Sport : Volkmars Eigentor

Der Berliner Torhüter Groß stand vor einer hoffnungsvollen Karriere, dann wurde er in den Bundesliga-Skandal verwickelt

Sven Goldmann

Volkmar Groß hat viel zu tun. Der Beamer für die Großbildleinwand wird geliefert, der Tischler hat noch Fragen, und einkaufen muss er auch noch. Heute steigt die Eröffnungsparty seiner Sportbar, sie heißt „Volkmars Tor“, ein Hinweis darauf, dass Volkmar Groß nicht immer Budiker war. An den Wänden des Lokals an der Kaiserin-Augusta-Allee hängen Fotos. Hier steht er neben Kevin Keegan, dort hechtet er nach einem Schuss von Gerd Müller. Der Fußballtorwart Volkmar Groß war mit seinen 1,92 Metern, dem blonden Haar und den langen Koteletten eine beeindruckende Erscheinung. Ein Bild ist in Athen aufgenommen worden. Es zeigt Groß zwischen Franz Beckenbauer und Wolfgang Overath. Beckenbauer trägt ein Oberlippenbärtchen, und Overath war damals Kapitän der Nationalelf. Am 22. November 1970 siegte Deutschland 3:1 gegen Griechenland, die Torschützen hießen Netzer, Grabowski und Beckenbauer. Es war das erste Länderspiel des damals 22- jährigen Groß, und Stammtorhüter Sepp Maier urteilte im Tagesspiegel: „Volkmar steht vor einer großen Karriere.“

Heute ist er 57, mit weniger Haar und mehr Bauch als früher. Volkmar Groß hat keine große Karriere gemacht, aber ein aufregendes Leben gelebt. „Ich war ganz oben und ganz unten“, sagt er. „Eigentlich lief alles nach Plan. Tja, und dann kam der Bundesliga-Skandal.“ Am 5. Juni 1971 tritt Hertha BSC zum letzten Saisonspiel gegen Arminia Bielefeld an. Der dritte Platz ist den Berlinern nicht mehr zu nehmen, Zweiter können sie aber auch nicht mehr werden. In diese Konstellation hinein kommt ein Angebot von Kickers Offenbach: 140 000 Mark Prämie setzen die Hessen aus für einen Sieg gegen Bielefeld, den Rivalen im Kampf gegen den Abstieg. „Bernd Patzke und Tasso Wild haben für uns verhandelt“, erzählt Volkmar Groß, „Wenn die uns fürs Gewinnen Geld geben wollen – warum nicht?“ Ja, da sei auch eine Anfrage aus Bielefeld gekommen, ob Hertha nicht für 250 000 Mark verlieren wolle. „Darüber haben wir gelacht“, sagt Groß. „Wie soll ich das denn machen, absichtlich einen Ball durchlassen? Das merkt doch jeder. Nein, für Geld zu verlieren, das war nie ein Thema.“

Hertha spielt schlecht und verliert 0:1. In den Presseberichten von damals ist zu lesen, Groß sei der beste Berliner gewesen. An die Stunden danach erinnert er sich, als sei es gestern gewesen. „Wir sind gleich nach dem Spiel in eine Kneipe an der Heerstraße gefahren. Alle Spieler. Heute gibt es so etwas ja nicht mehr, aber wir waren eben noch eine richtige Mannschaft.“ Es gibt Bier, viel Bier. Irgendwann kommt Jürgen Rumor, der gegen Bielefeld wegen einer Verletzung nicht mitspielen konnte. Rumor trägt einen Koffer, noch in der Kneipe zeigt er den Kollegen, was drin ist: Geldscheine. Er komme gerade von den Bielefeldern, „die glauben, dass wir absichtlich verloren haben“.

Heute weiß Groß, dass sich in diesem Augenblick seine Karriere, ja sein ganzes Leben entschied. „Wir sind mit dem Koffer und allen Spielern um die Ecke in meine Wohnung weitergezogen.“ Es gibt noch mehr Bier, und die Spieler teilen das Geld unter sich auf. 15 000 Mark bekommt jeder, „das war viel Geld, wir haben ja längst nicht so gut verdient wie die heutigen Profis“. Volkmar Groß lacht. „Da sehen Sie mal, was Alkohol aus vernünftigen Menschen macht.“ Am nächsten Tag hört er im Radio von den Enthüllungen des Offenbacher Präsidenten Horst-Gregorio Canellas. Der betrogene Betrüger hatte bei seinen Verhandlungen ein Tonband mitlaufen lassen und dieses bei seiner Geburtstagsparty vorgespielt. Patzke ist zu hören, wie er mit dem Hinweis auf das Angebot aus Bielefeld den Preis für die Offenbacher hochtreiben will. Die Bundesliga hat ihren Skandal.

„Volkmar war einer der Ersten, die vor der neuen Saison auf mich zukamen und die Sache erzählt haben. Natürlich habe ich ihm geglaubt“, sagt Wolfgang Holst, damals Herthas 2. Vorsitzender. Holst spielt auf Zeit. Die Transferperiode ist abgelaufen, wenn die Spieler jetzt die Annahme des Bielefelder Geldes gestehen, muss Hertha mit Junioren und Amateuren in die Saison gehen. Das würde den sicheren Abstieg bedeuten. Also warten die Herthaner mit ihren Geständnissen, bis der Abstieg rechnerisch nicht mehr möglich ist. Kaum jemand kauft den Spielern die Geschichte ab, sie hätten nicht manipuliert und das Geld nur angenommen, weil es nun mal da war. Alle werden für zwei Jahre gesperrt. Groß wechselt mit Arno Steffenhagen und Jürgen Weber zu Hellenic Kapstadt nach Südafrika. Zum 26. November 1973 werden die Skandalsünder begnadigt, „doch in der Bundesliga hat uns keiner gewollt“, erzählt Groß.

Also geht es weiter nach Holland, wo er mit Twente Enschede ins Uefa-Cup-Finale einzieht. Das erste von zwei Finalspielen gegen Borussia Mönchengladbach endet in Düsseldorf 0:0, „im zweiten wollten wir Gladbach zu Hause überrennen. Das hat nicht ganz geklappt.“ Mönchengladbach siegt 5:1. Volkmar Groß haben sie in Enschede bis heute nicht vergessen. Vor ein paar Monaten hat er Hans Meyer getroffen, der Twente in den Neunzigerjahren trainierte. „Die Holländer verehren zwei deutsche Fußballer“, hat Meyer ihm erzählt: „Helmut Rahn und dich – ihr konntet beide eine Nacht durchsaufen und am nächsten Tag ein gutes Spiel machen.“

1977 kommt ein Angebot aus Berlin, vom Bundesliga-Aufsteiger Tennis Borussia. Den Abstieg kann er nicht verhindern, aber die „Bild am Sonntag“ wählt ihn vor Franz Beckenbauer zum besten Spieler der Saison. Hertha will Groß zurückholen, doch der mag nicht, „meine Frau hatte den Verdacht, dass ich hier zu viele hübsche Mädchen kenne“. Er ist sich mit dem 1. FC Köln schon einig, „ich sitze gerade beim Kölner Präsidenten im Büro, da klingelt plötzlich das Telefon“. Am Apparat ist seine Mutter, sie sagt: „Volkmar, gerade haben die Schalker angerufen, du sollst auf keinen Fall in Köln unterschreiben, sie machen dir ein besseres Angebot.“ Also geht Groß zu Schalke, „da waren wir Skandalsünder alle wieder zusammen“. Die Gelsenkirchener hatten im Bundesliga-Skandal erst ein Spiel verkauft und später einen Meineid geschworen.

35 Spiele macht er für Schalke, um seinen Abschied im Winter 1979 ranken sich Legenden. Schalkes Präsident Günter Siebert behauptet, der Torhüter sei bei Nacht und Nebel geflohen. „Ach, was der Siebert so erzählt“, sagt Groß. „Ich wurde am Knie operiert, und dann kam ein Angebot aus den USA. Ich bin in Zehlendorf mit Amerikanern aufgewachsen, in Englisch hatte ich schon immer eine Eins, und es war schon immer mein Traum, nach Amerika zu gehen.“ Also geht er – und bleibt 25 Jahre. Groß wird mit den San Diego Sockers US-Hallenmeister, später arbeitet er als Torwarttrainer, dann verkauft er Autos. Es wird ruhig um Volkmar Groß, ab und zu sind seltsame Geschichten über ihn zu hören. „Kenne ich alle“, sagt er. „Angeblich war ich Dockarbeiter und Alkoholiker. So ein Blödsinn!“

Seit knapp zwei Jahren lebt Volkmar Groß wieder in Berlin. Das rechte Knie war ruiniert, er brauchte ein künstliches Gelenk, und das amerikanische Gesundheitssystem ist in solchen Fällen nicht sehr großzügig. Herthas Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher hat ihm die Operation vermittelt. Der Kontakt zum Verein ist gut, Groß bekommt für jedes Spiel zwei Ehrenkarten. Der alte Bundesliga-Skandal ist kein Thema mehr. Und der neue? Volkmar Groß winkt ab. „Damals sind Spieler bestochen worden, das wäre gar nicht mehr möglich, bei den Gehältern heute. Wer da ein Spiel kaufen will, muss 20 Millionen auf den Tisch legen.“

Das erste Spiel, das Volkmar Groß auf der Großbildleinwand seiner Sportbar anschaut, ist sein Schicksalsspiel. Bielefeld gegen Hertha. Bielefeld gewinnt 3:0, und niemand spricht von Schiebung.

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