Sport : Und wer belegt Platz 118?

Die Tischtennis-WM in Dortmund ist ein Turnier für die ganze Welt – also auch für bessere Freizeitspieler aus Sambia, Katar oder Togo.

von
Exotin am Tisch. Rheann Chung aus Trinidad zählt zu den weniger ambitionierten, aber lernbegierigen WM-Teilnehmern. Foto: dapd
Exotin am Tisch. Rheann Chung aus Trinidad zählt zu den weniger ambitionierten, aber lernbegierigen WM-Teilnehmern. Foto: dapdFoto: dapd

Mit seinen 39 Jahren musste sich Martin Chewe noch einmal selbst einwechseln. Eigentlich ist der Buchhalter Sambias Delegationsleiter bei dieser Tischtennis-Weltmeisterschaft, aber was sollte er machen? „Ein Spieler ist verletzt, und der andere hat den Flug verpasst. Im Ersatzflug war nur etwas in der Business-Class frei, das konnten wir uns nicht leisten.“ Gemeinsam mit Friday Ng'andu bildet er jetzt Sambias Nationalteam der Mannschafts-WM in Dortmund. Das Länderspiel gegen Togo ist schon nach 37 Minuten vorbei, Sambia verliert 0:3, und der Schiedsrichter aus Italien fragt etwas vorwurfsvoll, wo denn Sambias dritter Mann sei, schließlich gehören zu einem Team immer drei. „Nicht da“, sagt Chewe und schaut verlegen. Mit milderem Gesichtsausdruck murmelt der Schiedsrichter: „Also schreibe ich kampflos auf.“

In den Dortmunder Westfalenhallen trifft sich gerade fast die ganze Welt. 145 Länder sind angereist und machen diese WM, gemessen an den Nationen, zur größten Hallensportveranstaltung der Erde. 160 Schiedsrichter zählen die Punkte von 850 Spielern. Auf den 36 Tischen werden nicht nur die Weltmeister ermittelt, sondern auch welches der 118 Herrenteams den 118. Platz belegt und welches der 91 Damenteams den 91.

Dieses Großereignis hält selbst der oberste Verantwortliche für erklärungsbedürftig. „Es gibt zwei Arten von Weltmeisterschaften“, sagt Adham Sharara, der Präsident des Internationalen Tischtennis- Verbandes (ITTF). „Bei der einen spielen nur die besten Mannschaften mit wie im Fußball oder Handball.“ Und dann gibt es eben noch die zweite Variante. Da ist die ganze Welt am Start. Wie bei der Leichtathletik, im Schwimmen und eben im Tischtennis. Das kann man altmodisch finden oder charmant, Sharara findet es auf jeden Fall richtig. „Wenn die beste Spielerin aus Katar erst seit fünf Jahren Tischtennis spielt, wollen wir ihr die Möglichkeit bieten, sich mit anderen zu messen.“ Die WM soll sie inspirieren.

Die Spielerinnen aus Katar stehen mit verhülltem Kopf und langer Hose an der Platte, betreut werden sie von einer chinesischen Trainerin. In einer anderen Ecke verlieren gerade die Jamaikanerinnen ihr viertes Spiel hintereinander, diesmal 1:3 gegen Guernsey. Keine der jamaikanischen Nationalspielerinnen wird in der Weltrangliste geführt. In Deutschland würden sie jedoch mindestens in der Oberliga mithalten können. „Wir wollen hier Erfahrungen fürs nächste Mal sammeln“, sagt die Trainerin Sandra Rittie, sie selbst hat schon eine WM erlebt, 1985 in Göteborg als Spielerin. Wie viele Tischtennisspieler es in Jamaika gibt? „Ooch, eine Menge“, sagt Rittie, „bestimmt 800.“ Nach der Begegnung gegen Guernsey stellen sich alle noch für ein Gruppenfoto an den Tisch.

In den Dortmunder Westfalenhallen werden im Grunde zwei Weltmeisterschaften parallel ausgespielt: die für die Besten und die für die anderen. Die Besten dürfen in der großen Halle vorspielen, zwölf Kameras stehen um die vier Tische herum, am Samstag und Sonntag werden ihnen 11 000 Zuschauer zujubeln. Die anderen spielen in der Nebenhalle, eingeteilt sind die Mannschaften in fünf Divisionen. Jede WM ist auch ein Aufstiegs- und Abstiegsturnier. „Ich dachte, dass wir hier gegen Deutschland und China spielen müssen, aber ich finde es gut, dass alles harmonisch aufgeteilt ist“, sagt Sambias Martin Chewe. Seinem Kollegen Ng'andu gelingt gegen Togo ein Satzgewinn, ein Einzel haben sie bei dieser WM noch nicht gewonnen.

Aber sie sind dabei – zum ersten Mal. „Wir haben uns nach den Absagen der beiden Spieler gesagt: Wenn wir diesmal nicht teilnehmen, dann machen wir es nie mehr“, sagt Chewe. In der Satzpause teilt er mit Ng'andu ein bisschen seine Ratlosigkeit, wie sie denn auf das Tempo ihrer Gegenspieler reagieren sollen. „Aber es macht Spaß. Wir müssen auf jeden Fall mehr trainieren“, das wollen sie ihren Mannschaftskollegen gleich nach ihrer Rückkehr sagen. Und sie könnten es fast jedem Tischtennisspieler persönlich sagen, 180 gibt es in Sambia. Wie oft sie in der Woche Tischtennis spielen? „Jeden Samstag“, sagt Ng'andu, und Chewe freut sich: „Zum Glück haben wir heute Abend frei, dann können wir den anderen Mannschaften in der großen Halle zuschauen.“

Beim nächsten Mal könnten auch Mannschaften von der Karibikinsel St. Martin und aus dem Tschad dabei sein. Die Generalversammlung des Internationalen Tischtennis-Verbandes hat beide Verbände am Dienstag aufgenommen, als 216. und 217. Mitglied. Aus Afrika etwa fehlt der ITTF nur noch ein Land, Südsudan, aber diesen Staat gibt es auch erst seit dem vergangenen Jahr. Nur der Volleyballverband bringt es auf mehr Mitglieder, 220 sind es. Als Adham Sharara 1999 zum Präsidenten der ITTF gewählt wurde, waren es noch 171. Einen Wettbewerb wollten sie nicht daraus machen, so viele Mitglieder wie möglich zu haben. „Das ist nicht unser Ziel“, sagt Sharara, aber weltweit verbreiten wollen sie Tischtennis. Dafür spendet die ITTF Tische, Netze, Schläger und Bälle. Außerdem bietet sie Kurse an, für Spieler, für Trainer, für Schiedsrichter, gerade in Ländern mit sozialen Konflikten und Umweltkatastrophen. Der frühere Europameister Peter Karlsson aus Schweden reist dafür nach Burundi und in den Kongo, der ehemalige französische Nationalspieler Christophe Legout kam gerade aus Haiti zurück.

Auch die WM in Dortmund ist eine Tischtennis-Weiterbildung. Sambias Friday Ng'andu, der über ein athletisches Spiel verfügt, will nach elf gespielten Ballwechseln sein Handtuch benutzen. Doch der Schiedsrichter hält ihn ab, erlaubt sei das erst nach zwölf Punkten. Als sein Gegner in der nächsten Pause zum Handtuch greift, fragt Ng'andu den Schiedsrichter vorsichtig: „Darf ich jetzt auch?“

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar