Trainer von Union Berlin im Interview : Jens Keller: "Ich bin kein Schauspieler"

Jens Keller über allzu aufbrausende Trainer, zu viel Aufmerksamkeit, sein Verhältnis zu Berlin und den möglichen Aufstieg des 1. FC Union in die Bundesliga.

von und
Jens Keller, 46, spielte unter anderem für den VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt und den VfL Wolfsburg. Als Trainer arbeitete er für Stuttgart und Schalke. Seit vergangenem Jahr coacht er die Mannschaft des 1. FC Union. Foto: Maurizio Gambarini/dpa
Jens Keller, 46, spielte unter anderem für den VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt und den VfL Wolfsburg. Als Trainer arbeitete er...Foto: dpa

Herr Keller, Sie wissen, wie man aufsteigt. Als Spieler haben sie diese Erfahrung zweimal mit 1860 München gemacht, zweimal mit Eintracht Frankfurt und einmal mit dem VfL Wolfsburg. Kommt Ihnen das jetzt zugute?
Es ist schon ein Unterschied, ob man das als Spieler oder Trainer erlebt. Aber bei allen Aufstiegen haben wir als Team sehr, sehr gut funktioniert. Es war nie so, dass wir die Favoritenrolle hatten. Mit den Aufstiegen hatte niemand gerechnet.

So wie jetzt beim 1. FC Union? Die Mannschaft macht einen sehr homogenen Eindruck, die Spieler verstehen sich auch privat sehr gut.
Das ist extrem hilfreich. Es wird natürlich nicht immer machbar sein, dass 25 junge Menschen privat die gleichen Interessen haben. Hauptsache ist, dass sie in der Kabine den Spaß zusammen haben.

Zuletzt wirkte es so, dass die plötzliche Aussicht auf die Tabellenführung dem Team etwas vom Spaß genommen hat.
Man hat im letzten Spiel gemerkt, dass wir nicht ganz frei waren. Da hat uns in den ersten 45 Minuten schon eine gewisse Lockerheit gefehlt. Es ist ja im Fußball so wie im richtigen Leben: Wenn man was erreicht hat, fängt man an, es zu verteidigen und verkrampft dann.
Wie schaffen Sie es, dass Ihre Spieler wieder lockerer werden?
Ich sage immer, es ändert sich nichts – egal auf welchem Tabellenplatz wir stehen. Wir müssen den Mut haben, so weiterzuspielen, wie wir es bisher gemacht haben. Diese Normalität versuche ich auch meinen Spielern zu vermitteln.

Sie gelten in der Tat als relativ normaler, besonnener Trainer. Dass Sie ausflippen, haben wir noch nicht erlebt.
Es gibt sicherlich auch Trainer, die sich sehr gut verkaufen können. Die machen das Schauspiel einfach mit, und dazu bin ich nicht bereit. Ich bin kein Schauspieler, ich konzentriere mich auf die Trainingsinhalte.

Sie meinen, viele legen mehr Wert auf Show als auf Inhalte?
Ich glaube schon, dass manche Trainer extra etwas sagen, was sich besonders toll anhört oder Begriffe erfinden, die in der Öffentlichkeit gut rüberkommen. Sie spielen an der Bank eher ein Theaterstück als eine Mannschaft zu coachen, um sich zu positionieren.

Und Sie?
Ich gebe mich so wie ich bin. Egal ob es läuft oder nicht läuft: Ich werde mich vom Typ nicht verändern. Wenn es gut läuft, lasse ich mich nicht von den Zeitungen in den Himmel loben. Genauso wenig lasse ich mich niederschreiben, wenn es negativ läuft. Ich weiß, was ich kann.

Als Sie bei Schalke waren, haben sich die Verantwortlichen daran gestört. Man hat Ihnen vorgeworfen, zu ruhig zu sein.
Die Kritik hat mich nicht immer kaltgelassen und ich habe auch über viele Sachen nachgedacht. Aber ich wollte nicht anfangen, meine Energien darauf zu verschwenden, ein besseres Bild in den Medien abzugeben. Ich wollte mich aufs Wesentliche konzentrieren – auf die Arbeit mit der Mannschaft.

