• Unser Blog zum 15. Spieltag der Fußball-Bundesliga: Hertha BSC: Ist das schon was Ernstes?
Update

Unser Blog zum 15. Spieltag der Fußball-Bundesliga : Hertha BSC: Ist das schon was Ernstes?

Außerdem in unserem Blog: Frankfurts Fans randalieren, Andre Schubert emanzipiert sich von Lucien Favre. Und die Bayern sind doch bezwingbar.

von
Berliner Polonäse. Hertha feiert Vladimir Darida, den Torschützen zum 1:0 gegen Leverkusen.
Berliner Polonäse. Hertha feiert Vladimir Darida, den Torschützen zum 1:0 gegen Leverkusen.Foto: dpa

Die Überraschung der Saison. An normalen Wochenenden (also an allen, an denen die Bayern nicht verlieren) wäre Hertha BSC am Samstag vermutlich als der große Gewinner des Spieltags gefeiert worden. Ungeachtet des nicht zu erwartenden Höhenfluges von Borussia Mönchengladbach (die aber schon in der Vorsaison Dritter waren) sind die Berliner aktuell die größte Überraschung der laufenden Bundesliga-Saison: vom Fast-Absteiger auf Platz vier, der am Ende der Saison zur Teilnahme an den Play-offs zur Champions League berechtigen würde.

Am Ende der Saison, wohlgemerkt, und da sind wir noch lange nicht angelangt. Uns, den Medien, wird ja schon wieder unbotmäßige Stimmungsmache, das Schüren unrealistischer Europapokalhoffnungen unterstellt (z. B. vom User Tutengesang in seinem Kommentar zu folgendem Artikel). Tatsache ist aber, dass Herthas Fans am Samstag nach dem Heimsieg gegen Bayer Leverkusen ganz von alleine vom Europapokal gesungen haben - ohne von uns dazu angestachelt worden zu sein.

Platz vier nach 15 Spieltagen ist mehr als beachtlich, wenn man bedenkt, wo Hertha herkommt. 26 Punkte sind es ebenfalls. (Dafür haben die Berliner in der vergangenen Saison 25 Spieltage gebraucht.) Für die „Berliner Morgenpost“ ist das jedenfalls „mehr als nur eine Momentaufnahme“. Dass sie bei Hertha trotzdem schön bescheiden bleiben, ist nicht die schlechteste Nachricht. Kapitän Fabian Lustenberger hat das am Samstag unter anderem mit schlechten Erfahrungen aus der Vergangenheit begründet. In der Saison 2013/14, nach der Rückkehr in die Bundesliga, war Hertha zur Winterpause mit 28 Punkten Sechster – in der Rückrunde kamen allerdings nur noch 13 Punkte hinzu, sodass am Ende Rang elf heraussprang (was gemessen an der Ausgangsposition auch in dieser Saison ein respektables Ergebnis wäre).

Trotzdem: Angesichts des herausragenden Tabellenplatzes darf man ruhig mal die Frage stellen: Ist das jetzt schon was Ernstes? Immerhin hat Hertha am Wochenende erstmals in dieser Saison einen Großen geschlagen, auch wenn der nach der Niederlage eigentlich schon kein Großer mehr ist. Noch immer fehlt den Berlinern ein Sieg gegen eine Mannschaft, die in der Tabelle vor ihnen platziert ist. Da es inzwischen aber nicht mehr allzu viele Mannschaften gibt, die noch vor ihnen liegen, ist dieser Makel nicht mehr ganz so dramatisch.

Schwarzes Wochenende für die Werksklubs

Die Crux der Werksklubs. Aus meiner langjährigen Erfahrung als Berichterstatter über Hertha BSC weiß ich, dass man Dieter Hoeneß eigentlich nicht widersprechen darf. Aber seine Einschätzung zu Bayer Leverkusen kann ich, gerade nach Bayers Auftritt in Berlin am vergangenen Wochenende, nicht teilen. Der frühere Hertha-Manager schreibt in der aktuellen Ausgabe des „Kickers“ vor dem Spiel der Leverkusener gegen den Titelverteidiger FC Barcelona in der Champions Leauge: „Dieser hochtalentierten Bayer-Mannschaft gehört die Zukunft.“

Mir kommt diese Aussage bekannt vor. Kann es sein, dass man so ungefähr jeder Bayer-Mannschaft der vergangenen zehn Jahre eine große Zukunft prophezeit hat, die dann leider nie eingetreten ist? Für „Zeit online“ war Leverkusen am vergangenen Wochenende „der Underperformer der Liga“. Und weiter: „Mit einem Kader, nach dem sich 15 der 17 anderen Bundesligatrainer die Finger lecken würden, springt für die Mannen von Roger Schmidt derzeit nur Platz acht raus.“

Die Wolfsburger kassierten gegen Dortmund in letzter Minute den Treffer zum 1:2
Die Wolfsburger kassierten gegen Dortmund in letzter Minute den Treffer zum 1:2Foto: dpa

Es war – wenige Tage, nachdem der FC St. Pauli seinen Antrag zur Neuverteilung des Fernsehgeldes zurückgezogen hat – ohnehin kein gutes Wochenende für die Werksklubs. Die TSG Hoffenheim hat sich auf dem letzten Tabellenplatz häuslich eingerichtet, wenngleich sie mit einem Tor in letzter Minute zumindest noch Schlimmeres verhindert hat. Leverkusen ist vom sechsten auf den achten Tabellenplatz zurückgefallen und hat sich erst einmal aus dem Kampf um die Champions-League-Qualifikation verabschiedet. Und der VfL Wolfsburg ist durch ein Gegentor in der Nachspielzeit von Rang drei auf fünf gestürzt - was den „Kicker“ zu der Kritik veranlasst hat, dass der VfL eine Mannschaft hat, „die in regelmäßigen Abständen den Eindruck erweckt, dass sie zu schnell zufrieden ist“.

Suche: Wolfsburg. Tausche: Leverkusen. Suche: Leverkusen. Tausche: Hoffenheim. Suche: Hoffenheim. Tausche: Wolfsburg. Schon vor zwei Wochen habe ich in diesem Blog auf die speziellen emotionalen Defitzite der Werksklubs hingeiesen, und es freut mich natürlich, dass der geschätzte Kollege Philipp Selldorf sich heute dieser Frage im montäglichen Bundesliga-Kommentar der „Süddeutschen Zeitung“ annimmt: „Traditionsklubs werden durch die schwankenden Gefühle ihrer Fan-Tribünen oft schwer belastet – doch es gibt eben auch den Verdacht, dass das Personal der Betriebsvereine emotional unterfordert wird.“

Als Spieler in Schalke, Köln, Gladbach, Dortmund, Hamburg spürt man vermutlich, welche Bedeutung der Klub und sein Abschneiden für eine ganze Stadt haben kann. In Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim - so behaupte ich einfach mal - spürt er das nicht. Kein Wunder, wenn das zu der Einstellung führt: Ist doch alles nicht so dramatisch.

Eintracht Frankfurt: Grüße vom Randalemeister

Burn, Banner, burn. Es kommt selten vor, dass ich Fußballprofis für ihre Profession bedaure. Am Sonntagabend hat es einen dieser seltenen Fälle gegeben - als ich Bilder vom Hessen-Derby zwischen Eintracht Frankfurt und Darmstadt 98 gesehen haben. Nach dem Schlusspfiff hatten sich einige Frankfurter Spieler vor der Kurve eingefunden, um mit ihren aufgebrachten Fans zu diskutieren. Was mich irritiert hat, war, dass einige der Anhänger ihre Gesichter vermummt hatten wie Bankräuber. Aber so was muss man als Profi vermutlich ertragen. Der Kunde ist König, selbst wenn der König sich wie ein Penner benimmt.

