Vierschanzentournee : Wie eine Randsportart Popkultur wurde

Es gibt weltweit gerade 400 professionelle Skispringer - dennoch ist der Sport extrem populär. Ein Hauptgrund dafür sind geschickte Regeländerungen.

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Einer springt, alle gucken zu. Noch Anfang der 1990er Jahre war Skispringen eine reine Randsportart ohne öffentliches Interesse. Mittlerweile allerdings sind die Einschaltquoten im Fernsehen und die Besucherzahlen an den Schanzen konstant hoch, besonders bei der Vierschanzentournee.
Einer springt, alle gucken zu. Noch Anfang der 1990er Jahre war Skispringen eine reine Randsportart ohne öffentliches Interesse....Foto: Imago

Die Aufgabenbereiche haben sich deutlich erweitert. Es reicht für die Veranstalter der Vierschanzentournee längst nicht mehr aus zu wissen, wie der Schanzentisch präpariert wird, wie die Windstärken gemessen und die ehrenamtlichen Helfer bewirtet werden. Mittlerweile müssen sie sich auch mit Musik auskennen. Und so kommen dann Aussagen zustande wie die von Stefan Huber, Generalsekretär beim Auftaktspringen in Oberstdorf. „Unser Tourneesong ,Liberty‘ verkörpert das Urtypische des Skispringens“, erzählt Huber. „Das Fliegen, das Freisein, die Schwerelosigkeit.“ Wenn die Vierschanzentournee am Dienstag beginnt, wird sie also auch eine eigene poppige Hymne haben, eingesungen von dem Castingshow-Talent Michael Lane.

Solchen Begleiterscheinungen kann sich das Skispringen offensichtlich nicht mehr verschließen. Denn es wird immer populärer. Das zeigen vor allem die TV-Einschaltquoten. So erreichte das Auftaktspringen dieser Saison Mitte November in Klingenthal in der ARD einen neuen Höchstwert. Mehr als 2,2 Millionen Zuschauer sahen sich die Wettkämpfe an. Die Tournee ist noch einmal in einer eigenen Liga. Im Vorjahr schauten bei allen vier Springen durchschnittlich mehr als 5,2 Millionen Menschen zu, bei einem Marktanteil von 25 Prozent. Außerdem werden insgesamt mehr als 100 000 Besucher an den Schanzen erwartet.

So viel Zuspruch begeistert auch das deutsche Team um Severin Freund, Richard Freitag und Andreas Wellinger. „Die Aufmerksamkeit für uns ist sehr hoch“, sagt Bundestrainer Werner Schuster. „Es ist wirklich super, was derzeit im Skispringen passiert. Wir haben anderen den Rang abgelaufen.“

Dass das Interesse am Skispringen weiterhin steigt, überrascht selbst Walter Hofer noch immer. „Schließlich sind wir eine Randsportart, und das meine ich nicht als Koketterie“, sagt der Österreicher, der beim Internationalen Ski-Verband Fis seit 1992 Skisprung-Renndirektor ist. Weltweit betreiben nur rund 400 Athleten diesen Sport innerhalb professioneller Strukturen, die Ausrüstung und die Sportstätten sind so speziell, dass die meisten Menschen niemals Skispringen werden. „Eigentlich stehen wir auf einer Stufe mit Rodeln oder Eisschnelllauf“, sagt Hofer.

Der 60-Jährige erinnert sich auch noch an Zeiten Anfang der Neunziger, als das Skispringen außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung stattfand, als die Berichterstattung über einen Weltcup in Finnland darin bestand, dass er ein Fax mit den Ergebnissen verschickte. Das war es dann aber auch. „Doch wir haben es geschafft, die Sportart neu zu positionieren“, betont Hofer. „So sind wir in einen Reigen der Aufmerksamkeit eingetreten, in den wir eigentlich gar nicht hingehören.“

Um dorthin zu kommen, schob Hofer einige Reformen an. Er setzte durch, was heutzutage als völlig selbstverständlich erscheint: Dass überall die gleichen Regeln gelten – ob nun im Weltcup, bei Olympischen Spielen oder bei Weltmeisterschaften. „So haben wir zunächst einmal einen Wiedererkennungswert geschaffen“, sagt er. Denn zuvor hatte jeder Wettkampf seine eigenen Regeln und Formate.

Der nächste Schritt war, das Teilnehmerfeld zu vereinheitlichen. Anfang der Neunziger starteten bei einem Tournee-Springen mehr als 120 Athleten. So waren die Wettbewerbe unberechenbar. Und wenn dann die Hälfte der Teilnehmer wegen schwieriger Windverhältnisse auch noch ihre Sprünge wiederholen musste, zog sich alles ewig in die Länge. Zunächst wurde das Starterfeld auf 90 reduziert, später auf 70, dann auf 60 und schließlich kamen Hofer und seine Mitstreiter auf die Formel: 50 Skispringer im ersten und 30 im zweiten Durchgang. „Wenn man als Sport für das Fernsehen interessant sein will, darf ein Wettkampf nie länger als ein Fußballspiel dauern – unser jetziges Format garantiert das“, betont Hofer. Mit ständig angepassten Materialrestriktionen wirkte die Fis zudem darauf ein, dass die Sportart trotz fortschreitender Entwicklung immer ihr gewohntes Erscheinungsbild behält.

Außerdem kommt dem Skispringen die örtliche Begrenzung entgegen. Es wird eben nur an einer Schanze gesprungen – nicht an einem kompletten Abfahrtshang oder einer Langlaufstrecke. „So können wir einen Stadioncharakter kreieren, das bringt zusätzliche Attraktivität“, sagt Hofer.

Die große Faszination des Skispringens für breite Zuschauermassen erklärt er jedoch mit dem fast Unbegreiflichen, dass Menschen von riesigen Schanzen mit Skiern durch die Luft fliegen. „Kaum jemand kann es nachvollziehen. Deshalb zieht es so viele in seinen Bann.“ Mit dem Produkt Skispringen befindet sich die Fis derzeit in einer überaus komfortablen Lage. Für die Weltcup-Wettbewerbe gibt es deutlich mehr Interessenten, als es Termine gibt. So versucht der Verband, dem Winter ein bis zwei Wochenenden mehr abzugewinnen, um weiter zu expandieren. Dabei schaut Walter Hofer auf Russland, auf weitere ehemalige Staaten der Sowjetunion wie Kasachstan, aber er schaut auch besonders auf die Märkte in den USA und in Kanada. „Wir haben genug Potenzial, um auch dort wieder Fuß zu fassen“, sagt er.

Trotz all der Wünsche nach Wachstum, eines will Hofer auf keinen Fall: „Wir werden keine Showelemente oder exotische Austragungsorte in unseren Sport hineinbringen. Wir dürfen uns nicht von unserem roten Faden entfernen.“ Es dürfte also erst mal bei einer Pop-Hymne bleiben.

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