Was haben Sie aus dieser Zeit gelernt?
Gelassenheit. Und dass ich an mich glauben kann. Dass das, was ich mache nicht so schlecht ist. Ich habe dort erfolgreich gearbeitet und das wird inzwischen auch anerkannt.

Nach Ihrem Rauswurf haben Sie eineinhalb Jahre nicht als Trainer gearbeitet. Kann man sich das in der heutigen Zeit überhaupt noch erlauben?
Das Geschäft ist enorm schnelllebig geworden. Aber es ist vor allem eine Frage des Standings. So ein Klopp kann vielleicht auch mal zwei Jahre raus sein. Für mich war klar, dass ich nur dort anfange, wo ich etwas bewegen kann und deshalb habe ich mir Zeit gelassen.
Hatten Sie keine Existenzangst?
Ich hatte ja schon ein paar Jahre gearbeitet. Und wenn man sich dabei nicht ganz dumm angestellt hat, dann muss man nicht direkt Existenzängste haben. Aber ich war nach meinem Aus bei Schalke 45, in dem Alter möchte man nicht die ganze Zeit auf dem Sofa sitzen oder spazieren gehen. Da habe ich mir schon überlegt, was ich mache, wenn nichts mehr kommt.

Was haben Sie sich überlegt?
Ich habe mich in vielen Bereichen weitergebildet, habe auch noch ein Zertifikat Sportmanagement/Führung absolviert, um über den Tellerrand hinauszuschauen und mich breiter aufzustellen. Unter dem Strich war es aber so, dass nur ein guter Trainerjob in Frage kam.

Der 1. FC Union konnte Sie überzeugen.
Schalke ist der zweitgrößte Verein Deutschlands. Hier bei Union ist es eher wie in einer Familie. Ich kann hier in Ruhe arbeiten – auch wenn die Aufmerksamkeit zuletzt zugenommen hat und ich jetzt von Termin zu Termin renne.

Das stört Sie, oder?
Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Das ist das Schönste, was passieren kann. Dafür muss ich im Profibereich Dinge in Kauf nehmen – wie zum Beispiel mit der Medienlandschaft zu leben. Das ist etwas, was ich als Trainer nicht unbedingt bräuchte.

Würden Sie sagen, dass sich das im Vergleich zu Ihrer Zeit als Spieler am meisten verändert hat?
Natürlich. Zu meiner Zeit gab es keine Handys. Da gab es kein Facebook, kein Twitter, kein Instagram. Die Spieler kriegen jetzt viel, viel mehr Dinge mit, sowohl positiv als auch negativ. Die Anonymität fehlt. Jeder Mensch kann dich bewerten und erreicht unheimlich viele Menschen mit seiner Aussage. Manch einer, der sehr bekannt ist, kann sich ja gar nicht mehr frei bewegen. Jeder kann über dich lesen, was für'n toller Typ oder was für'n Arsch du bist.

Andererseits gibt heute auch viel mehr Möglichkeiten und Analysemittel.
Ich bin keiner, der es übertreibt. Sicherlich arbeite ich mal mit dem Laptop, aber nutze auch Flipcharts und mache normale Analysen. Ich will die Mannschaft nicht überfordern. Wenn jemand fünf Videostunden in der Woche macht und alles auseinanderkaut, glaube ich, dass es die Mannschaft eher hemmt als dass es etwas bringt.

Worin liegen Ihre Stärken als Trainer?
Ich glaube, dass ich eine Mannschaft gut führen kann. Dass ich eine gute Mischung finde zwischen Lockerheit und Anspannung. Als ich selbst noch Spieler war, gab es wenig Kommunikation. Daran habe ich sehr, sehr viel in den vergangenen Jahren gearbeitet, auch mit jemandem zusammen. Das ist ein Freund, mit dem ich über Situationen spreche. Ich habe viele Fortbildungen bei ihm.

Was nehmen Sie davon mit?
Ich bin überzeugt davon, dass man Angestellte auf die Reise mitnehmen muss. Dass sie dann eine ganz andere Leistung erbringen als wenn ich mit Druck arbeite. Das ist wie im Privatleben: Wenn ich muss, bin ich nicht locker. Wenn ich aber kann und darf, ist viel mehr möglich. Das war zu meiner Zeit nicht so. Da gab es von Trainern persönliche Beleidigungen und Beschimpfungen. Da war alles dabei.

Sie werden nie laut?
Doch, das muss man auch mal. Wenn man Dinge sieht, die nicht funktionieren, weil die Einstellung nicht stimmt. Allerdings ist das ein Mittel, dass ich relativ selten verwende. Das nutzt sich ab. Wenn ich meine Kinder jeden Tag anschreie, ist das denen auch irgendwann egal.

Wie lenken Sie sich eigentlich vom Fußball ab, um einen Ausgleich zu haben?
Ich sitze zu Hause und schaue Fußball, im Ernst. Es sind dann nicht unsere Spiele, sondern vielleicht eine gute Champions-League-Begegnung. Natürlich gehe ich auch mal essen oder spiele eine Runde Golf. Und ich kann auch einfach mal nichts machen und probiere, an freien Tagen abzuschalten und das Handy auszumachen. Der Job ist stressig genug. Ich habe gerne meine Ruhe. Es bringt der Mannschaft mehr, wenn ich auch mal runterfahre.

Sie unternehmen nicht viel in Berlin?
Weniger. Ich habe bisher eigentlich nur eine berufliche Beziehung zur Stadt. Letzten Sommer bin ich hier her gekommen und da war es erstmal wichtig, in den Job zu kommen. Und im Winter war es mir zu kalt für Unternehmungen. Für mich ist es wichtig, einen guten Job zu machen.

Ist Ihre Familie, die in Nordrhein-Westfalen lebt, deshalb nicht mit hierher gezogen?
Das ist in meinem Job nicht möglich. Denn ich weiß nicht, wie lange ich hier arbeiten werde. Meine Jungs sind 15 und 17 und haben auch ein soziales Leben. Die durchschnittliche Zeit eines Trainers bei einem Verein beträgt 1,3 Jahre. Die Kinder gehen dran kaputt, wenn man so oft umzieht. Deshalb ist es in meinem Job leider so, dass man viel von der Familie weg ist. Dafür gibt es andere Annehmlichkeiten.

Zum Beispiel?
Man kann sich das ein oder andere mehr leisten. Und in welchem Job ist man heute schon sicher, wenn man auf diesem Niveau Geld verdient.

Es klingt, als hätten Sie ein eher distanziertes Verhältnis zu Ihrem Job.
Da, wo ich arbeite, mache ich das zu einhundert Prozent. Ich bringe mich voll in den Verein ein, bin mir aber auch bewusst, dass es irgendwann einen Schnitt gibt und ich mich woanders zu einhundert Prozent einbringen muss. Ich bin kompletter Realist.

Und was denkt der Realist über einen möglichen Aufstieg von Union?
Wir sind nicht total mit dem Hammer behauen. Wenn wir neun Spieltage vor Schluss auf Platz eins stehen, können wir ja nicht sagen, wir wollen nicht aufsteigen. Das kann man ja keinem mehr vermitteln. Von den Einzelspielern und der Erfahrung haben Hannover und Stuttgart sicherlich das größte Potenzial. Aber wenn wir unsere Leistungen abrufen, können wir aufsteigen.

Was würde das für Berlin bedeuten?
Über solche Dinge mache ich mir nie einen Kopf. Ich lebe nicht in der Zukunft und nicht in der Vergangenheit. Ich kann das Heute beeinflussen, das Training. Über das andere mache ich mir keine Gedanken. Diese Energie spare ich mir.

» Mehr lesen? Jetzt gratis Tagesspiegel testen!

Autor

12 Kommentare

Neuester Kommentar