Sport : Trotz Siegeswille: "Ein ganzes Leben möchte ich mich nicht so quälen."

Maren Peters

Unter den diversen Möglichkeiten, den Gegner aufs Kreuz zu legen, ist Uta Kühnen die Bananenschale die liebste. "Da umschlingt man den Gegner und zieht ihm die Beine weg", erklärt die 24-jährige langbeinige Judo-Kämpferin vom SC Berlin schmunzelnd, "das sieht dann wirklich so aus, als wäre er auf einer Bananenschale ausgerutscht." Vor zwei Jahren hat die mehrfache Deutsche Meisterin bei den Europameisterschaften die Bronzemedaille geholt, in zwei Wochen, vom 7. bis 10. Oktober, wird sie mit der Nationalmannschaft um Trainer Norbert Littkopf nach Birmingham reisen und zum zweiten Mal nach 1997 um den Weltmeistertitel kämpfen. Damals hatte sie beide Kämpfe verloren. "Ich war einfach nicht frech genug", meint die Wahl-Berlinerin rückblickend.

Das hat sich gründlich geändert. "Ich glaube schon, dass ich diesmal gewinnen kann", sagt die Studentin der Lebensmitteltechnologie vor der WM voller Selbstbewusstsein. Doch obwohl die Stimmung in der Damenriege nach gemeinsamen Trainingslagern in Belgien, Holland, Köln und Berlin ausgezeichnet ist, weiß Kühnen, dass es nicht leicht werden wird, den starken Konkurrentinnen aus Japan, Kuba, Italien und Frankreich die Stirn zu bieten. Um sich automatisch für Sydney 2000 zu qualifizieren, müsste sie in Birmingham unter die ersten Sieben kommen.

Noch bis vor wenigen Wochen hat die geborene Freiburgerin an einem Kreuzbandanriss herumlaboriert, den sie sich im Juni ausgerechnet beim Beach-Volleyball geholt hatte. Im Frühjahr konnte sie wegen einer Schulterverletzung nicht richtig trainieren. "Ich habe dadurch zu lange Krafttraining gemacht und erst viel zu spät wieder mit dem Judo-Training angefangen", sagt Uta Kühnen, die vor sechs Jahren wegen ihres Sports nach Berlin gezogen war.

Bundestrainer Norbert Littkopf ist dennoch optimistisch, dass Uta Kühnen bei den Weltmeisterschaften vorn mitmischen kann. "Uta ist kein totales Talent, aber eine harte Arbeiterin", sagt er. "Die rennt sich die Hacken ab zwischen Studium und Training." Die Beständigkeit in der Leistung würde noch fehlen, sagt Littkopf, aber "der Kopf ist stabil, das ist ihr großer Vorteil". So diszipliniert wie im Training ist die 24-Jährige auch bei der Ernährung. Seit vor zwei Jahren die Gewichtsklassen neu definiert wurden, kämpft die 1,77 m große langhaarige Athletin, die in der Klasse bis 78 Kilo startet, hart mit den Kilos. "Das ist ein böses Hungern", sagt Kühnen. "Ein ganzes Leben möchte ich mich nicht so quälen." Noch dazu, da die finanziellen Anreize selbst bei Erfolgen eher dürftig ausfallen: Frauen-Judo ist erst vor wenigen Jahren olympische Disziplin geworden und gilt in Deutschland immer noch als unattraktiv. Mit den Mitteln der Sportförderung kommt die Kämpferin "so grade eben" über die Runden.

Bei der Entscheidung für Judo hat Geld ohnehin noch keine Rolle gespielt. Als Fünfjährige hatte sich Uta Kühnen einfach an den Rockzipfel ihrer großen Schwester gehängt. "Ich habe so lange gequengelt, bis sie mich mitgenommen hat", erzählt sie. Ihre Kampfkünste hat die junge Frau in dunklen U-Bahn-Schächten bisher zum Glück nicht einsetzen müssen. Nicht mal die Bananenschale. "Wenn mir jemand blöd kommt," sagt Kühnen, "würde ich wohl eher die Beine in die Hand nehmen und schnell wegrennen."

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