Herrschaftsfreier Diskurs. Guck mich wenigstens an, wenn du mit mir sprichst!
Herrschaftsfreier Diskurs. Guck mich wenigstens an, wenn du mit mir sprichst!Foto: dpa

Während des Spiels hatten die Frankfurter Anhänger, die ohnehin nicht im besten Ruf stehen, offenbar widerrechtlich angeeignete Banner der Darmstädter verbrannt. So etwas gehört bei den Eintracht-Fans offenbar zur Folklore. Ich meine, etwas Ähnliches auch beim jüngsten Heimspiel der Frankfurter gegen Borussia Mönchengladbach gesehen zu haben. In der kruden Ultra-Logik ist das so etwas wie eine nicht hinnehmbare, da öffentliche Erniedrigung. Von mir aus dürfen die Frankfurter gerne Schals, Fahnen und Banner meines Klubs verbrennen, wenn mein Klub dafür verlässlich gegen die Frankfurter gewinnt – was ja zur Zeit bei den meisten Klubs so ist. Wenn das mit der Eintracht so weitergeht wie im Moment, kommen ja schon nächste Saison auch die Anhänger vom SV Sandhausen oder des 1. FC Heidenheim in den zweifelhaften Genuss, dass ihre Fanutensilien von den Frankfurtern verbrannt werden.

Die Deutsche Presseagentur berichtet, dass es nach dem Spiel auch außerhalb des Stadions zu Auseinandersetzungen gekommen sei. Nach Angaben der Polizei versuchten gewaltbereite Frankfurter Fans, eine Gruppe von Darmstädter Anhängern zu attackieren, die sich gerade auf dem Weg zur S-Bahn befand. Ein massives Polizeiaufgebot konnte verhindern, dass beide Fangruppen aufeinandertrafen.

„Ich bedauere das sehr und das ist nicht im Sinne von Eintracht Frankfurt“, sagte Vorstandschef Heribert Bruchhagen dem TV-Sender „Sky“. Als Konsequenz forderte er: „Der Dialog ist unverzichtbar. Wir müssen immer wieder an die appellieren, die Vernunft zeigen und den Fußball lieben.“ Er kenne „keine andere Möglichkeit, als intensiv durch Gespräche auf die Fans einzuwirken. Drakonische Strafen haben in der Vergangenheit zu keiner Veränderung geführt. Wir müssen an die Mehrheit appellieren, dass sich die Vernunft durchsetzt.“

Vielleicht sollte Bruchhagen erst einmal den Dialog mit seinem Präsidenten Peter Fischer suchen. Der wird im „Kicker“ wie folgt zitiert: „Das sind Dinge, die muss man ein Stück weit akzeptieren, und da muss man auch Fankultur akzeptieren. Die ist eben nun mal so, die ist nicht aerodynamisch und angepasst. Wenn wir schon eine Fankultur und Fankurve haben, die wir seit 1899 abfeiern, und das auch mit Recht, dann verstehe ich, dass dort bei so unglaublich viel Frust und Leidenschaft irgendwo etwas passiert. Bevor die hingehen und irgendwelche anderen Leute prügeln, können die von mir aus auch ein Banner verbrennen. Irgendwo gibt es auch Ventile, das kann ich verstehen. Wie sollen die ihren Frust loslassen?"

Andre Schubert emanzipiert sich von Lucien Favre

Glänzende Zahlen. Die Schubert-Tabelle ist jetzt nicht mehr nur etwas für Liebhaber und Freaks, die den „Kicker“ Montag für Montag auswendig lernen. Die Schubert-Tabelle ist jetzt im Mainstream angekommen und damit salonfähig. An diesem Montag hat sie es sogar auf die erste Sportseite der hochseriösen „Süddeutschen Zeitung“ geschafft. Die Schubert-Tabelle berücksichtigt nur jene Spieltage, seitdem Andre Schubert Trainer von Borussia Mönchengladbach ist, und sie führt die Gladbacher seit Samstag wieder auf Platz eins.

In zehn Bundesligaspielen ist Schubert immer noch ungeschlagen. Mit 26 Punkten ist er sogar besser gestartet als Pep Guardiola, der vor zweieinhalb Jahren auf 25 Punkte aus zehn Spielen kam. Die Zahlen der Gladbacher sind beeindruckend. Nur ein Pflichtspiel haben sie unter ihren einstiegen Interimstrainer Schubert verloren. Das war das dritte seiner Amtszeit, in der Champions League gegen Manchester City, das die Engländer durch einen Elfmeter in der Schlussminute für sich entschieden. Seit nunmehr zwölf Spielen sind die Gladbacher ungeschlagen. In den fünf größten Ligen Europas können nur zwei Mannschaften eine längere Serie vorweisen (mit Dank an Jannik Sorgatz von der „Rheinischen Post“, den Statistik-Papst in Sachen Borussia Mönchengladbach): Paris Saint-Germain (17 Spiele) und Tottenham Hotspur (14).

Applaus, Applaus. Andre Schubert hat Borussia Mönchengladbach von Platz 18 auf 3 geführt.
Applaus, Applaus. Andre Schubert hat Borussia Mönchengladbach von Platz 18 auf 3 geführt.Foto: dpa

Schuberts Meisterstück. Die Kabine einer Fußball-Mannschaft zählt zu den immer noch unerforschten Territorien dieser Erde. Vor zwei Wochen, nach dem Spiel bei Hertha BSC, wurde Huub Stevens gefragt, was er seiner Mannschaft denn in der Pause mitgegeben habe, woraufhin der knurrige Kerkrader den Journalisten anblaffte, dass er das natürlich nicht verraten werden, denn: Die Kabine ist heilig. Zum Glück sind nicht alle Trainer päpstlicher als der Papst. Andre Schubert, der Trainer von Borussia Mönchengladbach, hat am Samstag vergleichsweise ausschweifend die Geheimnisse aus der Kabine preisgegeben, was möglicherweise daran gelegen hat, dass Schubert nach dem Sieg gegen die Bayern ausgesprochen gute Laune hatte.

Überraschenderweise muss es in der Pause des Spiels bei den Gladbachern zugegangen sein wie in einem Debattierklub. Schubert hatte den Platz nach der ersten Halbzeit in der festen Überzeugung verlassen, dass er das System in der zweiten Halbzeit ändern müsse. Seine Mannschaft aber überzeugte ihn vom Gegenteil. Es blieb beim ungewohnten 3-5-2, das die Mannschaft nach Aussage von Oscar Wendt unter der Woche mehr in der Theorie als in der Praxis einstudiert hatte. „Die Spieler haben selber gesagt, dass es passt, dass sie es hinkriegen und nur hier und da etwas einen Tick anders machen müssen“, hat Schubert hinterher berichtet.

So viel Basisdemokratie im Fußball ist selten. Jürgen Klopp zum Beispiel ist jemand, der qua Kompetenz und Wissen sklavisch auf seiner Richtlinienkompetenz beharrt. „Ich spreche viel mit meinen Spielern“, sagt er, „aber ich beziehe sie nicht wahnsinnig oft in Entscheidungen ein.“ Das, was am Samstag in Mönchengladbach passiert ist, wäre auch in Mönchengladbach noch vor drei Monaten undenkbar gewesen. Oder kann sich jemand ernsthaft vorstellen, dass Lucien Favre mit Granit Xhaka und Julian Korb diskutiert, mit welchem System man am besten spielt?

Mit dem Sieg gegen die Bayern hat sich Schubert endgültig von seinem übergroßen Vorgänger Lucien Favre emanzipiert. Die Borussia als konstanten Europacupanwärter und -teilnehmer würde es ohne den Schweizer und sein segensreiches Wirken nicht geben. Das hat niemand in Mönchengladbach vergessen. Auch nicht, dass die Borussia immer noch von Favres Arbeit, dass die Grundlage ihres Spiels von Favre gelegt wurde. Aber spätestens mit dem Erfolg der Mannschaft gegen die angeblich unschlagbaren Bayern hat Schubert bewiesen, dass er mehr ist als ein Nachlassverwalter. Seine taktische Herangehensweise gegen die Münchner zeugte von einer klugen Idee und war ein weiterer Beleg dafür, dass der Aufschwung des Teams von Platz 18 bei Favres Rücktritt auf Platz 3 nicht allein auf die Macht der Motivation zurückzuführen ist, wie es Schubert in den ersten Wochen seiner Amtszeit noch unterstellt wurde. Dem Bundesligadebütanten waren auch in den vergangenen Wochen schon ein paar erfolgreiche taktische Kniffe gelungen; das Spiel der Gladbacher verfügt inzwischen über eine Variabilität, die es unter Favre noch nicht gegeben hat. Der Sieg gegen die Bayern war nun so etwas wie Schuberts bisheriges Meisterstück. „Gladbachs Cheftrainer Schubert sorgte mit seiner Taktik für Konfusion beim Gegner. Das ist ansonsten eine Spezialität der Bayern“, schrieb Taktikexperte Constantin Eckner von Spielverlagerung.de. Die „FAZ“ sah „ein Kunststück, das von taktischer Intelligenz und von Chuzpe zeugt“. Und weiter: „Auch ohne das Gehabe eines besessenen Taktikers schickt Schubert sich an, die Mannschaft weiterzuentwickeln, ihr neue Wege aufzuzeigen, ohne die Grundlagen seinem Innovationsgeist zu opfern.“

