Union verpflichtet Helmut Schulte : Mehr Kompetenz in Köpenick

Helmut Schulte löst beim 1. FC Union Nico Schäfer als Sportlicher Leiter ab. Was verspricht sich der Berliner Zweitligist davon? Eine Analyse.

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Mann für die Lücke. Seit dem Weggang von Christian Beeck hatte Union keinen Sportdirektor mehr. Jetzt übernimmt Schulte.
Mann für die Lücke. Seit dem Weggang von Christian Beeck hatte Union keinen Sportdirektor mehr. Jetzt übernimmt Schulte.Foto: imago/osnapix

Vor einiger Zeit hat sich Helmut Schulte als Buchautor versucht. Eigentlich ging es um seine Erlebnisse beim FC St. Pauli, drei Mal war er in verschiedenen Funktionen beim Hamburger Kiezklub angestellt. Zwischen den Zeilen outete sich der heute 58-jährige als Romantiker, der den Videobeweis ablehnt und den Wandel des Fußballs vom Sport zum reinen Geschäft kritisierte. Ironischerweise hat Schulte, der ehemalige Trainer, seit Erscheinen des Buches im Zusammenhang mit Fußball nur noch Zahlen und Bilanzen gewälzt. Als Sportdirektor arbeitete er für Rapid Wien und als Sportvorstand für Fortuna Düsseldorf, nun übernimmt er ab dem 1. Februar in gleicher Funktion beim Berliner Zweitligisten 1. FC Union. Oder wie es offiziell heißt: Als Leiter der Lizenzspieler-Abteilung. Schulte folgt auf Nico Schäfer, der Union zum 31. Januar auf eigenen Wunsch hin verlässt.

Unions Präsident Dirk Zingler sagt über Schulte: „Mit ihm stellen wir Sascha Lewandowski einen erfahrenen Manager zur Seite, der auch die Bereiche Scouting und Kaderplanung entwickeln und verantworten wird.“ Beide, der Manager und der Trainer, hätten den Auftrag, Union sportlich voran zu bringen. Das ist auch dringend nötig, die Berliner überwinterten nach einer enttäuschenden ersten Halbserie auf dem 13. Tabellenplatz.

Durch die Verpflichtung Schultes besetzt Union eine lange vakante Position. Seit der Trennung von Christian Beeck 2011 hatte der Verein auf einen reinen Sportdirektor, wie ihn die meisten anderen Profiklubs beschäftigen, verzichtet. Ging es um Personalien und Kaderplanung, waren es in der jüngeren Vergangenheit die Trainer beim 1. FC Union, die über sehr viel Einfluss verfügten. Uwe Neuhaus, der autoritäre Fußballlehrer, ließ sich nicht gern in seine Aufgaben reinreden. Dazu gehörte seinem Verständnis nach auch die Personalplanung. Der Verein, nach den Querelen zwischen Neuhaus und Beeck um ein ruhiges Binnenklima bemüht, übertrug Neuhaus immer mehr Verantwortung. Kurz vor seiner Entlassung war er Trainer und Sportdirektor in einer Person.

Sein Nachfolger Norbert Düwel erbte die Kompetenzen seines Vorgängers und durfte sich während seiner Amtszeit einen Kader nach eigenen Wünschen zusammenstellen. Die negativen Auswirkungen zeigten sich beim Trainerwechsel von Düwel zu Sascha Lewandowski. Der Neue, der einen offensiveren Fußball und eine andere Grundordnung als sein Vorgänger bevorzugt, fand für seine Ideen kaum Personal vor, weil der Kader sehr eindimensional zusammengestellt war. Lewandowski hatte vor den Weihnachtsferien latent seinen Unmut darüber geäußert, dass er sich in bisher nicht gekanntem Ausmaß mit Personalfragen beschäftigen müsse. Aus Leverkusen war er es gewohnt, Spieler vom Management vorgesetzt zu bekommen, die seinen Vorstellungen entsprachen.

Auch im Verein war zuletzt intern Unmut aufgekommen über die eigene Personalpolitik. Zu viele Transfers in den vergangenen Jahren gingen daneben. Viel Masse, wenig Klasse – so kaufte Union ein. Besonders eklatant ist die jüngste Bilanz. Von den neun Zugängen aus dem Sommer 2015 brachten es nur zwei dauerhaft zum Stammspieler. Erst am Sonntag war der Vertrag mit Bajram Nebihi aufgelöst worden, einem Neuzugang aus der Saison 2014/15. Der Stürmer hatte in elf Spielen nur ein Tor erzielt, ab sofort spielt er für die Stuttgarter Kickers in der Dritten Liga. Vertragsauflösungen gab es auch in der vergangenen Winterpause, damals verließen Baris Özbek und Adam Nemec ohne Gegenwert den Verein. Transfererlöse erwirtschaftete der Berliner Klub zuletzt kaum.

Helmut Schulte soll das nun ändern. Er verfügt über jahrzehntelange Erfahrung im Fußballgeschäft und durch seine Zeit beim FC Schalke und FC St. Pauli auch über ein Gespür für die Befindlichkeiten von Traditionsklubs wie dem 1. FC Union. Und, beinahe noch wichtiger: Schulte kennt viele Leute im Fußball, er verfügt über Kontakte. Etwas, das Union zuletzt abging. Sein jüngstes Engagement verlief allerdings wenig erfolgreich. Als Sportvorstand wurde er im vergangenen Mai bei Fortuna Düsseldorf von seinen Aufgaben entbunden. Die Mechanismen des Fußballgeschäfts hatten den Romantiker Schulte eingeholt.