Tour de France : Kalter Krieg auf Rädern

Zur 750-Jahr-Feier startete in West-Berlin 1987 die Tour de France – und im Osten als Gegenveranstaltung die Friedensfahrt.

Jutta Braun,René Wiese

Das 750. Stadtjubiläum Berlins 1987 kam auch der DDR-Sportführung sehr gelegen. Es bedeutete noch mehr Aufmerksamkeit für die „Hauptstadt der DDR“ als Etappenort der Friedensfahrt „Warschau-Berlin-Prag“. Und dann wollte es auch noch ein glücklicher Zufall, dass in jenem Jahr die 40. Wiederholung der prestigeträchtigen Radrundfahrt anstand. Angesichts der konkurrierenden Jubiläums-Veranstaltungen in Ost- und West-Berlin war dies für die SED ein willkommener Zuckerguss auf der sozialistischen Hälfte des Geburtstagskuchens.

Doch das Großereignis drohte plötzlich von einem unglaublich anmutenden West-Berliner Coup in den Schatten gestellt zu werden. Für drei Millionen D-Mark Lizenzgebühr hatte der West-Berliner Senat für den Juli 1987 den Prolog der „Tour de France“ auf den Kurfürstendamm geholt. DDR-Sportchef Manfred Ewald war empört über diesen Versuch „gewisser reaktionärer westlicher Kreise“, durch „große Manifestationen in West-Berlin den Wert der 750-Jahr-Feier in Berlin als Hauptstadt der DDR herabzumindern“. Völlig Unrecht hatte er damit nicht. Der Sport war seit der Teilung der Stadt ein bevorzugtes Schlachtfeld des Systemkampfes. Die politische Rivalität brachte zahlreiche Doubletten in den jährlichen Veranstaltungskalendern in Ost und West hervor: Beide Stadthälften begrüßten das neue Jahr mit Turnieren im Handball, Leichtathleten maßen sich im Westen beim Istaf, im Osten beim „Olympischen Tag“. Schon früh hatte auch im Radsport das ideologische Wettrennen begonnen. Nachdem Ost-Berlin nach 1945 den Radklassiker „Rund um Berlin“ aus geografischen Gründen geerbt hatte, trat man in West-Berlin in den 1950er Jahren trotzig beim Rennen „Rund in Berlin“ in die Pedale.

Im Jubiläumsjahr 1987 wurde diese traditionelle Konkurrenzkultur noch beflügelt durch den Ehrgeiz des französischen Tourdirektors Félix Lévitan. Er wünschte, dass auch Fahrer aus der UdSSR, Polen und der DDR an der Tour teilnehmen sollten, den Start in Berlin betrachtete er als „idealen Ort für die beiden Lager zusammenzukommen.“ Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen begrüßte die Absicht des Franzosen, entsprechende Sondierungen mit der DDR aufzunehmen. Für die SED-Führung war das Maß nun jedoch endgültig voll: Egon Krenz, für den Sport zuständiger Sekretär des Zentralkomitees der SED, diktierte dem ostdeutsche Radsportverband die Absage an die französischen Tour-Manager in die Feder, mit dem Verweis auf „technische Schwierigkeiten“ ebenso wie der politischen Maxime, sich nicht an „Profirennen“ zu beteiligen.

Alarmiert durch den unerwarteten West-Berliner Vorstoß ging die SED nun ihrerseits in die Offensive. Nicht mehr nur Zwischenstation, sondern Startort der Friedensfahrt 1987 sollte Ost-Berlin werden! Das musste man nun aber erst einmal den Polen beibringen, denn als Ausgangspunkt für 1987 war turnusgemäß Warschau an der Reihe. In kurzfristig anberaumten Gesprächen appellierte Ewald in der polnischen Hauptstadt an die sozialistischen Sportbrüder, „dass in einer solchen Situation gerade die Friedensfahrt als das größte und bedeutendste Amateurrennen der Welt in der Hauptstadt der DDR ihren Anfang nehmen“ müsse. Die Polen gaben nach, und die Bahn war frei, um das „Flaggschiff des Amateurradsports“ für das Berliner Duell mit dem „Mutterschiff des Profi- Radsports“ publikumswirksam aufzutakeln. Die Begeisterung der Ost-Berliner für die Rekordbeteiligung von 26 Mannschaften wurde staatlicherseits effektiv kanalisiert: Bezirksorganisationen von SED und DTSB waren damit beauftragt, „50 000 Bürger Berlins für jede der Hauptveranstaltungen zum Spalier für die Gesamtstreckenführung zu gewinnen“, Pädagogenkollektive hatten „ganze Klassenverbände an die Strecke zu führen“. 5000 Friedenstauben stiegen symbolträchtig in den Himmel auf.

Auch der Start der Tour de France im Juli in West-Berlin geriet zu einer internationalen Attraktion. „Über 140 Fernsehstationen haben in mehr als 60 Ländern drei Tage Live-Bilder von Berlin gezeigt“ resümierte zufrieden die West-Berliner Regierung, die mit einem solchen Spektakel vor allem das Bewusstsein für die Insellage der „Frontstadt“ wach halten wollte.

Am Ende gab es zwei große Gewinner – und einen Verlierer: Der Ostdeutsche Uwe Ampler wurde strahlender Sieger der Friedensfahrt. Die Tour gewann der Ire Stephen Roche. Der visionäre Tour-Direktor Félix Lévitan hingegen sollte sich das Ereignis nicht einmal persönlich ansehen – er war im März 1987 von den Gesellschaftern der Tour de France wegen „strategischer Differenzen“ fristlos entlassen worden.

Die Autoren sind Vorsitzende des Zentrums deutsche Sportgeschichte in Berlin.

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