Tischtennis-Land China : Timo Boll Superstar

Bei uns in Deutschland kennen nur echte Sportfans Timo Boll. Im tischtennisverrückten China ist er der bekannteste deutsche Olympia-Athlet neben Basketball-Star Dirk Nowitzki.

Friedhard Teuffel[Peking]
Peking 2008 - Tischtennis Deutschland - Kroatien - Boll
Präzisionsarbeit. Timo Boll am Tisch.Foto: dpa

Der Riese hat sich extra klein gemacht, unauffällig hineingeduckt in die Häuserblöcke des Studentenviertels Haidian. Er hätte genauso gut eine der großen Sporthallen der Stadt einnehmen können, es hätten ihn bestimmt noch mehr Zuschauer sehen wollen. Doch Tischtennis, der Riese unter den Sportarten in China, tritt in aller Bescheidenheit auf, in einer neu gebauten Campushalle der Universität Peking, gerade einmal 7500 Zuschauer finden hier Platz.

In dieser Sporthalle, die innen aussieht wie ein bunter Würfel, sitzt nun Yoo Nam Kyu ganz oben und beobachtet ein Spiel der südkoreanischen Damen-Nationalmannschaft. Yoo ist der erste Olympiasieger, den es im Tischtennis gab, 1988 gewann der Südkoreaner in Seoul die Goldmedaille. „Eine tolle Halle, die Tribünen sind schön steil", sagt er, „nur die Bälle sind ein bisschen weich."

Nicht nur ihm als Trainer gefällt die Halle, auch einigen der besten Spieler ist es ganz recht, dass die Chinesen ihren Nationalsport nicht zu sehr hervorkehren bei den Olympischen Spielen im eigenen Land. „Ich hatte erst gehört, sie wollten eine Halle für 40 000 Leute bauen", sagt der Österreicher Werner Schlager, ehemals Einzel-Weltmeister und auch jetzt wieder ein Kandidat, um die übermächtigen Chinesen zu ärgern. „Aber ich finde es sehr schön hier, es ist heimelig."

Die Chinesen fürchten Timo Boll

So sieht es auch Timo Boll, den die besten Chinesen als Konkurrenten noch mehr fürchten, weil er jeden von ihnen schon besiegt hat. „Das hier kann ein richtiger Hexenkessel werden. Klar träumt man von einer Halle mit 20 000 Zuschauern. Aber die hätte den Nachteil, dass man gleich vor Ehrfurcht erstarrt, wenn man als Spieler reinkommt." Angeblich sollte die Halle noch viel größer werden, doch die Chinesen nahmen Rücksicht auf ein denkmalgeschütztes Haus auf dem Gelände.

Das ist schon verwunderlich, denn Tischtennis geht ihnen sonst über alles. 50 Millionen Menschen sollen in China regelmäßig spielen, etwa in öffentlichen Spielhallen. Tischtennis ist ein nationales Symbol, auch weil die Chinesen über Tischtennis bei der Ping-Pong-Diplomatie Anfang der Siebzigerjahre mit den Amerikanern verhandelten, und weil sie sich in keiner Sportart schon so lange so gut auskennen.

Was man alles werden kann mit Tischtennis, das war auch bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele zu sehen. Hinter dem chinesischen Fahnenträger und Basketballstar Yao Ming spazierten vier Herren in dunklen Anzügen in einer Reihe, erst dann kamen die Sportler. Es waren die vier Vizepräsidenten des Nationalen Olympischen Komitees, und einer von ihnen, Cai Zhenhua, war früher Weltmeister im Tischtennis. Bis vor kurzem saß er noch hinter der Bande und betreute die Spieler, jetzt ist er auch noch Vizesportminister seines Landes.

Überall Bilder der Tischtennis-Stars

Die besten Spieler sind in China Werbestars, in Supermärkten findet man ihre Bilder als Kaufanreiz auf allen möglichen Produkten. Nach 30 bis 40 Reisen ins Tischtennisland China hat auch Timo Boll ein genaues Bild davon, was den Chinesen Tischtennis bedeutet. Als er einen einmal den Grundstein für eine Sporthalle legen sollte, kamen 2000 Menschen, um ihn zu sehen.

Bei Olympia geht es dagegen vergleichsweise beschaulich zu. „Wir halten uns eigentlich nur im olympischen Dorf und in der Halle auf", erzählt Boll. Da gibt es kaum Kontakt zur Bevölkerung. Die einzigen Chinesen, denen sie begegnen, sind die freiwilligen Helfer im Dorf und in der Halle. „Die kennen uns natürlich alle", sagt Boll.

Er und die deutsche Herren-Mannschaft haben aus den Verhältnissen bisher das Beste gemacht, sie sind Gruppensieger geworden und treffen am Samstag früh auf Japan. Das ist eine Art Halbfinale. Der Sieger zieht ins Endspiel ein, der Verlierer kämpft in einer neuen Rundenphase um Bronze. Bezwingt China im anderen Spiel Südkorea, träfen die Deutschen im Finale auf den Gastgeber. In China gegen China – eine größere Herausforderung gibt es nicht im Tischtennis.

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