US Open : Novak Djokovic: Therapie auf dem Platz

Der Weltranglisten-Erste quält sich durch die Saison. Novak Djokovic muss bei den US Open seine sportliche, gesundheitliche und private Krise überwinden.

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Kein Jahr für große Sprünge. Novak Djokovic quält sich durch die aktuelle Saison. In Wimbledon und bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro schied der Weltranglistenerste früh aus, in New York will er seinen Titel unbedingt verteidigen.
Kein Jahr für große Sprünge. Novak Djokovic quält sich durch die aktuelle Saison. In Wimbledon und bei den Olympischen Spielen in...Foto: AFP

Boris Becker ist stets darauf bedacht, sein Pokerface zu bewahren, wenn er als Coach auf der Tribüne sitzt. Doch am Montagabend im Arthur-Ashe-Stadium fiel es dem 48-jährigen Deutschen sichtlich schwer, seine wahren Gefühle zu verbergen. Becker knibbelte stetig an seinen Fingern, hibbelte unruhig auf seinem Sitz herum. Die Anspannung wich den ganzen Abend nicht aus seinem Gesicht. Dass sein Schützling Novak Djokovic nicht in bester Verfassung zum letzten Grand Slam der Saison angereist war, hatte längst die Runde gemacht. Doch bei der Auftaktpartie des serbischen Weltranglistenersten waren die Probleme unübersehbar geworden. Und sie hinterließen Zweifel daran, ob Djokovic seine Krise der vergangenen Wochen in New York tatsächlich noch überwinden kann, damit ihm die Titelverteidigung bei den US Open gelingt.

„Ich denke nicht, dass es nötig ist, jetzt darüber zu reden. Ich nehme alles Tag für Tag“, stellte Djokovic noch auf dem Platz fest, nachdem er den Polen Jerzy Janowicz mit 6:3, 5:7, 6:2 und 6:1 am Ende recht souverän geschlagen hatte. Doch die Frage nach seinem Fitnesszustand stellte sich. Bereits nach fünf Spielen ließ sich Djokovic minutenlang am rechten Arm behandeln. „Das war nur eine Vorsichtsmaßnahme, alles ist gut“, sagte der 29-jährige Serbe später knapp. Doch danach sah es während seiner Partie überhaupt nicht aus. Djokovic schlug im Schnitt mit 40 km/h weniger auf als gewöhnlich, seine zweiten Aufschläge waren bessere Einwürfe. Immer wieder verzog Djokovic dabei das Gesicht, schüttelte seinen Arm. Das tat er auch, nachdem er durch einen Vorhandfehler den zweiten Durchgang abgegeben hatte. Einen Satz in der ersten Runde eines Grand-Slam-Turniers hatte der Serbe zuletzt im Jahr 2010 verloren.

Plötzlich gibt Djokovic sich offen

Doch von der Dominanz, mit der Djokovic noch bis Juli dieses Jahres die Gegner reihenweise wie Amateure aussehen ließ, ist derzeit nichts mehr geblieben. Und der zwölfmalige Major-Champion hatte in dieser Auftaktrunde wohl auch ein bisschen Glück, dass der ehemalige Top-20-Spieler und gewaltige Aufschläger aus Polen erst seit kurzem nach sechsmonatiger Verletzungspause auf die Tour zurückgekehrt und längst nicht in Bestform ist. Sonst wäre das Aus für Djokovic wohl so schnell gekommen wie bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Dort hatte ihn eine Verletzung am linken Handgelenk behindert, wegen der Djokovic danach für das Masters-Turnier in Cincinnati absagte. In New York unterbrach Djokovic mehrfach sein Training, ließ sich einmal sogar direkt auf dem Platz mit Elektrotherapie behandeln. Ob es Taktik war, seine Malaise so zur Schau zu stellen, wo er sonst strikte Geheimniskrämerei betreibt, sei dahingestellt. Zumindest die Verletzung am rechten Arm ist Beobachtern neu gewesen.

Wie auch die plötzliche Offenheit des Serben, über die Hintergründe für sein frühes Ausscheiden in der dritten Runde von Wimbledon Auskunft zu geben. Vielleicht hatte Djokovic auch schlicht kapituliert, denn die Katze ist längst aus dem Sack: Djokovic hatte handfeste Eheprobleme. Seine Gattin Jelena soll sogar gedroht haben, ihn mitsamt des gemeinsamen Sohnes zu verlassen. „Alles ist wieder in Ordnung“, betonte Djokovic nun, „wir haben doch alle unsere privaten Probleme. Es passierte während Wimbledon, aber das ist geklärt. Das Leben geht weiter.“

Becker selbst hatte noch in Wimbledon weitere Spekulationen über Djokovics Formkrise ins Spiel gebracht. „Novak hat seinen Sieg in Paris ein bisschen zu sehr genossen“, meinte Becker. Manchmal müsse man aber nun einmal „ein harter Kerl“ sein. Wie hart Djokovic ist, wird sich schon in der nächsten Runde gegen Jiri Vesely zeigen. Der Tscheche konnte Djokovic im April in Monte Carlo bezwingen. „Nach allem, was ich in den letzten Wochen durchgemacht habe, kann ich nur sagen: Jeder Tag stellt uns vor Herausforderungen, die wir akzeptieren und überwinden müssen“, sagte Djokovic. In New York wird sich zeigen, ob der Serbe allen Herausforderungen derzeit gewachsen ist.

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