Turbine-Trainer sieht Fairplay mit Füßen getreten : Blutig bis roh

Die Ereignisse um das Bundesligaspiel Turbine Potsdam gegen FFC Frankfurt erreichen eine im Frauenfußball neue Eskalationsstufe.

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Im Dauereinsatz. Beim Spiel Potsdam gegen Frankfurt mussten die Sanitäter in der Schlussphase häufiger auf den Platz. Foto: Koch
Im Dauereinsatz. Beim Spiel Potsdam gegen Frankfurt mussten die Sanitäter in der Schlussphase häufiger auf den Platz. Foto: KochFoto: Matthias Koch

So emotional verlief schon lange keine Pressekonferenz mehr im Babelsberger Karl-Liebknecht-Stadion. Nach dem Frauen-Bundesligaspiel zwischen Turbine Potsdam und dem 1. FFC Frankfurt (1:2) wollten zahlreiche Fans aus dem Nebenraum wissen, warum die Frankfurterinnen nach dem verletzungsbedingten Ausscheiden der blutüberströmten Potsdamerinnen Alexandra Singer und Stefanie Mirlach, die in der 88. Minute mit den Köpfen zusammengeprallt waren, scheinbar einfach normal weiterspielen konnten. Die frühere Potsdamerin Fatmire Bajramaj schoss nach der sechsminütigen Spielunterbrechung gegen neun ihrer alten Kolleginnen – das Wechselkontingent war erschöpft – sogar noch den 2:1-Siegtreffer. Singer und Mirlach werden auch am Mittwoch fehlen, wenn Turbine im Champions-League-Rückspiel Standard Lüttich (14 Uhr) empfängt.

Für Turbines Trainer Bernd Schröder wurden die Grundsätze des Fairplays mit Füßen getreten. „Wir sind dabei, uns dem Männerfußball anzunähern. Es ging nicht um Millionen, nicht um den Abstieg oder die Deutsche Meisterschaft. Es ging nur um drei oder vier Minuten eines Spiels. Man hätte nicht weiterspielen sollen. Jeder hätte einen Punkt gehabt und die Verletzung von Lira Bajramaj wäre nicht passiert.“ Die Nationalspielerin zog sich nach einem groben Foul einen Kreuzbandriss zu und fällt mindestens sechs Monate aus.

Auf Frankfurter Seite, wo sechs ehemalige Potsdamerinnen standen, beurteilte man das Geschehene anders. „Das ist ein Fußballspiel. Es geht auch darum, dass man weiterspielt. Wenn dabei ein Tor fällt, hätte das auf beiden Seiten sein können“, sagte Manager Siegfried Dietrich.

Frauenfußball gilt noch nicht als so verroht wie Männerfußball. Nur wenige Frauen können allein vom Sport leben. So eine Situation wie am Sonntag könne an keiner Spielerin spurlos vorbeigehen. Schröder: „Jetzt befürchte ich, dass zwischen den beiden Vereinen eine überdimensionale Feindschaft entsteht.“

Einen Vorgeschmack darauf gab es, als Bajramaj, wie schon die beiden Potsdamerinnen, das Stadion auf einer Trage verließ. Teile des aufgebrachten Potsdamer Publikums applaudierten hämisch und beschimpften nach dem Abpfiff Frankfurter Spielerinnen und Funktionäre. „Wir haben nichts dazu beigetragen, dass die Spielerinnen sich verletzt haben. Ich lasse mir daraus aber keinen Strick drehen, dass wir weitergespielt haben“, sagte Frankfurts Trainer Philipp Dahm. „Wir sind auch nicht nach Potsdam gefahren, um irgendwelche Verhältnisse geradezurücken. Dass es so gelaufen ist, ist denkbar ungünstig.“

Vielleicht hätten sich alle doch ein Beispiel am Männerfußball nehmen sollen. Am 13. März 2011 schoben sich beim Zweitligaspiel zwischen Cottbus und Osnabrück (2:0) beide Mannschaften nach der schweren Verletzung von VfL-Stürmer Flamur Kastrati minutenlang die Bälle hin und her, bis die vom Schiedsrichter geforderte Nachspielzeit beendet war. Für ihr faires Verhalten wurden das Cottbuser Publikum und die Energie-Mannschaft vom Verband Deutscher Sportjournalisten mit dem Fairplay-Preis 2011 ausgezeichnet.

In Potsdam wurde eine solche Chance verpasst – weil in den entscheidenden Minuten alle Beteiligten überfordert waren. „Nach außen hin haben wir uns nicht als Liga verkauft, die Fairplay einhält. Ich weiß nicht, warum wir nicht miteinander gesprochen haben“, sagte Schröder. Als das 2:1 für Frankfurt fiel, war es zu spät.

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