Tour de France : Werden französische Fahrer bevorzugt?

Im bisherigen Verlauf der Rundfahrt gab es einige Entscheidungen, von denen Franzosen profitierten. Die einen wittern eine Verschwörung, andere sehen das undurchsichtige Reglement als Problem.

Julien Duez
Arnaud Demare feiert seinen Sieg auf der vierten Etappe der Tour.
Arnaud Demare feiert seinen Sieg auf der vierten Etappe der Tour.Foto: AFP PHOTO / Lionel BONAVENTURE

Seit Bernard Hinault 1985 hat kein Franzose die Tour de France mehr gewonnen. Die Erwartungen sind dennoch jedes Jahr groß und jeder Etappensieg oder Podestplatz wird geradezu euphorisch gefeiert. Der größte Hoffnungsträger heißt in diesem Jahr Romain Bardet. Nach der 15. Etappe beträgt der Rückstand des 26-Jährige vom Team AG2R La Mondiale auf Christopher Froome nur 23 Sekunden. Doch nach seinem Sieg am vergangenen Freitag in den Pyrenäen gab es auch Kritik. Bardet wurde auf den letzten Kilometern mit Wasser versorgt, genauso wie Rigoberto Uran, George Bennett und Serge Pauwels. Laut Reglement ist dies verboten, es gab auch jeweils 20 Sekunden Zeitstrafe – allerdings nicht für Bardet. Von der Jury wurde dies damit begründet, dass nicht klar gewesen sei, ob Bardet aus der von einem Zuschauer gereichten Flasche Wasser wirklich getrunken hatte.

Nach einem Protest des Uran-Teams Cannondale-Drapac hob die Jury die Strafe gegen Uran, Bennett und Pauwels einen Tag später wieder auf. Die Verschwörungstheoretiker unter den Radsportfans sehen darin den endgültigen Beweis, dass die französischen Fahrer bei der Tour bevorzugt werden. Denn es hatte bei der Rundfahrt bereits zuvor zumindest fragwürdige Entscheidungen der Jury gegeben, von denen Franzosen profitierten. Arnaud Démare beispielsweise verließ im Zielsprint der 4. Etappe seine Linie und zog von rechts nach links zum Tagessieg. Dabei wäre Démares Landsmann Nacer Bouhanni beinahe zu Fall gekommen. Doch weil sich alle Augen in diesem Moment auf Peter Sagan und dessen vermeintlichen Ellbogenschlag gegen Mark Cavendish richteten, blieb die Aktion ungeahndet. Bouhanni seinerseits hatte allerdings mit dem Arm den Neuseeländer Jack Bauer getroffen, was der als ganz gewöhnliche Rennszene bezeichnete. Dennoch musste Bouhanni 200 Schweizer Franken Strafe zahlen.

200 Schweizer Franken Strafe fürs Urinieren

So entsteht der Eindruck, dass die Jury und deren Präsident Philippe Mariën aus Belgien mit zweierlei Maß misst. Dabei ist der Franzose Bardet aktuell vielleicht das größte Opfer des ganzen Wirrwarrs. Hätte die Jury ihre Strafe gegen Uran aufrecht erhalten, stünde der Verdacht der Bevorzugung eines französischen Fahrers im Raum. Andererseits wären die Fans in Frankreich sauer gewesen, wenn Bardet nachträglich sanktioniert worden wäre. Immerhin führt der Radsport in diesen Tagen derartige Debatten. Es gab auch schon dunklere Zeiten, in den denen der Verdachts des Dopings permanent mitfuhr. Dagegen sind die aktuellen Diskussionen fast schon sportlich.

Von einer Verschwörung zu sprechen, ginge ohnehin zu weit, es sind wohl eher Fantasien einiger besonders enthusiastischer Tour-Begleiter. Das Hauptproblem liegt dabei wie so oft im Reglement selbst. Bei einer Tour de France gibt es zahlreiche, häufig sehr komplexe Paragrafen, in denen alle Eventualitäten durchgespielt werden. Einiges davon muss man nicht verstehen. Zum Beispiel die Strafe von 200 Schweizer Franken wegen „ungebührliches Verhaltens in der Öffentlichkeit“, wenn ein Fahrer während der Etappe uriniert. Natürlich ist Radsport ein Profisport wie jeder andere. Das Produkt muss stimmen, damit das Geld fließt. Doch bei allem Druck der Sponsoren sollte nicht vergessen werden, dass der Sport immer noch vor der Show kommt.

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