Velothon und Mecklenburger Seen Runde : Kollision der Jedermann-Radrennen

Jedermann-Radrennen wie der Berliner Velothon und die Mecklenburger Seen Runde liegen im Trend – in diesem Jahr kommen sich die beiden Veranstaltungen allerdings in die Quere.

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Die erste Runde ging auf sie. Starter der ersten Auflage des Radrennens in Mecklenburg.
Die erste Runde ging auf sie. Starter der ersten Auflage des Radrennens in Mecklenburg.Foto: promo/Florian Selig

Jöran Hill teilt seine Leidenschaft mit immer mehr Menschen. Der 51-Jährige fährt Radrennen. Aus Spaß, und weil er ehrgeizig ist. Hill gehört zur wachsenden Klientel der Jedermann-Radler. „Das hat sich bei mir zu einer regelrechten Sucht entwickelt. Dabei fahre ich erst seit gut zehn Jahren Rennrad“, sagt er. Inzwischen sitzt der Neustrelitzer 15 000 Kilometer im Jahr im Sattel, hat an beinahe allen großen Jedermann-Rennen teilgenommen und darf sich inoffizieller Zeitfahr-Weltmeister der Über-50-Jährigen nennen. Doch in diesem Jahr hat er ein Problem. Zwei der größten Jedermann-Rennen in seinem Einzugsgebiet finden praktisch zeitgleich statt. Am 29. und 30. Mai wird zum zweiten Mal die Mecklenburger Seen Runde (MSR) ausgetragen, am selben Wochenende steigt in Berlin der Velothon. „Das ist ärgerlich“, sagt Hill. Und auch die Organisatoren der beiden Rennen hätten die Kollision gern verhindert.

Weil die Berliner nicht nur ein Rennen für Jedermänner organisieren, sondern auch ein Profi-Event, „mussten wir uns an die Vorgaben der UCI halten“, sagt Reinald Achilles, Pressechef des Velothon. Der Radsport-Weltverband habe den Termin so festgelegt, „auch wenn wir versucht haben, noch andere Optionen abzuklopfen“, erklärt Achilles. Doch aufgrund der ohnehin vielen Veranstaltungen in Berlin hätte es letztlich keine Alternative gegeben. „Ich bedaure, dass es so gekommen ist“, sagt Detlef Koepke. Der Initiator der Mecklenburger Seen Runde stand in regem Kontakt mit seinen Kollegen aus Berlin, weiß aber: „Nur wenn der Velothon so wie wir ausschließlich eine Jedermann-Veranstaltung wäre, hätten wir das noch gemeinsam lösen können.“ Auf die Topfahrer aus aller Welt will man in Berlin aber nicht verzichten. „Das Profirennen tut uns gut, auch um international bekannter zu werden“, sagt Achilles. Derlei Ambitionen hegen die Mecklenburger laut Koepke nicht. „Die MSR ist durch und durch olympisch. Dabei sein ist hier wirklich alles.“

Bei der Mecklenburger Seen Runde legen die Fahrer 300 Kilometer zurück

Tatsächlich unterscheiden sich die beiden Veranstaltungen bei näherer Betrachtung erheblich. Hier das Großevent inmitten der Stadt mit 60 beziehungsweise 120 Kilometer Streckenlänge und etwa 12 000 Teilnehmern. Dort das an die weltberühmte schwedische Vätternrundan angelehnte Langstrecken-Event über 300 Kilometer, in dem bewusst auf Ergebnislisten verzichtet wird. Jöran Hill ist beide Rennen gefahren: „Die Stimmung an der Strecke in Berlin ist wahnsinnig. Die Zuschauer gehen toll mit, man fühlt sich wie bei einem Profirennen.“ Allerdings werde es für ambitionierte Jedermann-Radler von Jahr zu Jahr extremer. Der Leistungsgedanke stehe derart im Mittelpunkt, „dass für die Sehenswürdigkeiten an der Strecke kein Blick mehr bleibt“. Bei der Seen Runde liege der Reiz im Extremen, zumal Hill die langen Strecken bevorzugt.

Tatsächlich sind 300-Kilometer-Fahrten für Jedermann-Rennen eher ungewöhnlich. Wer mag, kann bei der MSR schon am Freitagabend starten – und die Nacht gemütlich durchfahren. Für Hill wäre das nichts. „Ich sehe das schon sportlich und will zügig ankommen. Längere Pausen gibt es für mich nicht.“ Für andere Radler machen die gerade die Faszination des Rennens aus. Rund 3000 Teilnehmer gab es bei der ersten Austragung der Seen Runde im vergangenen Jahr. Besonders stolz ist Detlef Koepke auf die eigene Frauenrunde, die über 90 Kilometer führt und die es so nur bei seiner Veranstaltung gibt. „Die Atmosphäre ist eine ganz andere, wenn Frauen unter sich bleiben. Es geht entspannter zu als bei den Männern, die dann doch ehrgeiziger sind“, sagt Koepke.

Beim Velothon in Berlin gibt es auch ein Rennen für Profis

Das Thema Ehrgeiz beschäftigt auch Reinald Achilles. „Wir sind eine Massenveranstaltung mit einem sehr ambitionierten Feld, wollen aber auch Einsteiger ansprechen.“ Das hat wiederum zur Folge, dass Frauen deutlich in der Minderheit sind. „Wir hatten zuletzt eine Frauenquote von zwölf Prozent, das ist nicht das, was wir uns wünschen“, sagt Achilles. Der Mecklenburger Ansatz sei „klasse“, auch deshalb gibt es in Berlin inzwischen einen reinen Frauenstartblock. Ziel sei es „eine Familienveranstaltung“ zu werden, bei der am Samstag der Nachwuchs im Kids-Rennen startet und am Sonntag die Eltern auf die Strecke gehen.

Insgesamt sehen beide Organisatoren die Entwicklung der Jedermann-Rennen positiv. „MSR und Velothon haben beide das Ziel, etwas für den Radsport zu tun“, sagt Koepke. Denn heute funktioniere der Leistungssport „aus der Aktivität heraus“ und nicht mehr durch Heldenverehrung und den damit verbundenen Nachahmungseffekt. Achilles erkennt deshalb „eine große Schnittmenge mit der Mecklenburger Seen Runde“ und wünscht sich im Interesse der Fahrer, dass die Rennen künftig „ein oder zwei Wochen auseinander liegen“. Vielleicht klappt das schon im nächsten Jahr, der Termin für die MSR steht mit dem 27. und 28. Mai 2016 bereits fest. Für den Velothon wird noch ein Wochenende gesucht, am liebsten wäre Achilles ein Datum Ende Juni. In diesem Jahr müssen sich die Radsportler für einen Ort entscheiden. So wie Jöran Hill. „Ich fahre die Seen Runde, das ist praktisch ein Heimspiel für mich.“

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