkt hatte er Ovtcharov beim Stand von 10:0 großzügig überlassen. Ovtcharov blieb bei diesem Turnier der Trost, wenigstens das Duell um die europäische Spitze für sich entschieden zu haben, das gegen Timo Boll, den er in diesem Monat als bester Deutscher, als bester Europäer, ja sogar als bester Nichtchinese in der Weltrangliste abgelöst hatte. 4:2 entschied Ovtcharov das Halbfinale für sich. Ein weiteres hartes Spiel bei diesen German Open am Ende einer langen Turniersaison. „Im Finale hat mir ein Funken an Reaktion und Schnelligkeit gefehlt“, sagte Ovtcharov. Für den Abend hatte er einen Urlaubsflug nach Dubai gebucht.

Wenn Fan Zhendong nun aus Deutschland abreist, lässt er ein wenig Frust zurück. Der Rückstand auf die Weltmacht China schien doch gerade wieder etwas geschrumpft zu sein. Timo Boll ist auf dem Weg zu alter Stärke, seine Leistung in Berlin bestätigte das, und Ovtcharov hat in dieser Saison einen großen Satz nach vorne gemacht. Mit zwei Spitzenspielern lässt sich China eigentlich herausfordern. Doch nun rückt der nächste Chinese nach. „Ich muss noch an den Details in meinem Spiel arbeiten“, sagte er nach dem Sieg im Finale. Von den großen Dingen spricht Fan Zhendong schon gar nicht mehr, von Technik und Athletik. Seine Beine sind mit säulenbreiten Muskeln bepackt. Sie tragen ihn rasant von einer Ecke in die andere. Immerhin da wollte Boll eine kleine Schwäche des Chinesen erkannt haben. „Also einen so guten Körper wie Zhang Jike wird er nicht mehr bekommen. Er ist, sagen wir, etwas speckig.“

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