• Trainer: "Jeder muss mal ein Schwein sein". Uwe Neumann war Dopingcoach und Stasi-Spitzel - sein Athlet Jens Kruppa sagt nur: Na und?

Sport : Trainer: "Jeder muss mal ein Schwein sein". Uwe Neumann war Dopingcoach und Stasi-Spitzel - sein Athlet Jens Kruppa sagt nur: Na und?

Frank Bachner

Irgendwann mal hat Beate Ludewig gelesen, was der Stasi-Spitzel "Holbert" notiert hatte. Es wurde ihr schlecht dabei. Sie erzählt keine Einzelheiten, aber eine Geschichte. Die Geschichte soll ihre ganze Verachtung für den früheren IM demonstrieren. Einige Zeit nach der Lektüre stand die Schwimmtrainerin Ludewig neben dem früheren Spitzel. Er war im selben Trainingslager wie sie, er stand mit ihr am Beckenrand. Und er hatte immer noch den gleichen Tonfall wie früher, dieser Uwe Neumann, ehemaliger DDR-Spitzentrainer, ehemaliger Stasi-Spitzel, Deckname "Holbert". Eine harte, raue Stimme. Mit dieser Stimme dirigierte er als Heimcoach Jens Kruppa, einen der besten deutschen Brustschwimmer. Ludewig gilt als Vielrednerin. Vier Wochen war sie mit Neumann auf der gleichen Anlage. Vier Wochen lang redete sie kein Wort mit ihm. "Damit ist alles gesagt", sagt Ludewig, Trainerin von Ralf Braun, dem Weltmeisterschaftszweiten von 1999 über 200 m Rücken. Die Stasi-Berichte gingen ihr stärker unter die Haut als Neumanns Dopingpraxis. Neumann hatte Jugendliche gedopt, er ist mitverantwortlich für die Eierstock- und Herzmuskelentzündungen von Rica Reinisch. Rica Reinisch war 15, als sie 1980 Olympiasiegerin wurde. Sie war volljährig, als ihre gesundheitlichen Probleme begannen. Wegen Körperverletzung an Minderjährigen erhielt Neumann eine Geldstrafe.

Beate Ludewig hätte Jens Kruppa ihr Schweigen erklären können. Aber Kruppa hätte es wahrscheinlich nicht verstanden. Neumann ist sein Trainer, seitdem er 14 ist. Jetzt ist Kruppa 25, und er sagt: "Er war lange Zeit einer Vaterfigur für mich. Jetzt ist er eine absolute Respektperson. Wir haben eine besondere Beziehung zueinander." Jens Kruppa vom SC Riesa holte mit der Lagenstaffel in Sydney bei den Olympischen Spielen Bronze und bei der WM in Japan, vor einer Woche, Silber. Für Kruppa ist das vor allem ein Verdienst seines Trainers Neumann.

Eine besondere Beziehung? Die hat einer bestimmt zu einem Trainer, wenn er übersieht, dass der andere früher Kinder gedopt hat und Leute bespitzelte. So einem Trainer kann man ja verzeihen. Nach quälenden Stunden und schlaflosen Nächten zum Beispiel. Wenn einer verzeiht, hat er die Berichte von Dopingopfern zwar nicht vergessen, aber er hat sie in den Hintergrund gedrängt. Man kann das machen, wenn einem der Erfolg wichtiger ist. Wenn man den Trainer nicht verlieren möchte. Kruppa sagt: "Warum soll ich zu einem Deppen gehen, der fachlich keine Ahnung hat? Ich bleibe lieber bei einem, mit dem ich Erfolg habe." So kann man denken, wenn Medaillen wichtiger sind als Moral. Ein bisschen wichtiger.

Aber Kruppa denkt anders, und deshalb ist sein Fall ein besonderer Fall von Nibelungentreue. Besser gesagt: ein erschreckender Fall. Kruppa sagt: "Es ist mir völlig egal, ob es ihm Leid tut." Er lässt keine Gefühle an sich heran bei diesem Thema. Er verteidigt Neumann vehement, aber zugleich extrem emotionslos. Irgendwann hat man das Gefühl, eine Maschine verkündet eingespeicherte Sätze. Und Kruppas Stimme wird zur Computerstimme. So kalt, so mechanisch.