Lucien Favre war einer dieser besessenen Taktiker, ein Entwickler und Bessermacher, aber auch, wie „Zeit online“ schreibt, ein Defensivfundamentalist. Und das in jeder Hinsicht. Schubert hat die Zügel gelockert, seine Mannschaft spielt offensiver, sie attackiert höher. Natürlich geht das zu Lasten der defensiven Stabilität, für die die Mannschaft unter Favre bekannt war. In erträglichem Rahmen allerdings. In den zehn Bundesligaspielen unter Schubert haben die Gladbacher elf Gegentore kassiert. Weniger waren es im selben Zeitraum nur bei den Bayern und dem 1. FC Köln.

Bayern in der Krise - Ist Guardiola noch zu halten?

Ein bisschen Poesie für die Liga. Ach, könnte man doch so schön formulieren wie „Zeit online“! Die Kollegen von gegenüber haben über die erste Niederlage der Bayern geschrieben: „Stellen Sie sich einen langen, harten Winter vor, und nach eisigen Monaten reißen Sie am ersten Frühlingstag die Fenster auf und lassen die Sonnenstrahlen rein.“

Die Frage, die den geplagten Fußball-Fan beschäftigt, ist nun, ob die Niederlage der Bayern ein singuläres Ereignis bleiben oder ob die Liga in Zukunft selbst in dunkler Zeit häufiger von Frühlingsgefühlen übermannt werden wird. Kann man von den Gladbachern lernen, wie den Bayern beizukommen ist? Zuvor war es in dieser Saison allein Eintracht Frankfurt gelungen, nicht gegen die Bayern zu verlieren. Mit einer extrem defensiven Herangehensweise, die allen minderbemittelten Bayern-Gegnern bisher als einzig gangbarer Weg erschienen war. Auch Hertha BSC, immerhin im oberen Tabellendrittel verortet, hat es vor einer Woche auf eine ähnliche Weise versucht, ein achtbares Ergebnis erzielt - und sich einen heftigen Rüffel des Fachblattes „Kicker“ eingehandelt („Herthas kläglicher Plan geht sogar auf“). Wenn man Glück hat, funktioniert es mit der Zehnerkette rund um den eigenen Strafraum, in der Regel aber finden die Bayern irgendwann einen Weg durch das Dickicht.

Pep Guardiola ist ein Kontrollfreak, der Kern der bayrischen Dominanz ist demnach Kontrolle. Kontrolle im Mittelfeld und damit Kontrolle über das ganze Spiel. Wer sich vor dem eigenen Strafraum verschanzt und das Mittelfeld kampflos freigibt, überlässt den Bayern von vornherein die Kontrolle und wird ihnen niemals gefährlich werden können. Das haben die Gladbacher nicht getan. Sie haben die Münchner im Mittelfeld attackiert und beschäftigt. Sie „verharrten nicht mit fünf Mann auf einer Linie, wie es andere Teams zuletzt versuchten“, erklärt der Taktikexperte Constantin Eckner von Spielverlagerung.de. „Vielmehr wollten sie ständig den Druck aufrechterhalten und nicht ängstlich auf die heranstürmenden Bayern warten.“ Die „FAZ“ schreibt: „Wer es schafft, mit Tempo und ausreichend Angriffspersonal in den Raum hinter der Abwehrkette einzudringen, kann auf fette Beute zumindest hoffen.“ Wer sich mit alle Mann am eigenen Strafraum verschanzt, wird diesen Raum allenfalls mit dem Fernglas erkennen kann.

