• Von der Intensivstation zu den Champions Magdeburgs Isländer Sigurdsson: „Ich stand an der Tür zur Hölle“

Sport : Von der Intensivstation zu den Champions Magdeburgs Isländer Sigurdsson: „Ich stand an der Tür zur Hölle“

Hartmut Moheit

Berlin. Es sieht ein wenig tapsig aus, wie Sigfus Sigurdsson sich bewegt. Manchmal lachen die Zuschauer über den schwergewichtigen Isländer, der wie ein Handball spielender Wikinger aussieht. Aber die Gegner des SC Magdeburg, bei dem der 28-Jährige in der Abwehrmitte steht, finden ihn gar nicht mehr so lustig. Mit gezielter Härte versuchen sie Sigurdsson zu beeindrucken. „Das Spiel am vergangenen Mittwoch gegen Wallau-Massenheim war das erste seit langer Zeit, bei dem ich nichts in die Fresse bekommen habe“, sagt der Hüne.

Dem ohnehin angebrochenen Nasenbein tat das sehr gut. Das freute vor allem Trainer Alfred Gislason, der damit beim heutigen Champions-League-Spiel in Reykjavik gegen Haukar Hafnarfjördur auf die Stärke seines Landsmanns setzen kann. Sigurdsson sieht das aus einem etwas anderen Blickwinkel: „Ich hätte auch mit einem blauen Auge oder sonst was gespielt, Hauptsache ich konnte nach Island mitfliegen.“ Nur 15 Minuten vom Hotel entfernt ist er zu Hause, er wird seinen achtjährigen Sohn Alexander treffen, „den sehe ich sonst viel zu selten“. Sein Sohn stammt aus der Ehe mit der russischen Diplomaten-Tochter Anastasia, die vor vier Jahren in die Brüche ging. Zu einer Zeit, als der Sigfus Sigurdsson kaum etwas mit dem heutigen Nationalspieler und Star in SC Magdeburg gemein hatte.

„Ich habe an der Tür zur Hölle geklopft“, sagt Sigurdsson und erzählt von der schlimmsten Phase seines Lebens. Unmengen an Alkohol, Drogen wie Kokain und das totale Abschotten von seiner Umwelt hatten dazu geführt, dass Sigurdsson auf einer Intensivstation landete, mit Herzrhythmusstörungen, Muskelkrämpfen und Lähmungen. Aus dem Handballer war ein menschliches Wrack geworden. An Sport war nicht mehr zu denken.

„Ich dachte damals, ich bekomme das alles allein in den Griff. Dann ging ich nach Spanien, aber es half nicht. Wieder zurück in Island kam es dann zum totalen Zusammenbruch“, erinnert sich Sigurdsson heute. Auch der Führerschein war ihm für fünf Jahre entzogen worden, als er mit 3,4 Promille im Blut gestoppt wurde. Der Isländer erzählt freimütig über seine Geschichte. Dazu hat ihm Magdeburgs Manager Bernd-Uwe Hildebrand geraten. Es ist für ihn auch immer wieder ein Stück Therapie.

Sigurdsson hatte zweieinhalb harte Jahre hinter sich, als er vor dieser Saison als Nachfolger des Franzosen Kervadec zum SC Magdeburg wechselte. Für die Wende, den Ausweg aus dem Gewirr aus Depressionen, Frust und Hoffnungslosigkeit, waren seine Mutter Margret und die isländischen Handball-Nationaltrainer Thorbjörn Jensson und Johann Inge Gunnarsson verantwortlich. Ihre Forderung hieß: Therapie. Erneut spricht Sigurdsson von der Hölle, durch die er musste, erzählt von anonymen Alkoholikern, denen er sich anschloss, und von den Qualen des Entzuges: „Seit Januar 1999 habe ich keinen Alkohol mehr getrunken und auch keine Drogen mehr genommen.“

Bernd-Uwe Hildebrand wusste von der Geschichte. Ihm war Sigurdsson schon vor ein paar Jahren aufgefallen, bei der Weltmeisterschaft 1997 in Japan, „und irgendwann habe ich den isländischen Nationaltrainer gefragt, was denn aus dem talentierten Jungen von damals geworden ist. Da habe ich alles erfahren.“ Auch davon, dass aus dem Talent ein Koloss mit 162 Kilogramm geworden war, weil an Sport während der Therapie nicht zu denken war. Doch die Entgiftung zeigte Wirkung. Im Februar 2001 wog Sigurdsson nur noch 117 kg. In Island hatten sie zu ihm gehalten, er schaffte ein Comeback beim Erstligisten Valur Reykjavik. In der Magdeburger „Volksstimme“ hat Sigurdsson das erste Spiel beschrieben, vor dem er damals so große Angst hatte. Wie würden die Gegenspieler reagieren, wie die Zuschauer? „Trainer Geir Svensson sagte vor dem Spiel: Habe keine Angst, es ist nur Handball. Geh raus, genieße es, habe Spaß am Spiel. Wenn du keinen Spaß hast, geh nach Hause.“ Sigurdsson hatte Spaß. Gerade hat er seinen Vertrag in Magdeburg um ein Jahr verlängert.

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