U 21 : Das entrückte Weltbild junger Fußballprofis

Ein Grund für die Blamage der deutschen U 21 gegen Portugal könnte überbordendes Selbstvertrauen gewesen sein.

Stefan Osterhaus
Fehlende Dominanz. Matthias Ginter (links) und Emre Can enttäuschten mit der U 21 maßlos beim 0:5 gegen Portugal.
Fehlende Dominanz. Matthias Ginter (links) und Emre Can enttäuschten mit der U 21 maßlos beim 0:5 gegen Portugal.Foto: REUTERS

Am Ende des Abends, dessen Ausgang fast allen, die ihn miterlebt hatten, unbegreiflich erschien, standen zwei Sätze: „Es müssen sich nicht alle, aber einige bei uns hinterfragen, ob ihre Vorbereitung auf dieses EM-Halbfinale so professionell war, wie es erforderlich gewesen wäre. Deutlicher kann ich nicht werden.“ Matthias Ginter, der Dortmunder Verteidiger, hatte dies gesagt nach dem 0:5 gegen die Portugiesen, der höchsten Niederlage in der Geschichte der deutschen U 21.

Waren die Spieler vor dem Halbfinale einen Heben?

Es ist eine wuchtige Aussage. Doch weil Ginter sie nicht präzisierte, wurde schnell etwas hineininterpretiert. Was könnte er gemeint haben? Waren die Jungs am Vorabend in Olmütz schön einen Heben – frei nach der Devise: Wer weiß, ob‘s morgen noch was zu feiern gibt?

"Ich habe gedacht, ich bin der Größte", sagte Emre Can

Nur wenig später trat Emre Can nach überstandener Dopingprobe vor die Journalisten. Was er sagte, brachte etwas Licht in die eigenartig hohe Niederlage des DFB-Teams. Und seine Erklärungen halfen auch zu verstehen, was Ginter da etwas verklausuliert ansprechen wollte. Can hatte nicht gewusst, wie ihm geschah. Schon auf dem Spielfeld hatte er sich ständig im Gesicht herumgetätschelt, sich leicht auf die Wangen geschlagen – als müsse er sich klar machen, was geschieht, als denke er: „Ich bin im falsche Film“, wie Trainer Horst Hrubesch sagte. Deutlich wurde er gegenüber sich selbst: „Vielleicht habe ich vor dem Spiel gedacht, ich bin der Größte. Ich bin zwei Wochen viel gelobt worden.“ Das bekam ihm nicht: „Auch vom Kopf her muss ich wieder auf den Boden kommen. Ich habe heute nicht alles gegeben.“

Portugals Stratege Wiliam Carvalho war einfach brilliant

Es geschieht selten, dass sich ein Spieler öffentlich derart in die Pflicht nimmt. Verdrängen, wegschieben, das ist bei nicht wenigen der Mechanismus, der in solchen Situationen greift.

Auch Joshua Kimmich, den der FC Bayern unter Vertrag genommen hat, übte Kritik: „Jeder Einzelne muss sich fragen, was los war.“

Aber genügt dies als Erklärung für ein solches Ergebnis? Oder steckt noch mehr dahinter? Zum Beispiel der Gegner Portugal, der brillant war – angetrieben von Wiliam Carvalho im Mittelfeld, dem besten Spieler der EM, einem Strategen, wie er jedem Spitzenklub guttun würde.

Am Ende scheiterte die Mannschaft vor allem an Selbstüberschätzung

Can jedenfalls ist öffentlich der Einzige, der mit der ganz persönliche Aufarbeitung begonnen hat. Ginter und Kimmich verstecken sich mit ihrer Kritik im Kollektiv. Doch dass Can gleich auch noch von einem „traurigen Tag für Deutschland“ sprach, darin drückt sich ein weiteres Problem aus: das etwas entrückte Selbst- und Weltbild von jungen Fußballprofis, das auch verursacht wird von Beratern und Vereinen. Solche Grandiositäts-Phantasien sind nicht neu innerhalb der Nationalteams. Zwar meinten manche Kritiker nach dem 0:5, Parallelen zum 1:7-Kollaps der Brasilianer gegen Deutschland bei der WM 2014 gesehen zu haben. Doch weit mehr Gemeinsamkeiten gibt es zum 1:2 der A-Nationalmannschaft bei der EM 2012 gegen Italien im Halbfinale. Auch da wähnte sich eine deutsche Mannschaft bereit für höchste Aufgaben – und scheiterte letztlich nicht nur am eigenen Unvermögen, sondern vor allem an der Selbstüberschätzung.

Vielleicht wird die Niederlage von Olmütz bei manchen Spielern für eine gewisse Erdung sorgen. Um den deutschen Nachwuchs ist es jedenfalls nicht so schlecht bestellt, wie es nach dem 0:5 den Anschein hat: Kürzlich erreichte die U 17 das EM-Finale, bei der U-20-WM war das deutsche Team im Viertelfinale, das Turnier in Tschechien sicherte immerhin die Olympia-Qualifikation, im letzten Jahr wurde die U 19 Europameister. Und nicht jede Generation kann auch unter dem Coach Hrubesch das Potenzial für ein zukünftiges Team von Weltmeistern haben.

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