Neumann hatte bis 1997 einen Job als Bundeshonorartrainer. Er hatte ihn, weil er jahrelang sagte: "Ich kann in den Spiegel gucken, ohne dass ich mich abwenden muss." Er leugnete alles. Dopingeinsatz, Stasi-Mitarbeit. Ja und?, sagt Kruppa. "Ich verstehe, dass er dies verschwiegen hat. Es ging um seine Existenz. Irgendwann muss jeder mal ein Schwein sein und an sich denken."

Irgendwann mal hat Neumann seinem Athleten alles erklärt, die Geschichte mit den Dopingpillen und der Spitzelei. Es war wahrscheinlich keine quälende Aufarbeitung, kein mühsames Ringen um Worte. Neumann ist sowieso nicht der Typ, der sensibel mit sich und anderen umgeht. "Wenn er etwas in den falschen Hals kriegt, brüllt er mich an", sagt Kruppa. Aber als die beiden über die Vergangenheit redeten, brüllte keiner. Kruppa nicht vor Zorn und Neumann nicht aus Verzweiflung. Kruppa sagt nur: "Er hat mir das System erklärt. Er sagte, dass er keine andere Chance hatte. Die Trainer waren nur ausführende Organe."

Das sind Standardverteidigungsreden. Der Rückzug auf nüchterne Positionen. Bei solchen Begründungen sind Gefühle oder Gedanken an Entschuldigungen nicht vorgesehen. Aber Kruppa übernimmt die Argumentation. Und zum Schluss bleibt nur noch ein Eindruck: Gefühlskälte. "Mir war klar, dass er mit der Stasi etwas zu tun haben musste. Er war Reisekader, da war es logisch, dass er Berichte verfasste", sagt Kruppa. Spätestens da wird klar, dass es nur konsequent ist, dass Kruppa so redet. Er geht mit seiner eigenen Geschichte ja gleich emotionslos um. "Über mich wurde auch geschrieben", sagt Kruppa, "ich weiß auch von wem. Aber mir ist das egal." Kruppa hatte mal "durch Zufall" seine Stasi-Akte in die Hände bekommen. Da hatte er gesehen, wer über ihn berichtet hatte. "Es war einer meiner besten Freunde." Kruppa sagt nicht mal diesen Satz mit einem Würgen im Hals. Kruppa sagt nur: "Es stand ja nichts Belastendes drin, weshalb sollte ich sauer sein?" Damals, sagt er, sei er 12, 13 Jahre alt gewesen. Sein Freund war 16. Kruppa fragt nicht, was die Stasi über einen Zwölfjährigen wissen wollte. Er fragt nicht, wie man seinen Freund unter Druck setzte. Kruppa sagt nur: "Das ist mir egal." Vielleicht kann er es nicht ehrlicher sagen. Es ist ihm einfach egal. Bestimmt würde man ihm unrecht tun, wenn man ihm unterstellte, er wolle Doping verteidigen oder die Stasi-Spitzelei. Wenn er so etwas verteidigte, würde er ja zumindest Emotionen zeigen.

Der Deutsche Schwimm-Verband trennte sich von Neumann, als es nicht mehr anders ging. Die Medien stürzten sich auf den Kinderdoper. Andere Trainer wandten sich angewidert ab. Nur Kruppa rückte immer näher an ihn heran. Je mehr Gegner sie wahrnahmen, umso größer wurde ihr Zusammenhalt. "Es war keine einfache Zeit", sagt Kruppa, "aber wir hielten da noch mehr zusammen."

Das hat Folgen. Wenn man so lange zusammenarbeitet, sagt Kruppa, kommt ein Punkt, "da wird man seinem Trainer immer ähnlicher". Stimmt. Vermutlich aber hat er keine Ahnung, wie erschreckend ähnlich er ihm schon geworden ist.

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