Vom Knast zurück auf den Platz : Süleyman Koc: Auf der Flucht in ein neues Leben

Der Berliner Fußballprofi Süleyman Koc hat im Gefängnis gesessen, weil er Mitglied einer brutalen Räuberbande war. Jetzt ist er aus der vierten in die zweite Liga gewechselt und bekommt beim SC Paderborn seine große Chance.

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Blick zurück: Süleyman Koc will in Paderborn seine zweite Chance nutzen.
Blick zurück: Süleyman Koc will in Paderborn seine zweite Chance nutzen.Foto: Imago

In sein neues Leben konnte es für Süleyman Koc gar nicht schnell genug gehen. Mit 210 Stundenkilometer brettern er und ein Freund über die Autobahn Richtung Paderborn. Das Gaspedal stets am Anschlag. Bloß weg aus Berlin. 400 Kilometer in zweieinhalb Stunden. Wie auf der Flucht.

Geschwindigkeit hat immer schon eine Rolle gespielt im Leben von Süleyman Koc. Auf dem Fußballplatz ist sie sein großer Trumpf. Mit 1,75 Metern ist er den meisten Gegenspielern trotz seiner kräftigen Statur körperlich unterlegen. Wenn Koc, 24 Jahre alt, allerdings zum Tempodribbling ansetzt, können sie ihn nicht stoppen. Im Privatleben war Geschwindigkeit noch wichtiger. Als Fahrer einer kriminellen Bande ging es um Sekunden. Dann musste Koc mit dem Fluchtauto schneller sein als auf dem Rasen.

Zwei Monate lang ging das so, dann wurden Koc und die anderen eines Morgens von der Polizei überrascht. Ende 2011 folgte die Verurteilung. Wegen schweren Raubes wurde Koc zu einer Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt. Elf Monate saß er in Untersuchungshaft, im März 2012 kam er gegen Kaution frei. Anschließend ging es in den offenen Vollzug.

Bei der Verhandlung erfuhr die Öffentlichkeit, mit welcher Brutalität die Angeklagten vorgegangen waren, als sie Anfang 2011 in Moabit und Wedding Cafés und Spielcasinos überfielen. Angestellte wurden mit Eisenstangen, Samuraischwertern oder Macheten bedroht. Einem Kellner wurde der Kopf mit einem schweren Aschenbecher aus Glas blutig geschlagen. Der Boulevard taufte die Gruppe die „Machetenbande“. Neben Koc war auch Guido Kocer dabei, der inzwischen für Erzgebirge Aue spielt. Kocer entging einer Verurteilung. Koc nicht. Der war im Gegensatz zu Kocer nicht nur einmal, sondern sieben Mal als Fahrer an den Überfällen beteiligt.

In Paderborn will sich Koc nur noch auf Fußball konzentrieren

Kein Wunder, dass Koc mit dieser Vergangenheit ein starkes Medieninteresse hervorruft, als er im Januar beim SC Paderborn vorgestellt wird. Seit dem 1. Januar ist er offiziell aus der Haft entlassen. Fußball spielt er schon länger wieder. Nun steht der junge Mann in den Katakomben der Paderborner Arena. Äußerlich versucht er, locker zu wirken, aber sein kindliches Gesicht mit den weichen Konturen und die braunen Augen verraten Anspannung. Koc muss sich fühlen, als würden hundert Messer in seiner Brust stecken.

Gut 30 Journalisten warten auf ihn. Radio- und Fernsehanstalten haben ihre Mitarbeiter gesandt. Ungewöhnlich viel Rummel für einen, der aus der vierten Liga vom SV Babelsberg kommt und nur 65.000 Euro Ablöse gekostet hat. Aber um Sportliches geht es nur am Rande.

Koc, kurze schwarze Haare, schwarzes Sweatshirt, blaue Jeansjacke, blaue Jeanshose, soll sich erklären. Er soll über seine Vergangenheit sprechen, sagen, dass ihm das alles leid tut und er jetzt ein neuer Mensch ist. Einer, der nach vorn blickt.

Bei Koc verursacht die Situation Unwohlsein. Er wird in seinem Stuhl immer kleiner, lässt die Schultern hängen und erzählt etwas davon, dass Paderborn eine schöne Stadt sei und er die Chance als Profifußballer nutzen wolle. Sätze, die wie auswendig gelernt klingen. Während er spricht, schaut er meist geradeaus. Sein Blick ist leer, seine Augen suchen Halt an den weißen Wänden. Doch da ist kein Halt. „Das ist gar nicht mein Ding“, sagt er hinterher mit leiser Stimme und ruhigem Tonfall. So spricht Süleyman Koc. Leute, die ihn kennen, beschreiben ihn als stets höflichen, zurückhaltenden Mann.

Ob das das Profigeschäft und die überdrehte Medienwelt womöglich auch nicht sein Ding sind? „Ich will es hier schaffen“, sagt Koc.

Ob Drogendealer oder Zuhälter - Koc kennt rund um die Turmstraße viele Leute

Paderborn ist für ihn die Chance, sein Leben in den Griff zu kriegen. Zum ersten Mal ist er richtig weg aus Berlin. Weg von seiner Familie, seinen Freunden und seiner Freundin, die in Potsdam studiert. „Das ist gut, dann kann ich mich nur auf Fußball konzentrieren“, sagt Koc. In Berlin ging das nicht.

Um sein Leben in Berlin zu verstehen, muss man mit Süleyman Koc durch Moabit fahren. Ein Jahr ist das jetzt her. Koc spielt noch für Babelsberg. Das Auto hat ihm ein Mitspieler geliehen. Die Mannschaft befindet sich im Trainingslager in der Türkei, aber Koc darf nicht mit. Er muss sich jeden Abend in der Justizvollzugsanstalt melden. Es ist dunkel, auf den Straßen wimmelt es von Menschen, Autos drängeln sich durch den Feierabendverkehr. „Ich mag das, hier ist immer was los“, sagt Koc. An einer Ampel hält er neben einem schwarzen Mercedes mit verdunkelten Scheiben. Draußen sind Minusgrade, Koc trägt eine dicke Jacke und eine schwarze Wollmütze, aber der Fahrer im Auto neben ihm ist nur im T-Shirt unterwegs. Seine muskulösen Oberarme und der Goldschmuck am Hals und an den Unterarmen kommen so besser zur Geltung. „Siehst du den Typen?“, fragt Koc. „Der ist Drogendealer.“ Minuten später, ähnliche Situation, ähnlicher Typ im Auto. „Der verdient sein Geld mit Mädchen.“

Koc kennt rund um die Turmstraße ziemlich viele Leute. Was nicht immer von Vorteil ist. „Hey Sülo“, grüßt einer beim anschließenden Spaziergang. In einem Döner-Imbiss begrüßt er die gesamte Belegschaft mit einem Küsschen. Der Laden gehört einem seiner Onkel. Hierher kommt er oft zum Essen. So wie früher, wenn er mit seinen Kumpels auf der Straße gekickt hat.

Berliner Fußballer im Konflikt mit dem Gesetz
Süleyman Koc, Berliner und Profi beim SV Babelsberg, soll als Anführer einer Bande mehrere Automatencasinos brutal überfallen haben. Am 22.12.2011 wird er deshalb zu drei Jahren Haft verurteilt. Auch andere Berliner Kicker kamen schon mit dem Gesetz in Konflikt, wenn auch in der Schwere der Tat kaum vergleichbar.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Eibner
23.09.2012 17:15Süleyman Koc, Berliner und Profi beim SV Babelsberg, soll als Anführer einer Bande mehrere Automatencasinos brutal überfallen...

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