Natürlich braucht man auch mit der offensiveren Herangehensweise gegen die Bayern eine Menge Glück, wie es die Borussia in der ersten Halbzeit hatte; aber ein erfolgreiches Abschneiden gegen die Übermannschaft auf München ist in diesem Fall zumindest nicht allein vom Zufall abhängig.

Was will Pep Guardiola seinen Spielern mit dieser Geste sagen? Dass sie besser Klavierspieler statt Fußballspielern geworden wären?
Was will Pep Guardiola seinen Spielern mit dieser Geste sagen? Dass sie besser Klavierspieler statt Fußballspielern geworden...Foto: dpa

Der Verfall hat eingesetzt. Nach dem letzten Spieltag, kurz vor Weihnachten, soll es das entscheidende Gespräch geben. Dann werden sich die Granden des FC Bayern mit Pep Guardiola, dem Grandseigneur auf der Trainerbank, zusammensetzen und darüber beraten, ob es eine Fortsetzung ihrer Zusammenarbeit über den Sommer hinaus geben wird. Nach dem letzten Wochenende muss man natürlich die Frage stellen, ob das überhaupt noch sinnvoll wäre, ob wir nicht am Samstag, beim 1:3 der Bayern in Mönchengladbach, eine Art Götterdämmerung erlebt haben.

Die Göttlichen, die Unbesiegbaren, die Allerbesten, die Außergalaktischen – sie haben einfach mal: verloren. Okay, es war gegen Borussia Mönchengladbach, den Tüv-zertifizierten Angstgegner der Bayern. Die Gladbacher waren die einzige Mannschaft, gegen die Guardiolas Team in der vergangenen Saison kein einziges Tor gelungen ist; die Gladbacher sind auch die einzige Mannschaft der Bundesliga, gegen die Guardiola in seiner goldumrandeten Amtszeit keine positive, sondern nur eine exakt ausgeglichene Bilanz hat. Bayern und Borussia haben je ein Spiel 3:1 gewonnen, eins 2:0, und das fünfte endete 0:0.

Trotzdem (und gemäß dem ehernen Grundsatz: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast): Man muss schon blind sein, um die Anzeichen des Niedergangs bei den Bayern nicht zu erkennen. Der Trend spricht eindeutig gegen Guardiola, der Verfall ist auch mit Zahlen zu belegen. Nur einmal hat seine Mannschaft in der Bundesliga mehr als drei Gegentore kassiert, das war zu Beginn des Jahres, beim 1:4 in Wolfsburg. Drei Tore gegen die Bayern schafften in der Bundesliga sonst nur Hoffenheim und Dortmund, allerdings zu einem Zeitpunkt, als die Münchner bereits als Deutscher Meister feststanden und sich für höhere Aufgaben in der Champions League schonen wollten.

Nie zuvor unter Guardiola kassierten die Bayern so früh ihre erste Saisonniederlage. In seinem ersten Jahr blieb die Mannschaft 28 Spieltage ungeschlagen, im zweiten immerhin noch 17 – und diesmal nur noch lächerliche 14. Zum selben Zeitpunkt hatten die Bayern vor einem Jahr schon neun Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten, jetzt sind es nur fünf.

Okay, jetzt mal wieder ernsthaft: Die Diskussion, ob es wirklich noch mal spannend wird in dieser Bundesliga-Saison, ist mir immer noch zu blöd. Nur fünf Punkte Rückstand der Dortmunder hatten wir vor ein paar Wochen schon einmal, alles frohlockte: Da geht doch was! Dann verlor der BVB sein nächstes Spiel, schon waren es wieder acht Punkte - und die Dominanz der Bayern auf Jahrhunderte zementiert.

Für wie dramatisch die Bayern selbst ihre Krise halten, dokumentiert die Aussage ihres Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge bei einer internen Weihnachtsfeier am vergangenen Wochenende: „Ich spüre das: Wir haben eine Chance, in diesem Jahr alles zu packen. Wir haben eine Chance!“

Also: Was sind schon ein paar Zahlen gegen Rummenigges Macht der Gefühle?

6 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben