Sport : Völker, hört die Signale!

Die Nationalmannschaft glaubt, dass sie von der Konkurrenz wieder ernsthaft gefürchtet wird

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Botschaft nach draußen. Mesut Özil führte die deutsche Elf zum zehnten Sieg im zehnten Qualifikationsspiel. Im nächsten Jahr soll der EM-Titel her. Foto: dapd Foto: dapd
Botschaft nach draußen. Mesut Özil führte die deutsche Elf zum zehnten Sieg im zehnten Qualifikationsspiel. Im nächsten Jahr soll...Foto: dapd

Die Metamorphose vom Bundesliga- zum Nationalspieler ist manchmal ein recht langwieriger Prozess. Marco Reus hat das auf beeindruckende Weise erfahren, 17 Monate sind zwischen seiner ersten Nominierung und dem Debüt in der Nationalelf vergangen; doch selbst als er es endlich geschafft hatte, musste der Fußballer von Borussia Mönchengladbach feststellen, dass man als Nationalspieler nie auslernt. Weil Reus nach dem 3:1-Erfolg gegen Belgien seinen Beitrag als Einwechselspieler für nicht ausreichend erachtete, um sich anschließend ausgiebig feiern zu lassen, strebte er gleich nach dem Abpfiff der Kabine entgegen. Am Bundestrainer aber kam er nicht vorbei. Joachim Löw wies dem jungen Mann den richtigen Laufweg, und so schloss sich Reus mit leichter Verspätung und etwas Rückstand doch noch der Ehrenrunde seiner Mannschaft an. So ist das mit Joachim Löw. Selbst auf unscheinbare Details legt er großen Wert.

Welche Wirkung diese Details entfalten, war in der EM-Qualifikation zu beobachten. Zehn Siege aus zehn Spielen, das hat es selbst in der ruhmreichen Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes nie zuvor gegeben. „Was will man mehr?“, fragte Löw, der dem Rekord lange keine besondere Bedeutung beigemessen hatte. Erst unmittelbar vor dem Spiel gegen Belgien ging dem Bundestrainer auf, dass er das Thema doch ansprechen sollte: weniger als Motivation für die eigene Mannschaft, sondern zur Demotivation – für die versammelte Konkurrenz.

„Europa verfolgt natürlich, was wir als deutsche Nationalmannschaft machen“, sagte deren Manager Oliver Bierhoff. „Da kann es nur gut sein, wenn alle sehen, dass wir uns weiter entwickeln.“ Genau deshalb lag auch dem Bundestrainer so viel an einem erfolgreichen Schlussspurt in der EM-Qualifikation. Als „Botschaft nach draußen“ wollte er den finalen Sieg verstanden wissen, damit die Konkurrenz schon mal weiß: „Boah, da ist eine Mannschaft, die ist immer gefährlich. Die lässt einfach nicht nach.“

Die Botschaft ist angekommen. „Das große Deutschland ist da“, sagte Belgiens Nationaltrainer Georges Leekens, dem die deutsche Mannschaft wie „eine Maschine“ vorgekommen war. Die Maschine surrte mit erstaunlicher Präzision, und am Ende spuckte sie, inklusive Ergebnis, exakt das baugleiche Spiel aus wie vier Tage zuvor in Istanbul. „Wir waren erstmal ein bisschen eingeschüchtert“, sagte Verteidiger Per Mertesacker. „Aber wir haben uns auch nicht verunsichern lassen.“ Nach diesem heiklen Beginn gewann die Nationalmannschaft peu à peu und irgendwie ganz selbstverständlich die Hoheit über das Geschehen. Das Spiel kippte, ohne dass man genau hätte sagen können, warum eigentlich, und wie schon gegen die Türkei führte gleich der erste klare Angriff der Deutschen zum 1:0. „Gratuliere, wie intelligent sie das spielen“, sagte Leekens.

Das Spiel der Nationalmannschaft ist – im Vergleich zur rauschhaften WM 2010 – tatsächlich erwachsener geworden, ohne dass es das Rauschhafte komplett eingebüßt hätte. „Die Mannschaft ist stark, sie ist hungrig, sie lässt nie nach“, sagte Löw. Hinzu kommt eine fußballerische Qualität, wie sie in der Geschichte des deutschen Fußballs noch nicht allzu oft vorhanden war. Per Mertesacker, der bereits 2004 den schwierigen Beginn der neuen Zeit miterlebt hat, findet die Entwicklung „insgesamt schon sehr beeindruckend“. Die Frage wird sein: Wann und wo kommt diese Entwicklung an ihr Ende? „Unser Ziel muss es sein, den Titel nach Deutschland zu holen“, findet Mesut Özil. „Es wird auch Zeit, dass Deutschland mal Europameister wird. Wenn wir so weiter machen, können wir das auch schaffen.“

Mit weniger wird sich die Nation kaum noch zufrieden geben. „Wir haben die Ansprüche hoch gesetzt“, sagt Manager Bierhoff. „Aber wichtig ist, dass wir nicht intern denken: Damit ist es erledigt.“ Die Mannschaft macht nicht diesen Eindruck. Im Gegenteil. Da sich die Konkurrenzsituation noch einmal deutlich verschärft zu haben scheint, bleibt auch der interne Druck hoch. Selbst Spieler, die vor kurzem noch als unantastbar galten, müssen sich inzwischen einem scharfen Wettbewerb stellen. André Schürrle wirkte in der Nationalmannschaft zuletzt wesentlich stabiler als der wankelmütige Lukas Podolski, und auch Mario Gomez hat den Abstand auf Miroslav Klose entscheidend verkürzen können. Nicht nur, weil er in sechs seiner letzten sieben Länderspieleinsätze getroffen hat. Der wuchtige Gomez findet sich auch immer besser in das Kombinationsspiel der deutschen Mannschaft ein.

Der Bundestrainer wird in den kommenden Monaten wohl häufiger zu hören bekommen, dass man nicht in seiner Haut stecken möchte, wenn er aus der Fülle der Kandidaten seinen Kader für die EM und schließlich eine Stammelf destillieren muss. Löw aber fühlt sich so wohl wie selten zuvor.

„Noch nie war die Nominierung so leicht“, sagt er. Denn wer auch immer am Ende unter den 23 Auserwählten sein wird, der Bundestrainer weiß bei jedem einzelnen, dass er seinen hohen fußballerischen Ansprüchen genügen wird und deshalb problemlos in die Mannschaft rücken kann. Aus einer Fülle von Möglichkeiten auswählen zu können, anstatt den Mangel zu verwalten – „das ist ein unglaublich gutes Gefühl“, sagt Joachim Löw. „Auch wenn ich manchem weh tun muss.“

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